Bald wird jeder jemanden kennen, der an Corona gestorben ist. Obwohl dieser Ernstfall für mich glücklicherweise auch ein halbes Jahr nach dem Lockdown noch nicht eingetreten ist, war ich erstmals mit der abgeschwächten Form konfrontiert: Ich kenne nun jemanden, der an Corona erkrankt ist. Täglich erkundige ich mich auf Whatsapp nach dem Zustand der Betroffenen.
Mittwoch: Die Diagnose
Im Email Postfach liegt das Urteil „H* positiv“. Die Betroffene interpretiert es trotz jugendlichem Alters und keiner Vorerkrankungen als Todesurteil. Erste Verabschiedungsbriefe werden verfasst, sie spricht von sich selbst bereits in der Vergangenheitsform.
Donnerstag: Packerlsuppe
Ein starker Fieberschub tritt ein. Die Grießnockerlsuppe aus dem Packerl schmeckt trotz höchstmöglicher Konzentration von Geschmacksverstärkern nach nichts mehr. Gerüche haben sich aus ihrer Welt verabschiedet. Die Patientin hat sich mit dem Ende abgefunden, ein wienerischer Zugang mit dem Tod tritt ein, so schlimm kann es gar nicht werden.
Freitag: Kein Superspreader
Arbeitskollegen und Familie der Betroffenen wurden negativ getestet. Erleichterung macht sich breit, zwar ist sie selbst verloren, aber zumindest würde sie niemand anderen ins Unheil mitreißen.
Samstag: Ausnahmezustand
Zusätzlich zu Corona hat die Patientin nun auch noch die Regel. Ein emotionaler Ausnahmezustand tritt ein.
Sonntag: Besserung
Die Betroffene schickt mir Fotos von sich, in denen sie in einen Apfel beißt. Der dringende Wunsch nach Alkoholkonsum und Freigang wird geäußert. Ich werte das als Zeichen der Besserung.
Montag: Billa-Hotline
Rückschlag: Stark geschwollene Beine haben dafür gesorgt, dass die Betroffene in der Nacht kein Auge zugemacht hat. Verzweifelt ruft sie in der Früh die 1450-Hotline an. Dort erhält sie die Nummer für ein Ärztezentrum, das sie aufgrund ihrer starken Schmerzen sogleich anruft. Doch am anderen Ende meldet sich kein Arzt, sondern die Billa-Zentrale. Die Patienten wähnt sich in einem kafkaesken Fiebertraum gefangen. In Tränen aufgelöst vertraut sie sich dem Billa-Telefonisten an. Dieser ist bereits geschult mit der Situation, es ist nicht der erste Anruf, bei dem es nicht um Probleme mit dem Online-Shop geht: offenbar gibt es bei der von 1450 ausgegebenen Nummer eine Überschneidung mit der Billa-Zentrale. Mit ruhiger Stimme gibt er der Patientin die richtige Nummer, die er sich eigens auf einem Post-It notiert hat, das auf seinem Bildschirm klebt. Folgsam ruft die Patientin bei der neuen Nummer an und bekommt nun endlich einen Arzt ans Telefon. Es spielt sich folgender Dialog ab:
Arzt:
„Nehmen Sie eh Ihre Medikamente?“
Erkrankte:
„Ich habe nie welche bekommen“
Arzt:
„Sie müssten seit einer Woche Medikamente nehmen, damit das Virus nicht auf die Lunge schlägt“
Erkrankte:
„Davon habe ich nie was gehört – mir wurde gesagt, dass ich eben keine Medikamente nehmen darf. Ich kann kaum mehr aufstehen, weil mir die Füße so weh tun“
Arzt:
„Haben Sie schon Ihren Absonderungsbescheid bekommen?“
Erkrankte:
„Nein“
Epilog
Die Patientin hat mittlerweile Medikamente und Absonderungsbescheid erhalten. Sie befindet sich am Weg der Besserung.
Bald wird jeder jemanden kennen, der an Corona gestorben ist. Obwohl dieser Ernstfall für mich glücklicherweise auch ein halbes Jahr nach dem Lockdown noch nicht eingetreten ist, war ich erstmals mit der abgeschwächten Form konfrontiert: Ich kenne nun jemanden, der an Corona erkrankt ist. Täglich erkundige ich mich auf Whatsapp nach dem Zustand der Betroffenen.
Mittwoch: Die Diagnose
Im Email Postfach liegt das Urteil „H* positiv“. Die Betroffene interpretiert es trotz jugendlichem Alters und keiner Vorerkrankungen als Todesurteil. Erste Verabschiedungsbriefe werden verfasst, sie spricht von sich selbst bereits in der Vergangenheitsform.
Donnerstag: Packerlsuppe
Ein starker Fieberschub tritt ein. Die Grießnockerlsuppe aus dem Packerl schmeckt trotz höchstmöglicher Konzentration von Geschmacksverstärkern nach nichts mehr. Gerüche haben sich aus ihrer Welt verabschiedet. Die Patientin hat sich mit dem Ende abgefunden, ein wienerischer Zugang mit dem Tod tritt ein, so schlimm kann es gar nicht werden.
Freitag: Kein Superspreader
Arbeitskollegen und Familie der Betroffenen wurden negativ getestet. Erleichterung macht sich breit, zwar ist sie selbst verloren, aber zumindest würde sie niemand anderen ins Unheil mitreißen.
Samstag: Ausnahmezustand
Zusätzlich zu Corona hat die Patientin nun auch noch die Regel. Ein emotionaler Ausnahmezustand tritt ein.
Sonntag: Besserung
Die Betroffene schickt mir Fotos von sich, in denen sie in einen Apfel beißt. Der dringende Wunsch nach Alkoholkonsum und Freigang wird geäußert. Ich werte das als Zeichen der Besserung.
Montag: Billa-Hotline
Rückschlag: Stark geschwollene Beine haben dafür gesorgt, dass die Betroffene in der Nacht kein Auge zugemacht hat. Verzweifelt ruft sie in der Früh die 1450-Hotline an. Dort erhält sie die Nummer für ein Ärztezentrum, das sie aufgrund ihrer starken Schmerzen sogleich anruft. Doch am anderen Ende meldet sich kein Arzt, sondern die Billa-Zentrale. Die Patienten wähnt sich in einem kafkaesken Fiebertraum gefangen. In Tränen aufgelöst vertraut sie sich dem Billa-Telefonisten an. Dieser ist bereits geschult mit der Situation, es ist nicht der erste Anruf, bei dem es nicht um Probleme mit dem Online-Shop geht: offenbar gibt es bei der von 1450 ausgegebenen Nummer eine Überschneidung mit der Billa-Zentrale. Mit ruhiger Stimme gibt er der Patientin die richtige Nummer, die er sich eigens auf einem Post-It notiert hat, das auf seinem Bildschirm klebt. Folgsam ruft die Patientin bei der neuen Nummer an und bekommt nun endlich einen Arzt ans Telefon. Es spielt sich folgender Dialog ab:
Arzt:
„Nehmen Sie eh Ihre Medikamente?“
Erkrankte:
„Ich habe nie welche bekommen“
Arzt:
„Sie müssten seit einer Woche Medikamente nehmen, damit das Virus nicht auf die Lunge schlägt“
Erkrankte:
„Davon habe ich nie was gehört – mir wurde gesagt, dass ich eben keine Medikamente nehmen darf. Ich kann kaum mehr aufstehen, weil mir die Füße so weh tun“
Arzt:
„Haben Sie schon Ihren Absonderungsbescheid bekommen?“
Erkrankte:
„Nein“
Epilog
Die Patientin hat mittlerweile Medikamente und Absonderungsbescheid erhalten. Sie befindet sich am Weg der Besserung.
“Des is aber wenig Trinkgeld für so an Haufen Klumpat”, kommentiert der Mann an der Garderobe die gerade erhaltene „freie Spende“ eines Besuchers. Missmutig und nach einem nur ihm verständlichen System verteilt er den vor sich liegenden Kleiderhaufen auf die Kleiderhaken hinter sich. Eilig legt der Besitzer der Jacken noch zwei Euro nach, was seinem Gegenüber ein zufriedenes Grummeln entlockt – der Kapitalismus hat die Anarchie der Arena in die Flucht geschlagen. Auch sonst hat sich viel getan in den letzten Jahrzehnten: die ehemals schäbige Halle wurde umgebaut, im Hof werden neben Käsekrainern mittlerweile auch Crepes serviert. Die in früheren Tagen vorm Eingang herumlungernden Punks, die ihre Dosenbiere lieber von der nahen Tankstelle statt aus der Arena geholt haben, sind verschwunden.
In einer Zeit, in der jeder Künstler ist und Menschen auf Instagram zu Berühmtheiten werden, ohne irgendetwas besonders gut zu können, darf auch ein tatsächlicher Star einmal etwas tun, was man ihm eigentlich nicht zutrauen w??rde.
Wer sich vor der Show noch einen Drink genehmigen möchte, tut das im anliegenden Arena-Beisl, in dem auch schon lange keine Revolutionen mehr geplant, sondern gemütlich zusammen gesessen und Craft Beer getrunken wird. Viel Umsatz macht die Bar an diesem Abend aber nicht, denn David Duchovny spielt nebenan in der ausverkauften Halle auf der Gitarre – wobei er sich an diesem Abend ganz dem Singen widmet und die Instrumente jenen überlässt, die mehr Erfahrung damit haben. Man muss schon zwei Mal hinhören um es zu glauben, doch der Schauspieler legt tatsächlich im mittleren Alter noch eine Gesangskarriere nach. In einer Zeit, in der jeder ein Künstler ist und Menschen auf Instagram zu Berühmtheiten werden, ohne irgendetwas besonders gut zu können, darf auch ein tatsächlicher Star einmal etwas tun, was man ihm eigentlich nicht zutrauen würde.
Es ist diese Verletzbarkeit, die Duchovnys Ausstrahlung ausmacht, sein gesenkter Blick, der stets über den Rand des Abgrundes zu schielen scheint, wie um zu sagen, dass alles wirklich schlimm, aber am Ende doch nebensächlich ist.
„Mein Stiefgroßvater war Wiener, er hat Bücher wie „Der alte Mann und das Meer“ ins Jiddische übersetzt“, erzählt er dem Publikum an diesem kalten Wiener Spätwinterabend, fünfundzwanzig Jahre nachdem er als Agent Mulder in Hollywood nach Außerirdischen gesucht hat. Während seine Rolle als Agent Mulder eigentlich schon als Lebenswerk gereicht hätte, machte er sich fünfzehn Jahre später mit „Californication“ vom Helden der Jugend zum Vorbild einer ganzen Generation verlorener Tagträumer. Als gleichzeitig gefeierter wie gescheiterter Schriftsteller durchstreift er ziellos Los Angeles auf der Suche nach sich selbst, der Inspiration für einen neuen Roman, oder zumindest jemandem, der ihm einen Drink serviert. In „Californication“ tut er das, was er am besten kann: er spielt sich selbst, und das ist auch die Agenda für den heutigen Abend. Er weiß um die Verehrung, die ihm entgegenschlägt, ganz egal wo er steht und was er tut. Gleichzeitig hielten ihn Depression, Alkohol- und Sexsucht stets auf dem Boden der Realität. Es ist diese Verletzbarkeit, die seine Ausstrahlung ausmacht, sein gesenkter Blick, der stets über den Rand des Abgrundes zu schielen scheint, wie um zu sagen, dass alles wirklich schlimm, aber am Ende doch nebensächlich ist. Duchovny schafft es, gleichzeitig Frauenheld, lustloser Taugenichts und der Typ von nebenan zu sein, mit dem man gerne ein Bier trinken und eine Nacht lang über Charles Bukowski reden würde.
Irgendwie warten alle darauf, dass der Hauptact David Duchovny auf die Bühne kommt, obwohl der Musiker David Duchovny ja schon seit einer Stunde spielt.
Das Geschlechterverhältnis im Publikum ist ausgewogen: die Frauen wollen mit ihm schlafen, und ihre ebenfalls anwesenden Männer hätten nichts dagegen, weil sie ihn selbst viel zu toll finden. Auf den Stufen neben dem Tontechniker steht ein junges Paar, sie sind extra aus der Steiermark für das Gastspiel angereist. Sie flüstert ihm ins Ohr, dass es das beste Konzert sei, auf dem sie je war, um gleich danach wieder lauthals mitzusingen. Ihre Textsicherheit sticht heraus, ein Teil der Anwesenden hat Duchovnys Lieder auf der Herfahrt mit der Ubahn wohl schnell zum ersten Mal auf Spotify gestreamt. Man ist primär wegen Agent Mulder und Hank Moody gekommen, der Musiker David Duchovny ist noch nicht allen bekannt. So scrollt ein junger Mann auf seinem Smartphone über die Wikipedia-Seite Duchovnys, offenbar ist er nicht sicher, ob es wirklich der große Schauspielstar ist, der da vor ihm auf der Bühne steht. Die Frau neben ihm tippt eine SMS in ihr Handy mit dem Text: „Bin grad in der Arena beim Akte X Typen“. Irgendwie warten alle darauf, dass der Hauptact David Duchovny auf die Bühne kommt, obwohl der Musiker David Duchovny ja schon seit einer Stunde spielt. Immer wieder riecht es nach halbverdauter Wurst, einer der Herren im Umkreis hat wohl zu gierig beim Käsekrainer Buffet zugeschlagen.
Während der Schauspieler David Duchovny bedeutungsvolle Worte nachsprechen kann wie kaum ein anderer, fällt ihm das Singen dieser Zeilen etwas schwerer, was aber weder ihn noch irgendjemanden sonst im Publikum stört.
Nach den ersten Liedern sind wir alle angekommen, jeder hat ein Foto seines Helden gemacht, das Lichtermeer der Smartphones ist erloschen und endlich dürfen wir selbst zuhören. Duchovny stimmt „Heroes“ an und kommentiert anschließend, dass er dieses Lied gerne selbst geschrieben hätte. Er weiß, dass er kein David Bowie ist, selbst wenn er ihn in T-Shirt und Jeans ausgezeichnet interpretieren kann, so wie einst das von Selbstzweifeln geplagte schriftstellerische One-Hit-Wonder Hank Moody. Er singt von der Liebe, dem Scheitern und darüber, dass es keine ersten Male mehr im Leben gibt, sobald man älter wird, und so viel erfahren hat wie er. Während der Schauspieler David Duchovny bedeutungsvolle Worte nachsprechen kann wie kaum ein anderer, fällt ihm das Singen dieser etwas schwerer, was aber weder ihn noch irgendjemanden sonst im Publikum stört. Es ist eine sympathische Atmosphäre, die weniger ein Konzert zu sein scheint, sondern mehr ein Meet and Greet ist, bei dem alle auf ihre Kosten kommen, und bei dem anschließend noch schnell ein paar Lieder zusammen gesungen werden.
Alles wird gut
Der Mann von der Garderobe steht mittlerweile neben der Bar und trinkt ein Bier, während er zum Takt der Musik mitwippt. Duchovny wird am nächsten Tag auf Instagram posten, dass Wien eine seiner Lieblingsshows überhaupt war. Und für uns ist klar, dass David Duchovny immer ein Held sein wird, ganz egal, in welcher Rolle er das nächste Mal erscheinen wird.
An einem Freitagmorgen steht am Fuße eines riesigen Flugzeuges ein winzig aussehender Mann. In wenigen Minuten wird er in den Himmel aufsteigen, um ans andere Ende der Welt zu fliegen. Dort wohnt seine Schwester, die sich soeben einen neuen Hund angeschafft hat, den sie ihrem Bruder vorstellen möchte. Er wird sich kaum achtundvierzig Stunden an seiner Wochenenddestination aufhalten, um anschließend fast genauso lange 10.000 Kilometer über dem Boden schwebend die Rückreise in seine Heimat anzutreten. Falls die drei dazu notwendigen Linienflüge keine Verspätungen haben, wird der Mann bereits am Montag wieder zurück im heimatlichen Büro sitzen. Die Welt weiß von seinem Ausflug, weil er in einem sozialen Netzwerk darüber berichtet, wenn auch nicht sehr ausführlich, denn sein Kurztrip ist ihm nur wenige Zeilen wert. Er reist viel, ein Flug über zehn Zeitzonen hinweg ist für ihn kaum erwähnenswerter, als die morgendliche Fahrt nach Wien für einen Pendler aus Niederösterreich.
Es heißt, unsere Generation hält die letzte Chance in ihren Händen, den Planeten zu retten. Diese ungeheure Verantwortung stürzt uns in einen tiefen inneren Konflikt, in Rahmen dessen sich zwei einander bis aufs Blut verfeindete Mächte gegenüber stehen: Unser persönlicher Hedonismus kämpft gegen das Überleben der eigenen Spezies.
Eine Frau kommentiert sein Posting damit, dass er wohl keine Flugangst haben könne, ansonsten würde er sich das nicht antun. Ungefragt erhält er Tipps zum besten Cafe Latte der Stadt, wo man gut brunchen kann sowie Vorschläge für Tagesausflüge fürs nächste Mal, wenn er mehr Zeit hat. Niemand erwähnt CO2, die Ozonschicht oder den Klimawandel. Wir sind zwar dazu bereit, von Fachleuten verfasste Artikel, Kommentare und Studien zu dem Thema zu teilen – auf unser persönliches Leben aber wollen wir das Ganze nicht umlegen. Es ist wie bei der schweren Krankheit eines Familienmitgliedes: Der Tod übersteigt unser Fassungsvermögen, weshalb wir nicht über ihn reden. In seiner Nähe verwandeln wir uns zurück in ein kleines Kind, das sich im Angesicht der Bedrohung die Hände vor die Augen wirft, um die Welt ungeschehen zu machen.
Beinahe fühlt es sich an, als würden wir die Welt tatsächlich retten, indem wir eine Aluminium Dose in der richtigen Tonne entsorgen, obwohl wir sie dadurch in Wahrheit ja nur ein klein bisschen weniger kaputt machen.
Es heißt, dass unsere Generation die letzte Chance in ihren Händen hält, den Planeten zu retten. Diese ungeheure Verantwortung stürzt uns in einen tiefen inneren Konflikt, in Rahmen dessen sich zwei einander bis aufs Blut verfeindete Mächte gegenüber stehen: Unser persönlicher Hedonismus kämpft gegen das Überleben der eigenen Spezies. Fast scheint es so zu sein, dass die Schlacht schon entschieden ist, dass ihr Sieger uns aber großzügig im Rahmen kleinerer Nebenscharmützel die Illusion lässt, wir könnten das Ruder noch herumreißen. Deshalb schleppen wir Stofftaschen in den Supermarkt, kaufen Rindfleisch aus biologischer Produktion und verwenden beim Geschirrspüler das dreistündige Ökoprogramm. Beinahe fühlt es sich an, als würden wir die Welt tatsächlich retten, indem wir eine Aluminium Dose in der richtigen Tonne entsorgen, obwohl wir sie dadurch in Wahrheit ja nur ein klein bisschen weniger kaputt machen.
Begeistert teilten wir vor einigen Monaten die aufwendig produzierten Videos über einen holländischen Teenager, der eine Maschine entworfen hatte, mit der das Plastik aus den Weltmeeren gefiltert wird. Die Maschine ist mittlerweile tatsächlich gebaut worden, doch das Plastik schwimmt einfach unter ihr hindurch.
Es ist wie mit allen Problemen, die derart breitgetreten werden: Obwohl ständig darüber geredet wird, nehmen wir das Thema gar nicht mehr wahr, so wie die Bewohner Schwechats vielleicht irgendwann den sie alltäglich einhüllenden Geruch der Raffinerie ausblenden. Ständig predigt jemand, es sei fünf vor Zwölf, dass man jetzt handeln müsse oder es sei zu spät. Aber sollte in Wahrheit nicht ohnehin schon alles vorbei sein? Hat das Klagen nicht schon vor zehn Jahren begonnen, hieß es nicht damals bereits, man hätte nur mehr wenig Zeit? Fast wünscht man sich, dass endlich Gewissheit herrscht, dass sich irgendjemand hinstellt und uns erlöst mit dem finalen Urteil „Jawohl, heute ist der Tag, an dem es zu spät ist, ganz egal, was wir von nun an tun.“ Der nahende Tod verbreitet schließlich mehr Schrecken als der tatsächliche, genauso wie es schlimmer ist, schwaches Wlan zu haben, als gar keines.
Wenn die Kohlekraftwerke runtergefahren werden, muss wieder mehr Atomenergie aus den Steckdosen kommen, denn so viele Windräder können im Burgenland gar nicht aufgestellt werden, dass sich das ausgeht.
Im Radio diskutieren ein paar Studenten über die Problematik des Themas. Alles sei immer so negativ, meint ein junger Herr, stattdessen sollte lieber mit positiver Motivation gearbeitet werden. Es wird doch ohnehin schon viel getan, und die Erderwärmung hat schließlich auch gute Seiten, zumindest für den Einzelnen. So herrschen in Österreich plötzlich nicht mehr acht Monate Winter, sondern nur noch sechs. Weiße Weihnachten kennt man in Wien zwar nur noch aus den Tiroler Schneekanonen vom letzten Skiurlaub, aber Schnee hat in der Großstadt sowieso noch nie jemand gebraucht – auch wenn Frau Holle den Kampf gegen die Gletscherschmelze zumindest in diesem Jahr gewonnen zu haben scheint. Außerdem gibt es noch eine letzte Hoffnung, und für die müssten wir uns praktischerweise nicht einmal einschränken: Der technologische Fortschritt, der uns ja erst in diese Misere gebracht hat, soll das reparieren, was er selbst zerstört hat. Begeistert teilten wir vor einigen Monaten die aufwendig produzierten Videos über einen holländischen Teenager, der eine Maschine entworfen haben soll, mit der das Plastik aus den Weltmeeren gefiltert werden kann. Die Maschine ist mittlerweile tatsächlich gebaut worden, doch man hört wenig von ihr, denn das Plastik schwimmt einfach unter der Maschine hindurch. Ein gnädiger Facebook-Algorithmus verbirgt das Scheitern vor unseren hoffnungsvollen Augen. Die sind ohnehin schon weitergewandert, denn bald soll es Staubsauger geben, die das CO2 aus der Atmosphäre saugen – und die wurden zumindest von Erwachsenen erfunden.
Wie kaum ein anderes Thema schafft es der Klimawandel, Betroffenheit auszulösen, trotzdem sind wir alle diesen Winter in Thailand. Man möchte die Welt schließlich noch ein letztes Mal sehen, bevor es sie nicht mehr gibt.
Wir sind uns alle einig, dass etwas getan werden muss – nur selbst möchten wir nichts dazu beitragen. Auch von dem eigenen Bekanntenkreis erwarten wir keine Stornierung des wohlverdienten Karibikurlaubes. In der Verantwortung steht im Zweifelsfall sowieso die Politik, denn die hat immer an allem schuld. Wenn einfach alle Kohlekraftwerke abgedreht werden würden, dann fielen die paar Millionen Urlaubsflüge im Jahr gar nicht mehr ins Gewicht. Doch die Politik ist kein abstraktes, überirdisches Wesen, sondern ein menschliches aus Fleisch und Blut, das selbst wenn es ein Interesse an dem Thema zeigt vor dem Dilemma steht, nicht alles haben zu können: Wenn die Kohlekraftwerke runtergefahren werden, muss wieder mehr Atomenergie aus den Steckdosen kommen, denn so viele Windräder können im Burgenland gar nicht aufgestellt werden, dass sich das ausgeht – und selbst wenn, würden die Anrainer gegen die Verschandelung der pannonischen Tiefebene protestieren. Zumindest für eines ist der Klimawandel gut: Er schweißt die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in einer kollektiven Schuld zusammen. Es sind nicht mehr nur die naiven Rechten oder die radikalen Linken verantwortlich – wobei eine Fahrt von Simmering nach Bibione kürzer dauert als ein Flug von Mariahilf nach Vietnam.
In der Mittagspause wird darüber gesprochen, wohin die nächste Reise gehen soll. Chile sei aufregend, genauso wie Südafrika, man hat zwar nur mehr zwei Wochen Urlaub, aber die Flüge sind gerade so günstig. Man könnte natürlich auch im Waldviertel überwintern, wo der Railjet ohne Jetlag hinfährt, aber dort ist es einfach zu kalt. Solange die ÖBB einen nicht in die Tropen bringt, muss also doch wieder beim Billigflieger gebucht werden. Wie kaum ein anderes Thema schafft es der Klimawandel, Betroffenheit auszulösen, trotzdem sind wir alle diesen Winter in Thailand. Man möchte die Welt schließlich noch ein letztes Mal sehen, bevor es sie nicht mehr gibt.
Das alte Jahr liegt auch hier, an der Peripherie Wiens, in seinen letzten Atemzügen, genauso wie man selbst, während man keuchend der abfahrbereiten Ubahn hinterher läuft. In letzter Sekunde schafft man es hineinzuspringen, bevor sich die Türen für immer schließen. Gleich darauf würde zwar der nächste Zug in Richtung Zentrum einfahren, doch das zählt genauso wenig wie die Tatsache, dass nach dem Ende eines alten Jahres immer auch ein neues beginnt. So muss in den letzten zwei verbleibenden Stunden alles erledigt, alles wiedergutgemacht, und alles erlebt werden, wozu ein ganzes Jahr lang keine Gelegenheit war.
Am Ziel angekommen macht sich endgültig Unruhe breit. Die Stimmung ist lauwarm anstatt, waaait for it: legendary! wie es in den Sitcoms vorgeschrieben wird, deren Drehbücher wir nachleben.
Einem jungen Mann war dieser Druck zu viel, er sitzt über seinem eigenen Erbrochenen, stützt das Gesicht in die Hände und verschließt die Augen vor dem, was er da angerichtet hat, vielleicht auch vor dem, was noch kommt. Um ihn herum weichen die Leute zurück, weggetrieben vom unsichtbaren Geruch der ausgestoßenen Exkremente. Von einzelnen früh Gefallenen wie ihm abgesehen ist die Stimmung ausgelassen im Inneren des Wagons, für die meisten besteht noch Hoffnung. Alle dreihundertfünfundsechzig Tage beschließen auch die Wiener, ihre Geziertheit fallen zu lassen und sich auf die Suche nach der einen Silvesternacht zu machen, die sie ewig nicht vergessen werden. Partyhüte sind aufgesetzt, billiger Sekt wird direkt aus der Flasche getrunken, die Fahrt ist kurz und die Getränke bereits lauwarm. Wie auf ein stilles Kommando hin entleert sich der Zug im Herzen der für einmal pulsierenden Stadt. Alles um einen herum ist in aufgeregter Bewegung, jeder hat ein Ziel, an das er schnellstmöglich gelangen muss, bevor die Uhr abläuft. Man selbst eilt schnellen Schrittes zur Wohnung eines Freundes, der ständigen Verführung anderer Feiernder trotzend, die selbstbewusst zu wissen scheinen, wo die endgültige Party des Jahres steigt. Zweifel machen sich breit, ob die eigene Wahl die richtige war. Am Ziel angekommen bestätigt sich die dunke Vorahnung: Die Stimmung ist lauwarm anstatt, waaait for it: legendary! wie es in den Sitcoms vorgeschrieben wird, deren Drehbücher wir nachleben. Angekommen bei der Feier sind die anwesenden Freunde bereits alt geworden in den letzten Silvestern, auch wenn sie sich entschlossen an den Ottakringer Dosen ihrer Jugend festhalten. Einer erzählt von seinen Kindern, erschrocken dreht man sich weg, als er tatsächlich sein Handy herausholt, um Fotos vom Nachwuchs in die milde lächelnde Runde zu halten. Zum Glück läutet in diesem Moment das eigene Telefon, die Rettung wartet in Form einer mysteriösen unbekannten Nummer, es ist die letzte ungeplante Variable des digitalen Lebens. Am Ende der Leitung fragt jemand, wo man bleibt, doch wer ist da eigentlich dran? Im Hintergrund hört es sich aufregend an, zumindest besser als im hier und jetzt.
Das neue Ziel ist ein Lokal am Gürtel, man kennt es gut von vielen beliebigen samstäglichen Nächten, doch heute ist Montag und Silvester, alles ist anders, alles wird besser.
Man verabschiedet sich mit einer schnellen Ausrede und springt in ein Taxi. Der Fahrer kommt aus Afrika, er ist gelassen, vielleicht weil er kein Wiener ist, vielleicht aber auch, weil er arbeiten muss und dadurch keine Chance hat, etwas zu erleben oder zu verpassen. Geduldig fährt er dem Ruf der Telefonstimme nach, das Ziel ist ein Lokal am Gürtel. Man kennt es gut von beliebigen samstäglichen Nächten, doch heute ist Montag und Silvester, alles ist anders, alles wird besser. Immer noch weiß man nicht, wer einen angerufen und herbestellt hat, man sitzt alleine an der Bar und kann weder vor noch zurück, denn dafür reicht die Zeit nicht aus. Zumindest bei den anwesenden Fremden passt der Alkoholisierungsgrad, die Männer grölen und die Frauen jubeln, es ist dieser Moment in einer Nacht, in dem viele Menschen den richtigen Pegel erreicht und sich an einem Ort versammelt haben, um irgendwann miteinander zu schlafen, zu feiern, oder zumindest zu trinken. Man findet keinen Anschluss und hat zu allem Übel selbst aufs Trinken vergessen, weshalb man jetzt schnell versucht aufzuholen. Nach dem vierten Wodka fangen alle plötzlich an zu schreien und von zehn herunter zu zählen, man braucht tatsächlich einen Moment bis man realisiert, dass einem nur noch wenige Sekunden übrig bleiben.
Gemeinsam mit den anderen läuft man auf die Straße, wo der Himmel über einem explodiert in allen Farben der Welt, es ist, als würde Krieg herrschen, und gleichzeitig der neue Tag anbrechen.
Aus den Lokalen strömen unbekannte Menschen auf die Straße, wo der Himmel über einem in allen Farben der Welt explodiert, es ist, als würde Krieg herrschen, und gleichzeitig der nächste Tag anbrechen. Das Atmen fällt schwer, die Feinstaubbelastung ist derart hoch, dass es gar keinen Sinn mehr macht, nicht zu rauchen, es wird Tage dauern, bis die Luft sich von diesem Kater erholt hat, doch auch die Erde muss für diese eine besondere Nacht ihr Opfer bringen. Ein junges Mädchen weint, während sie sich an einer Zigarette festklammert, mit der anderen Hand telefoniert sie mit ihrem Freund, der gerade mit ihr schlussmacht, es ist ein Kalender überschreitendes Beziehungsende, sie trägt das erste gebrochene Herz des neuen Jahres. Auf einem Balkon über der Erde tanzt ein neu geformtes Paar den Donauwalzer zu abgehackten Tönen aus dem Lautsprecher eines alten, aus Afghanistan geflüchteten Mobiltelefons, während ein paar hundert Meter entfernt im Wiener AKH ein Neujahrsbaby geboren wird. Unzählige Schicksale entfalten sich rings um einen, man selbst steht mittendrin und ist dennoch unsichtbar.
Ein ganzes langes Jahr liegt vor uns, so viel Zeit etwas zu erleben, es kümmert uns wenig, dass wir nun von jeglicher Dringlichkeit befreit wieder in die alte Behäbigkeit zurückfallen werden.
Ein Mädchen steht alleine auf der verlassenen Straße, sie hält eine langsam verglühende Sprühkerze in beiden Händen. Das Feuer liegt in den letzten Zügen, das Pulver Wiens ist verschossen und Erleichterung macht sich breit bei den Feiernden, eine unendlich schwere Last fällt ab, denn das neue Jahr ist endlich angebrochen. Alle Fehler der Vergangenheit sind verziehen, in diesem Moment kümmert es uns wenig, dass wir nun von jeglicher Dringlichkeit befreit wieder in die alte Behäbigkeit zurückfallen werden. Leben kann man schließlich auch später noch, es ist noch so viel Zeit, zumindest bis zum nächsten Silvester, wenn wieder ein Jahr vorüber geht.
An einem frühsommerlichen Donnerstagabend rauscht der nie enden wollende Autoverkehr auf allen sechs Fahrspuren des Wiener Gürtels vorbei wie ein Wasserfall, dessen Tropfen immer weiter nach unten stürzen, bis sie schließlich an ihrem Ziel ankommen, nur um ein paar Stunden später in Dampfform wieder in die Gegenrichtung aufzusteigen. Im Gegensatz zur stärkst befahrenen Straße der Stadt ist das zwischen den Fahrbahnen gelegene namenlose Lokal in den Stadtbahnbögen spärlich gefüllt: Ein Mann sitzt einsam an der Bar und bestellt in diesem Moment sein zweites Glas Wein. Mit dem ersten stößt er ein vor sich stehendes verbogenes Kartonschild um, auf dem gleich zwei Happy Hours angekündigt werden: eine von 19-21 Uhr, die zweite von 22-24 Uhr. In dem rabattfreien Zeitfenster zwischen neun und zehn kann man entweder den nachhause gehen, abstinent bleiben, oder ein Bier bestellen – auf das gibt es nämlich sowieso nie Ermäßigung. Das Lokal ist trotz abgesagtem Raucherschutzgesetz nur leicht verqualmt, was nicht an der Qualität der Lüftung liegt oder gar an einem Einlenken unserer Regierung – es fehlt schlicht an der nötigen Menschenmenge, um den Sauerstoffgehalt in dem mittelgroßen Raum nachhaltig zu verschlechtern. Doch weder freie Atemwege noch vergünstigte Getränke sorgen automatisch für glückliche Menschen: Eine Gruppe Engländer sitzt an einem der Tische, und während die U6 plangemäß ein paar Meter über ihren Köpfe vorbeirauscht, scheitern die Briten an der Erlangung eines solchen Rauschzustandes, obwohl die Drinks billiger und stärker sind, als in der Heimat. Vorsichtig nippen sie an ihren Gin Tonics, etwas verwundert darüber, dass hier an einem Donnerstagabend, kurz vorm Wochenende, so wenig los ist.
Wien ist eine launige Diva: meist zu vornehm, um sich wirklich gehen zu lassen – aber wenn sie sich doch zu einem Tänzchen auffordern lässt, dann brennt es lichterloh.
„Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen?“ heißt es, auch wenn sie in Großbritannien wahrscheinlich noch nie von Reinhard Fendrich gehört haben. Auch dieser dahinplätschernde Abend wird kaum jemandem im Gedächtnis bleiben, in einem Gürtelbögenlokal, dessen Namen man sich nie merken kann, obwohl man immer wieder dort landet. Wien ist überhaupt eine launige Diva: meistens zu vornehm, um sich wirklich gehen zu lassen – aber wenn sie sich doch zu einem Tänzchen auffordern lässt, dann brennt es lichterloh. Heute aber ist den Anwesenden klar, dass das nichts mehr wird. Es gibt diesen kritischen Punkt im Laufe einer Nacht, an dem die Stimmung und der eigene Alkoholisierungsgrad einen gewissen Pegel erreicht haben müssen. Wenn diese Zielsetzung fehlschlägt, dann ist jeder weitere Schluck eine unnötige Verschwendung von Leberkapazitäten. Man könnte das Bier auch einfach stehenlassen und gleich nachhause gehen, will sich diese Kapitulation aber noch nicht eingestehen.
An Bilder wie diese denken junge Touristen aus Berlin und Amsterdam, die zwei Tage nach Wien kommen und die Stadt für die langweiligste der Welt halten. Man möchte sie hinauszerren, in das verzauberte Wien aus Beyond Sunrise und dem Dritten Mann, weg vom Sound of Music.
Fluchtachterl
Die Bar würde in ihrem Minimalismus die perfekte Kulisse abgeben für ein Theaterstück, in dem die Handlung im Vordergrund steht und das Publikum nicht von irgendwelchen pompösen Requisiten abgelenkt werden soll, nur das diesem Abend leider auch die Geschichte abhanden gekommen ist. Das Lokal fühlt sich an wie ein Leo vom Leben, niemand kommt hierher, um etwas zu erleben, noch nicht einmal, um sich ernsthaft zu betrinken. Das Fluchtachterl erfüllt hier tatsächlich seine Bestimmung als letzter Drink des Abends. An Bilder wie diese denken junge Touristen aus Berlin und Amsterdam, die zwei Tage auf Besuch kommen und die Stadt für die langweiligste der Welt halten. Man möchte sie hinauszerren, in das verzauberte Wien aus Beyond Sunrise und dem Dritten Mann, weg vom ernüchternden Sound of Music. Doch dieses Wien muss man erst suchen, denn die Stadt präsentiert sich nicht jedem dahergelaufenen Lonely Planet Touristen, man muss sie sich erst verdienen.
„Hast du dir schon einmal überlegt, wo der Mond herkommt?“, fragt er sie in diesem Moment. „Ja schon…aber eigentlich reicht es mir zu wissen, dass er immer da ist.“
Wo der Mond herkommt
Ein junges Mädchen sitzt neben mir an einem der Tische. Ihr Freund hat heute mit ihr Schluss gemacht, und für ein zwanzigjähriges Leben bedeutet das zumindest einen Abend lang das Ende. Sie erzählt mir von ihm, dass er doppelt so alt ist wie sie, aber nur halb so erwachsen. Zwölf Monate sind sie zusammen gewesen, nie haben sie etwas unternommen, außer sich bei ihm oder ihr zuhause zu treffen, dort Wein zu trinken und miteinander zu schlafen. Außerhalb der zwei kleinen Wohnungen im 5. und 17. Bezirk haben sie sich kaum je gesehen, es war ihm wohl unangenehm gewesen, dass sie so jung war, oder er so alt. Nur ein paar wenige Male haben sie sich in der Stadt verabredet, und dann immer in schäbigen Bars wie dieser hier, wo er sicher sein konnte, dass ihn niemand kannte. Ganz am Anfang waren sie sogar einmal genau hier in diesem Lokal gewesen, unter der Woche, es war noch weniger los gewesen als heute. Damals war zumindest sie schon sehr verliebt gewesen, wie in Trance hatte sie auf einem der Stehhocker Platz genommen und war versunken in den Augen ihres Gegenübers. Verzaubert vom Anblick des anderen konnte damals nicht einmal die triste Kulisse dieser Kaschemme ihrer jugendlichen Liebe etwas anhaben. Damals war es ihr so vorgekommen, als hätte er ihren Blick erwidert, aber heute erscheint ihr das albern. Sie hat ihn dann genau an diesem Tisch sitzend gefragt, ob er sich schon einmal überlegt habe, wo der Mond herkommt. Ja schon, hat er geantwortet, aber eigentlich reicht es ihm zu wissen, dass er immer da ist. Sie wusste damals nicht, ob das nun pragmatisch oder doch poetisch auszulegen war. Warum man mit jemand zusammen ist, für den man sich schämt, möchte sie von mir wissen, weil er ja nicht da ist, aber diese Frage kann ich ihr auch nicht beantworten. Sie zündet sich eine Zigarette an und blickt aus dem verdreckten Fenster der Bar hinaus in die scheinbar endlose Ferne des Asphalts, obwohl die doch bereits am Häuserblock der gegenüberliegenden Straßenseite endet. Sie scheint da draußen nicht zu finden, wonach sie sucht, denn irgendwann erinnert sie sich wieder an meine Existenz und wendet sich mir zu, auch wenn ich nicht er bin. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Männer, einer von ihnen bekommt bald einen Sohn. Ob man sein eigenes Kind auch wirklich automatisch lieben würde, obwohl man die Sprösslinge der anderen eigentlich meistens nicht ausstehen kann, möchte er wissen vom anderen, der bereits vor Jahren Nachwuchs gezeugt hat.
Schlussakt
Die Eingangstür öffnet sich ein weiteres Mal, der Exfreund des jungen Mädchens tritt ein und der Schlussakt des Abends beginnt. Irgendwie sind immer noch alle da und sehen nun von ihren Getränken hoch. Im Unglauben darüber, dass hier heute doch noch etwas passiert, erwachen auch die Briten aus ihrer Totenstarre. Der Exfreund steht in der Tür und wird von den Scheinwerfern der vorübergleitenden Autos in ein gleißendes, aber schnell wieder verlöschendes Licht getaucht. Mit oder ohne Beleuchtung sieht er nicht nur deutlich älter aus als das junge Mädchen, sie sind überhaupt ein ungleiches Paar, auch wenn sie ja gar nicht mehr zusammen sind. Er wirkt unsicher, als er an ihren Tisch tritt, so als wäre er es, der gerade erst dem Teenageralter entwachsen ist und nicht sie. Die beiden sehen sich an, keiner spricht ein Wort, und doch scheinen sie mehr zu kommunizieren als je zuvor. Nachdem alles gesagt ist streckt er seine Hand aus, immer noch vor ihr stehend, und nach einem winzigen Zögern ergreift sie diese. Erst jetzt setzt er sich. Es ist Mitternacht, und obwohl die zweite Happy Hour vorbei ist, bestellt er noch einen Drink, während ich meinen austrinke und die Engländer und alle anderen sich bereit machen, nachhause zu gehen.
113.195 Flugzeuge sind im Jahr 2016 von Wien-Schwechat aus abgehoben – und ich hätte in jedem einzelnen davon sitzen können. New York, Stockholm, Tokyo oder Shanghai: Schwechat ist das Tor zur Welt, so unglaublich einem das auch erscheinen mag, während auf der A4 die trostlose Kulisse der Ölraffinerie an einem vorbeizieht. Fünf Wochen Urlaub hat man als arbeitender Mensch hierzulande pro Jahr, und die wollen erst einmal gefüllt werden: In Thailand am Strand sitzen und den Sonnenuntergang beobachten. Über den Grand Canyon schauend ein Selfie machen. Europäische Hauptstädte abklappern, bei denen man spätestens nach der zehnten nicht mehr weiß, worin sie sich eigentlich wirklich voneinander unterscheiden, außer dass die Kärntner Kasnudeln einmal Tortellini und dann wieder Pirogge heißen.
Hat man sich endlich für ein Ziel entschieden, geht der Stress erst los: All-Inclusive Urlaub ist keine Option weil rufschädigend im sozialen Netzwerk. Stattdessen muss mit schwer bepacktem Rucksack zumindest das halbe Land durchtrampt werden. Jeden zweiten Tag wird die Stadt gewechselt, Hotel gewechselt, Supermarkt gewechselt, bis man irgendwann vergisst, wo man sich überhaupt befindet, denn ankommen tut man nie. Jeder Urlaub zwingt zu neuen Entscheidungen, die Weltoffenheit Schwechats und der Feldzug der Billigairlines drängen einen quasi dazu, alle Winkel der Erde zu besuchen, auch wenn man ohnehin schon drei Mal auf Weltreise war. Doch der Planet ist groß, und der Klimawandel lässt sich eh nicht mehr aufhalten.
Gramatneusiedl statt New York
Aber eigentlich will man das alles gar nicht. Eigentlich will man im Sommer lieber an der Alten Donau sitzen und die Beine im algengrünen Wasser baumeln lassen. Natürlich verpasst man dann die Mitternachtssonne in Schweden, aber zumindest ist man für die anstehende Geburt der Entenbabies unter der Reichsbrücke da, oder für die Neueröffnung der Copa Cagrana. Doch jetzt ist Winter und das Wetter furchtbar, trotzdem möchte man in Wahrheit lieber in der Steiermark einen Schneemann bauen, als in die Tropen flüchten. Die Enten sind ja schließlich auch geblieben, abhauen gilt also nicht, denn wer den Winter nicht aushält, hat den Sommer nicht verdient. Es ist erstaunlich: Ich war schon zehn Mal in New York, aber noch nie in Gramatneusiedl. Hallstatt ist mir nur vom Hörensagen ein Begriff, vielleicht schaue ich es mir bei meiner nächsten Chinareise an. In Amerika habe ich Fuß in siebenunddreißig Bundesstaaten gesetzt, während ich in Österreich noch nicht alle Bundesländer besucht habe. Beim Skytrain in Bangkok kenne ich die Nachbarschaft jeder einzelnen Station, das Wiener Ubahnnetz bietet mir dagegen immer noch weiße Flecken – aber so kreativ das Stadt-Wien-Marketing sich bei der Namensgebung auch anstellt: Wer will schon ernsthaft in die Seestadt?
Am schönsten ist der Urlaub dann, wenn er wieder vorbei ist. Wenn man endlich wieder daheim den ganzen Tag Netflix schauen darf, ohne das Gefühl zu haben, draußen irgendeine Kirche, einen Tempel oder eine Vollmondparty zu verpassen. In Wien versteckt sich der Mond im Winter glücklicherweise zumeist hinter den Wolken, er möchte nicht gefeiert werden. Hierzulande hat man das Verpassen als Lebensmotto ausgerufen, das unbemerkte Vorbeiziehen des Lebens gehört zu dieser Stadt dazu, wie der Senf zum Frankfurter. Nach jeder mühsam zu Ende gebrachten Reise lässt man sich mit dem wohligen Wissen in die vertraute Ikea-Couch sinken, wieder ein Stück der Welt abgehakt zu haben, in der Gewissheit, dass zumindest bis zum nächsten Urlaub jetzt wieder eine Ruhe ist. Doch im Hinterkopf rattert es schon wieder. Die AUA erweitert ihren Flugplan jedes Jahr gnadenlos weiter, der Druck lässt also nie nach, Gott sei dank ist man zumindest nicht mehr Anfang zwanzig, mittlerweile besteht man auf einen Direktflug, weil das Umsteigen so beschwerlich ist. Ansonsten wäre die Welt noch größer, als sie es ohnehin schon ist. Hoffentlich dauert das mit dem Weltraumtourismus noch ein paar Jahre.
Die Welt, ein offenes Scheunentor
Achtung, weiterlesen auf eigene Gefahr: Man könnte ja nicht nur für ein paar Wochen auf Urlaub fahren, sondern gleich dauerhaft in ein anderes Land ziehen. Dort besucht man dann zwar wahrscheinlich trotz viel längerer Aufenthaltsdauer keine einzige Sehenswürdigkeit, erlebt aber möglicherweise Dinge, die nicht im Reiseführer des eigenen Lebens stehen. Endlich, endlich hat das Aufstehen von der Couch, die getroffene Entscheidung wohin es gehen soll, die Planung, die Ausführung, tatsächlich einen Sinn gehabt, endlich lebt man irgendwo anders, anstatt nur auf Besuch da zu sein. Doch wer jetzt glaubt, damit hätte sich die ständige Herumfahrerei endlich erledigt, wer denkt, das Thema wäre durch, indem man sich selbst bewiesen hat, dass man es kann, der irrt. Denn einmal angefangen weiß man nun, dass fast jeder der 194 Staaten dieser Welt offen dasteht wie ein Scheunentor.
Es geht also wieder aufs Neue los, nur dass die Entscheidung eine längere Tragweite als die nächsten zwei Wochen hat: Soll man hier leben, oder doch dort? Sich auf die Pirsch begeben in Argentinien nach einer exotischen Südamerikanerin, oder doch lieber ein Gspusi wagen mit der vertrauten Wiener Jugendliebe, die gerade wieder Single geworden ist. Vollkommen fertig ringt man um die Standortwahl, die Kulisse für den Hollywoodfilm des eigenen Lebens, während die Uhr unbarmherzig weiter tickt. Eigentlich will man ja neben dem ganzen Reisen noch Karriere machen, doch es gibt so schrecklich viele Berufe. Und Kinder könnte man sich auch anschaffen, genauso wie eine Katze oder zumindest einen Hamster. Ohne es zu merken stolpert man selbst rein ins Rad des letzteren, vom Alltag überfordert oder gelangweilt, möchte am liebsten ins nächste Flugzeug steigen und ans andere Ende der Welt fliehen – jetzt also doch? Man sucht im Internet nach Hilfe, um sich endlich klar zu werden, was um alles in der Welt man jetzt eigentlich will, und muss wieder erst einmal auswählen, zwischen einer Unzahl von Texten wie diesem, die Rat geben wollen zur aussichtslosen Wunschlosigkeit. Wenigstens fühlt man sich zwischen all den tausenden Google-Treffern nicht mehr so alleine mit der unerträglichen Leichtigkeit der endlosen Möglichkeiten. Und der nächste Urlaub kommt auch bestimmt.
Alle vier Jahre erhält der Alltag eine Pause. Einen ganzen Monat lang muss man nicht darüber nachdenken, worin der Sinn der eigenen Existenz besteht, denn es ist Fußball-WM. Plötzlich liegt jeglicher Fokus auf dem Abschneiden von elf Menschen aus Ländern wie Costa Rica, Südkorea oder Tunesien, deren Namen man zwar nicht buchstabieren oder gar aussprechen kann, mit denen man aber mitfiebert, als ginge es um das eigene Leben. Spiele, die man sich normalerweise nicht einmal als Katerprogramm an einem langsamen Sonntagnachmittag anschauen würde, reichen plötzlich als Entschuldigung dafür aus, den halben Tag vor dem Fernseher zu verbringen. Im Vorfeld musste man sich als politisch korrekter Mensch noch die Frage stellen, ob man sich diese WM in Russland überhaupt ansehen dürfe. Annektierung der Krim hin, Menschenrechtsverletzungen her: die Zeitungen zeigen Bilder von freundlichen russischen Ordnern, und Wladimir Putin ruft vor den Spielen seiner Mannschaft kurz beim Trainer an um ihm Glück zu wünschen – so schlecht kann dieses Land dann ja wohl doch nicht sein. Man klatscht also den Schlachtruf der Isländer mit, bestaunt zusammen mit dem Rest der Welt den Reinlichkeitswahn der Japaner, wundert sich über die Ammoniak schnüffelnden Russen und erfreut sich am Aufstand der Kleinen – auch wenn die Halbfinalisten aus Kroatien, England, Frankreich und Belgien ohnehin namhafte Fußballnationen sind, aber wer will sich schon die schöne Schlagzeile versauen lassen.
Angesichts der euphorischen Bilder feiernder Damen und Herren in rotweiß karierter Kleidung aus dem sechzehnten Bezirk muss man sich fragen, was wohl passieren würde, wenn das rot-weiß-rot Österreichs einmal ins Endspiel käme? Würden dann die Pensionisten auf den Straßen Hietzings tanzen und ein hupender Autokonvoi durch die Grinzinger Allee ziehen?
Von Ottakring nach Split
Die Großen haben es ohnehin immer schwerer: es liegt in der Natur des Menschen, den Außenseitern die Daumen zu Drücken. Für uns Österreicher war David sowieso immer schon attraktiver als Goliath, unser kleine Republik cooler als das übermächtige Deutschland. Das reicht weit übers Sportliche hinaus: Im Ausland beim Deutsch sprechen ertappt stellen wir schnell klar, dass wir gar keine Deutschen sind und nicht vorhaben, mit unseren Handtüchern irgendwelche Strandliegen zu reservieren. Auch werden wir den Einheimischen nicht erklären, wie sie ihre Beach Bars führen, ihre Wohnung isolieren oder den chaotischen Verkehr neu regeln sollen. Uns fehlt es aufgrund mangelnder internationaler Bedeutung schlicht an Selbstvertrauen, dafür sind wir aber besser im laissez faire – stellt uns einen Kaffee hin und alles ist gut. Sogar den Turniersieg einer Jugotruppe würden wir mittlerweile stoisch hinnehmen, während wir anerkennend einen Sliwowitz kippen – aber liebe Kroaten, gebt um Himmels Willen Ruhe beim Feiern, die Ottakringer Straße ist schließlich kein Vorort von Split und in Wien werden die Gehsteige um elf aufgerollt. Angesichts der euphorischen Bilder feiernder Damen und Herren in rotweiß karierter Kleidung aus dem sechzehnten Bezirk muss man sich fragen, was wohl passieren würde, wenn das rot-weiß-rot Österreichs einmal ins Endspiel käme? Würden dann die Pensionisten auf den Straßen Hietzings tanzen und ein hupender Autokonvoi durch die Grinzinger Allee ziehen? Irgendwie scheint der Wiener den Balkan jedenfalls als Teil seiner Stadt akzeptiert zu haben und ist sogar in der Lage, sich für diesen zu freuen – außerdem war Kroatien eh irgendwann einmal Österreich. Es wird interessant sein zu sehen, ob wir die heute neu angekommenen Flüchtlinge in zwanzig Jahren genauso akzeptiert haben werden, wie die mittlerweile alteingesessenen Osteuropäer.
Bei Deutschlandspielen muss in Österreich sowieso neunzig Minuten lang deren jeweiliger Gegner angefeuert werden – auch bei uns hat das frühe Ausscheiden des großen Nachbarn deshalb eine Lücke hinterlassen.
Mitten draußen statt dabei
In Österreich gelten zu große Erfolge als unschick, bloß nicht auffallen lautet das Motto, weshalb wir uns bei der Teilnahme an Turnieren nobel zurückhalten. Das hat den Vorteil, dass wir bei jeder WM die Wahlfreiheit haben und uns alle vier Jahre ein neues Lieblingsteam aussuchen dürfen, für das wir die Daumen drücken. Bei Deutschlandspielen muss sowieso neunzig Minuten lang deren jeweiliger Gegner angefeuert werden – auch bei uns hat das frühe Ausscheiden des großen Nachbarn deshalb eine Lücke hinterlassen. Beim unserem eigenen Team hingegen sorgt ein Abschied nach der Vorrunde oder gar schon in der Qualifikation kaum für Katzenjammer, man ist einfach zu sehr daran gewöhnt. Dagegen setzt die bloße Teilnahme an einem Turnier ein Level an Begeisterung frei, für das in anderen Ländern schon der WM Titel geholt werden müsste. Für uns ist jedes Qualifikationsmatch ein Schicksalsspiel auf Messers Schneide, in Deutschland werden zehn gewonnen Quali-Partien quasi vorausgesetzt, und vor dem Achtelfinale fiebert auf der Berliner Fanmeile außer den kolumbianischen Austauschstudenten kaum jemand mit – zumindest normalerweise.
Spieler, die jede Woche in Barcelona und London vor fünfzigtausend Fans auftreten, können in Nischni Nowgorod einfach keine Höchstleistungen mehr bringen.
Deutschland, alles ist vorbei
Denn diesmal war alles anders: Deutschland, Brasilien, Argentinien, Spanien – sang- und klangloser als diese Teams kann man sich aus einem Turnier kaum verabschieden. Die besten der Welt waren müde, nach zehn Monaten voller Champions League, La Liga oder Cupspielen in der Provinz. Jede Woche findet das wichtigste Spiel der Saison statt, irgendwann kümmert es einen nicht mehr. Wer pro Stunde Millionen bei seinem Verein verdient, kann sich für das Trinkgeld, das an Prämiengeldern bei einer WM ausgeschüttet wird, kaum begeistern. Spieler, die jede Woche in Barcelona und London vor fünfzigtausend Fans auftreten, können in Nischni Nowgorod einfach keine Höchstleistungen mehr bringen. Während die größte Bühne des Weltfußballs oftmals neue Stars hervorbringt, wurden dieses Mal vor allem alte Leuchtfiguren demontiert: Jogi Löw wirkt wie der nette, aber mittlerweile etwas verwirrte Nachbar von Nebenan, Mesut Özil ist nur mehr ein Selfiepartner für türkische Diktatoren und Neymar hat sich in die Bilder der weltweiten Facebookfeeds gerollt. Dann war da noch die Sache mit dem Videobeweis, der zugegebenermaßen mehr Gerechtigkeit bringt, aber es gibt nun niemandem mehr, dem man die Schuld für die eigene Niederlage in die Schuhe schieben kann. Außerdem, ohne die tagelangen Diskussionen über die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter ist Fußball kein Fußball mehr – oder würde heute irgendwer noch über das Wembley Tor reden, wenn es damals schon den Videobeweis gegeben hätte?
Ganz egal wer heute das Finale gewinnt, ab nächster Woche müssen wir uns wieder aufrauffen, den Pyjama ausziehen und überlegen, was wir mit dem Leben anfangen sollen. Zum Glück kommt in vier Jahren die nächste WM. Dann zwar in Katar und mitten im Winter, aber Public Viewing beim Glühweintrinken am Christkindlmarkt hat sicher auch seinen Reiz.
Es war zwar nie geplant, aber irgendwann ist es einfach passiert: man ist erwachsen geworden. Ob nun mit achtzehn, zwanzig, dreißig oder der Geburt des ersten Kindes – der genaue Zeitpunkt ist schwierig zu definieren, wahrscheinlich war es ohnehin mehr ein fließender Übergang, ein über die Schwelle geschubst werden, als man kurz nicht hingesehen hat, und als man es dann realisiert hat, war die Tür zurück bereits für immer verschlossen. Die Zeit dreht sich schließlich nur vorwärts, und so einleuchtend das klingen mag, muss dieses unwiderrufliche Faktum dennoch erst selbst erfahren werden, um es zu glauben. Aber sobald man das bemerkt ist es bereits zu spät, die Jugend ist tatsächlich an die Jungen verschwendet. Doch ohne Verschwendung könnte man nicht jung sein, wer mit sechzehn schon einen Karriereplan hat, der hat ansonsten nicht viel erlebt.
Freitagabend im Beisl, es ist tatsächlich schon kurz vor elf, und in einer Woche wird man Vater. Man sollte noch einmal ausgehen bis ins Morgengrauen, das Bierfass leertrinken, all die Lokale besuchen, die man doch so gern hat, oder schnell noch Südamerika durchqueren, in sieben Tagen.
Zielstrebig Ziellos
Bis vor kurzem bestand das Ziel im Leben darin, kein Ziel zu haben. Einfach vor sich hinzutreiben, die Abende in Bars wegzutrinken, die Tage an der Donau rumzuhängen, um dann kurz vor Ladenschluss noch ein paar Bier beim Billa zu holen und diese im nächsten Park zu konsumieren, mit den zahlreichen Freunden, die man zu haben schien. Arbeit war lediglich ein abgewandeltes Nebenprodukt des eigenen Hedonismus: man schenkte Spritzer aus hinter der Bar, an der man normalerweise selbst als Kunde saß, rauchte Zigaretten und verbrachte den nächsten Tag mit Kater im Bett, um dann frisch ausgeschlafen zu abendlicher Stunde wieder an selbige Bar zurückzukehren – der ewige Kreislauf des jungen Lebens. Selbstverständlich hatte man dennoch die Vision, einmal berühmt zu werden, wegen irgendeiner Kunstsache am besten, Regisseur, Schriftsteller oder etwas Ähnlichem. Dieses noble Ziel musste auch stets als Erklärung für die vielen durchgesoffenen Nächte herhalten, denn jeder große Künstler der Menschheitsgeschichte war schließlich Alkoholiker gewesen. Allerdings wirklich ein Buch zu schreiben oder sich für eine Filmschule zu bewerben, dafür erschien noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen, die Zeit war ohnehin lang, im Winter wie im Sommer, in der Jugend erscheint sie einem unendlich.
Doch auch hier im vertrauten Wirtshaus führen die Anwesenden seltsame Unterhaltungen, verschicken Selfies von sich und sind auf Instagram. Als man erwähnt, dass man bald Vater wird, blitzt Entsetzen in den Augen der Langzeitjugendlichen auf, so als hätte man von einer schlimmen Krankheit erzählt.
Durch Südamerika in einer Woche
Plötzlich blickt man an einem Freitagabend im Beisl auf die Uhr: es ist tatsächlich schon kurz vor elf, und in einer Woche wird man Vater. Man sollte noch einmal ausgehen bis ins Morgengrauen, das Bierfass leertrinken, all die Lokale besuchen, die man doch so gern hat, oder schnell noch Südamerika durchqueren, in sieben Tagen. Doch irgendwie funktioniert es nicht mehr, alle um einen herum sind zumindest zehn Jahre jünger als man selbst, vielleicht bildet man sich das auch nur ein, jedenfalls schafft man den Anschluss nicht mehr. Die Abendbekanntschaften am Tisch wollen noch ins Flex, Fluc, oder sonst einen Club mit „F“, dort spiele „irgendein bekannter DJ“, von dem man noch nie gehört hat. Clubs sind ohnehin so eine Sache, die hat man nicht einmal mit zwanzig wirklich gemocht, rumstehen, laute Musik, seltsame Leute, ohne Drogen kann das niemandem wirklich Spaß machen. Doch auch hier im vertrauten Wirtshaus führen die unbekannten Anwesenden seltsame Unterhaltungen, verschicken Selfies von sich und sind auf Instagram. Als man erwähnt, dass man Vater wird, blitzt Entsetzen in den Augen der Langzeitjugendlichen auf, so als hätte man von einer schlimmen Krankheit erzählt. Verlegen wird schnell das Thema gewechselt, eine der Anwesenden, sie ist Anfang dreißig, erzählt davon, dass sie morgen in einem Concept Store im vierten Bezirk arbeiten wird, und sich deshalb nicht vollkommen wegschießen kann. Was ist eigentlich ein Concept Store? Und was ist mit all den vielen Freunden von früher passiert, mit denen man immer auf einer Wellenlänge war? Obwohl die Gespräche genau dieselben waren, hatte man sich früher zumindest eingebildet, dabei zu sein. An diesem Abend aber fühlt es sich an, als hätte man ein Ticket für das ausverkaufte Konzert seiner Lieblingsband bekommen, doch als man ankommt muss man feststellen, dass es sich nur um eine Sitzplatzkarte handelt, am Rand der Bühne, von dem aus man seitlich auf die Musiker schaut. Man ist weder Backstage bei den Stars, noch vor der Bühne und Teil des Publikums, anstatt mit der Sängerin zu flirten und den Schweiß der Nebenleute zu inhalieren, wippt man unschlüssig im Sitzen mit den Zehen. Wenn das Leben ein Roman wäre, dann würde es jetzt zum Höhepunkt der Handlung kommen, stattdessen fährt man mit der Ubahn um Mitternacht nachhause weil man vergessen hat, dass es eine Nightline gibt, und der letzte Zug des Lebens noch nicht abgefahren ist.
Es fühlt sich an, als hätte man ein Ticket für das Konzert seiner Lieblingsband bekommen, doch als man ankommt muss man feststellen, dass es sich nur um eine Karte am Rand der Bühne handelt, von dem aus man seitlich auf die Musiker schaut. Man ist weder Backstage bei den Stars, noch vor der Bühne und Teil des Publikums, anstatt mit der Sängerin zu flirten und den Schweiß der Nebenleute zu inhalieren, wippt man unschlüssig mit den Zehen.
Schauma Mal
Es ist eine schwierige Generation, in der man sich befindet, und das Wissen darüber, dass man nicht allein ist mit der ewigen Unschlüssigkeit sollte zumindest ein Trost sein. „Ich möchte nie erwachsen werden“, hatte eine der Mitte-Dreißigjährigen zuvor stolz verkündet, sie hat einen Freund in Amsterdam, der nach Wien ziehen möchte, um bei ihr zu sein, doch sie möchte nicht mit ihm zusammen wohnen, das ist ihr zu verbindlich, weshalb er nun nach einem WG Zimmer suchen muss. In unserer Generation wird alles, was uns in irgendeiner Weise in der Realität festnagelt des Lebens verwiesen, „schauma Mal“ ist zur internationalen Lebensphilosophie geworden – die Wiener haben es wieder einmal als erste gewusst. Schon ein Teilzeitjob wird nur unter heftigen Widerständen akzeptiert, gibt es überhaupt noch Leute, die vierzig Stunden in der Woche arbeiten, oder sind mittlerweile alle das halbe Jahr in Südostasien? Ohne es mitzubekommen ist mittlerweile die Sonne aufgegangen. Kurz denkt man an all die jungen Morgen, die man in einem Park oder vor einer Bar erlebt hat, und gedacht hatte, dass so ein Tagesanbruch der magischste Moment der Welt ist. Während man früher verkatert einen schnellen Espresso beim nächsten Bäcker eingenommen hat, zusammen mit einem frisch aufgebackenem Croissant, schaltet man jetzt den Vollautomaten ein und macht sich eine Schale Müsli mit frischen Früchten, man braucht die Vitamnine, denn morgen wird man Vater sein.
Als Kind ist das Leben einfach: die Liebe der Eltern ist alles, was man braucht – und vielleicht noch die neueste Nintendo Konsole. Die Tage sind lang, ohne dass man darüber nachdenken würde, die Zukunft reicht nicht weiter als ein paar Stunden voraus. Eine Vergangenheit, über die man grübeln könnte, gibt es noch nicht. Man lebt in der Gegenwart, ohne zu ahnen, dass einem diese so selbstverständlich scheinende Fähigkeit bald für immer abhanden kommen wird. Denn auch wenn eine Kindheit ewig zu dauern scheint, wird sie doch spätestens durch den Keulenschlag der Pubertät beendet: während bisher kontrolliertes Wachstum angesagt war, entgleitet einem von einem Tag auf den anderen in Form von Akne und Körperbehaarung der eigene Körper. Geist und Herz ziehen schnell nach, letzteres wird einem zum ersten Mal gebrochen. Plötzlich geht es nur mehr um die Zukunft, Erwartungen werden gestellt an das spätere Leben. Mit falscher Bescheidenheit hält sich in diesem Stadium niemand auf: irgendwann einen Oskar zu gewinnen, Staranwalt in New York oder zumindest Oberarzt im AKH zu werden ist fix eingeplant. Wer schließlich das heimische Schulsystem überlebt, für den scheint alles möglich zu sein – im Sommer nach dem Ablegen der Matura ist man am Höhepunkt angekommen, hält sich für weise, unsterblich und bereit, die Welt zu erobern. Vielleicht ist man sogar in jemanden verliebt, aber auch wenn nicht, dann zumindest ins Leben selbst. Alle Träume sind noch gut sichtbar am Horizont aufgereiht, gleichzeitig aber besteht keinerlei Eile, diese in naher Zukunft verwirklichen zu müssen – man hat schließlich noch so wahnsinnig viel Zeit.
Die Studienzeit ist geprägt vom Lern- oder Alkoholrausch – je nachdem, ob man etwas „Gscheites“ inskribiert hat, oder doch nur Publizistik studiert.
Höhepunkt mit zwanzig
Dann beginnt das Studium und zum ersten Mal werden Kratzer in der Fassade der heilen Welt sichtbar. Irgendwie ist das Erwachsenenleben nicht ganz so, wie man sich das vorgestellt hat. Im Hörsaal reden alle gescheit daher, scheinbar ist man der Einzige, der keine Ahnung hat, um was es hier eigentlich geht. Unbemerkt wird in dieser Phase bereits die Spreu vom Weizen aussortiert: diejenigen, die so tun als wüssten sie alles, bauen auf diesem Talent im Idealfall eine ganze Karriere auf. Den anderen dämmert langsam, dass stolzes und ahnungsloses Rumhängen in der letzten Reihe nicht mehr cool ist, denn anders als in der Schule achtet niemand darauf, ob man noch mitkommt – die Anonymität des Erwachsenendaseins hat begonnen. Die Studienzeit ist geprägt vom Lern- oder Alkoholrausch – je nachdem, ob man etwas „Gscheites“ inskribiert hat, oder doch nur Publizistik studiert. Plötzlich fangen die Semester an vorbei zu rasen, es stellt sich ein Gefühl der Auslöschung der Jahre ein, das man vorher nicht kannte, genauso wenig wie die Existenz des morgendlichen Katers nach ein paar Bier am Vorabend. Verzweifelt stemmt man sich gegen den Lauf der Zeit, indem man den Studienabschluss bis weit jenseits der Zwanziger hinauszögert, immer noch in einer WG lebt und feste Beziehungen meidet wie der Teufel das Weihwasser.
Man realisiert die Grausamkeit einer vierzig Stunden Woche spätestens beim dritten Arbeitgeber, bei dem sich nur der Desktophintergrund des Bürocomputers ändert.
Trau keinem über dreißig
Doch egal, wie langsam man zu leben versucht und wie wenig man bisher erreicht hat, plötzlich ist man dreißig und hoppla, die jugendlichen Träume sind mittlerweile weitergezogen zur nächsten Generation. Man verschwendet keinen Gedanken mehr daran, ein Buch zu schreiben oder einen Film zu drehen. Stattdessen investiert man sein poetisches Talent in die Verfassung der Steuererklärung, bezahlt Rechnungen und sitzt in Büros, in denen die Stunden langsam, aber die Jahre schnell vergehen. Bei der ersten beruflichen Station denkt man sich noch, dass das bloß ein dummes Praktikum ist, dass es besser werden muss. Doch spätestens beim dritten Job, in dem sich nur der Desktophintergrund des Bürocomputer geändert hat, realisiert man die Grausamkeit einer vierzig Stunden Woche.
Der Moment, in dem man zum ersten Mal
einen Seniorenfahrschein löst, ist ein Schlag
in die Magengrube, gegen den keines der
am Nachtkastl liegenden Schmerzmittel wirkt.
Mit fünfzig fängt das Leben an
Spätestens mit vierzig gibt man den Traum auf, für immer zwanzig sein zu wollen. Überhaupt ähneln die Vierziger den Dreißigern, außer dass sie doppelt so schnell vorübergehen und man in jedem Club der Stadt endgültig der Älteste ist. Die biologische Uhr teilt einem mit Nachdruck mit, dass nun wirklich die letzte Chance fürs Kinderkriegen herangedämmert ist. Statt zum Backpacken nach Thailand wird im Sommer die Adria angesteuert. Zum Fünfziger bekommt man ein Tshirt mit dem Spruch „mit 50 fängt das Leben an“ geschenkt. Verzweifelt schreit es einem entgegen, doch das ändert nichts an diesem absurden Alter, wie um alles in der Welt konnte es so weit kommen? Man hat Schmerzen, nicht mehr nur nach dem Trinken, sondern einfach generell, irgendetwas tut immer weh. Rückblickend betrachtet hätte sich ein gesünderer Lebensstil und regelmäßige sportliche Betätigung bezahlt gemacht. Wer sich zu Kindern durchgerungen hat, kann durch deren Jugend seine eigene noch einmal durchleben, wer keine hat fragt sich, was eigentlich die ganzen ehemaligen Freunde so treiben. Zu den meisten hat man keinen Kontakt mehr, mit den einen ist man zerstritten, ohne sich an den Grund dafür erinnern zu können, die anderen leben am Land, wo sie ihren eigenen Nachwuchs oder Paradeiser im Garten aufziehen.
Pensionsendspurt mit sechzig
Schließlich kommt, was kommen muss, und man wird sechzig. Wer sich bisher noch nicht mit der eigenen Endlichkeit auseinander gesetzt hat, der tut dies nun zwangsläufig im Rahmen regelmäßiger Befundbesprechungen. Die Pension ist in Reichweite, man hechelt ihr begeistert entgegen, ohne zu realisieren, dass durch das Ende des Arbeits- das eigene Leben auch nicht länger wird. Der Moment, in dem man zum ersten Mal einen Seniorenfahrschein löst, ist ein Schlag in die Magengrube, gegen den keines der am Nachtkastl liegenden Schmerzmittel wirkt.
Siebzig Jahr, blondes Haar
Mit siebzig realisiert man, dass alles nicht so schlimm ist. Man erhält Geld vom Staat, muss nichts mehr leisten, keiner erwartet etwas von einem, außer an der Supermarktkassa nicht ausschließlich mit zwei-Cent-Münzen zu bezahlen. Alles ist ruhig, sowohl draußen, als auch in einem selbst. Die Kinder sind mittlerweile selbst erwachsen, alle Desktophintergründe abgeschaltet und man blickt zurück auf ein Leben, wie es sonst noch keines gab. Die eigene Endlichkeit nimmt man hin, vielleicht gibt es ja doch noch etwas anderes, oder man kommt wieder, als Wolke über Irland zum Beispiel. Astronaut ist man keiner geworden, doch wen hat das schon jemals gestört, außer einen selbst, und sobald man das realisiert hat, kümmert es einen genauso wenig wie der Wetterbericht von gestern.