Kategorie: Blog

  • Stell dir vor die Welt geht unter, aber keiner geht hin

    An einem Freitagmorgen steht am Fuße eines riesigen Flugzeuges ein winzig aussehender Mann. In wenigen Minuten wird er in den Himmel aufsteigen, um ans andere Ende der Welt zu fliegen. Dort wohnt seine Schwester, die sich soeben einen neuen Hund angeschafft hat, den sie ihrem Bruder vorstellen möchte. Er wird sich kaum achtundvierzig Stunden an seiner Wochenenddestination aufhalten, um anschließend fast genauso lange 10.000 Kilometer über dem Boden schwebend die Rückreise in seine Heimat anzutreten. Falls die drei dazu notwendigen Linienflüge keine Verspätungen haben, wird der Mann bereits am Montag wieder zurück im heimatlichen Büro sitzen. Die Welt weiß von seinem Ausflug, weil er in einem sozialen Netzwerk darüber berichtet, wenn auch nicht sehr ausführlich, denn sein Kurztrip ist ihm nur wenige Zeilen wert. Er reist viel, ein Flug über zehn Zeitzonen hinweg ist für ihn kaum erwähnenswerter, als die morgendliche Fahrt nach Wien für einen Pendler aus Niederösterreich.

    Es heißt, unsere Generation hält die letzte Chance in ihren Händen, den Planeten zu retten. Diese ungeheure Verantwortung stürzt uns in einen tiefen inneren Konflikt, in Rahmen dessen sich zwei einander bis aufs Blut verfeindete Mächte gegenüber stehen: Unser persönlicher Hedonismus kämpft gegen das Überleben der eigenen Spezies.

    Eine Frau kommentiert sein Posting damit, dass er wohl keine Flugangst haben könne, ansonsten würde er sich das nicht antun. Ungefragt erhält er Tipps zum besten Cafe Latte der Stadt, wo man gut brunchen kann sowie Vorschläge für Tagesausflüge fürs nächste Mal, wenn er mehr Zeit hat. Niemand erwähnt CO2, die Ozonschicht oder den Klimawandel. Wir sind zwar dazu bereit, von Fachleuten verfasste Artikel, Kommentare und Studien zu dem Thema zu teilen – auf unser persönliches Leben aber wollen wir das Ganze nicht umlegen. Es ist wie bei der schweren Krankheit eines Familienmitgliedes: Der Tod übersteigt unser Fassungsvermögen, weshalb wir nicht über ihn reden. In seiner Nähe verwandeln wir uns zurück in ein kleines Kind, das sich im Angesicht der Bedrohung die Hände vor die Augen wirft, um die Welt ungeschehen zu machen.

    Beinahe fühlt es sich an, als würden wir die Welt tatsächlich retten, indem wir eine Aluminium Dose in der richtigen Tonne entsorgen, obwohl wir sie dadurch in Wahrheit ja nur ein klein bisschen weniger kaputt machen.

    Es heißt, dass unsere Generation die letzte Chance in ihren Händen hält, den Planeten zu retten. Diese ungeheure Verantwortung stürzt uns in einen tiefen inneren Konflikt, in Rahmen dessen sich zwei einander bis aufs Blut verfeindete Mächte gegenüber stehen: Unser persönlicher Hedonismus kämpft gegen das Überleben der eigenen Spezies. Fast scheint es so zu sein, dass die Schlacht schon entschieden ist, dass ihr Sieger uns aber großzügig im Rahmen kleinerer Nebenscharmützel die Illusion lässt, wir könnten das Ruder noch herumreißen. Deshalb schleppen wir Stofftaschen in den Supermarkt, kaufen Rindfleisch aus biologischer Produktion und verwenden beim Geschirrspüler das dreistündige Ökoprogramm. Beinahe fühlt es sich an, als würden wir die Welt tatsächlich retten, indem wir eine Aluminium Dose in der richtigen Tonne entsorgen, obwohl wir sie dadurch in Wahrheit ja nur ein klein bisschen weniger kaputt machen.

    Begeistert teilten wir vor einigen Monaten die aufwendig produzierten Videos über einen holländischen Teenager, der eine Maschine entworfen hatte, mit der das Plastik aus den Weltmeeren gefiltert wird. Die Maschine ist mittlerweile tatsächlich gebaut worden, doch das Plastik schwimmt einfach unter ihr hindurch.

    Es ist wie mit allen Problemen, die derart breitgetreten werden: Obwohl ständig darüber geredet wird, nehmen wir das Thema gar nicht mehr wahr, so wie die Bewohner Schwechats vielleicht irgendwann den sie alltäglich einhüllenden Geruch der Raffinerie ausblenden. Ständig predigt jemand, es sei fünf vor Zwölf, dass man jetzt handeln müsse oder es sei zu spät. Aber sollte in Wahrheit nicht ohnehin schon alles vorbei sein? Hat das Klagen nicht schon vor zehn Jahren begonnen, hieß es nicht damals bereits, man hätte nur mehr wenig Zeit? Fast wünscht man sich, dass endlich Gewissheit herrscht, dass sich irgendjemand hinstellt und uns erlöst mit dem finalen Urteil „Jawohl, heute ist der Tag, an dem es zu spät ist, ganz egal, was wir von nun an tun.“ Der nahende Tod verbreitet schließlich mehr Schrecken als der tatsächliche, genauso wie es schlimmer ist, schwaches Wlan zu haben, als gar keines.

    Wenn die Kohlekraftwerke runtergefahren werden, muss wieder mehr Atomenergie aus den Steckdosen kommen, denn so viele Windräder können im Burgenland gar nicht aufgestellt werden, dass sich das ausgeht.

    Im Radio diskutieren ein paar Studenten über die Problematik des Themas. Alles sei immer so negativ, meint ein junger Herr, stattdessen sollte lieber mit positiver Motivation gearbeitet werden. Es wird doch ohnehin schon viel getan, und die Erderwärmung hat schließlich auch gute Seiten, zumindest für den Einzelnen. So herrschen in Österreich plötzlich nicht mehr acht Monate Winter, sondern nur noch sechs. Weiße Weihnachten kennt man in Wien zwar nur noch aus den Tiroler Schneekanonen vom letzten Skiurlaub, aber Schnee hat in der Großstadt sowieso noch nie jemand gebraucht – auch wenn Frau Holle den Kampf gegen die Gletscherschmelze zumindest in diesem Jahr gewonnen zu haben scheint. Außerdem gibt es noch eine letzte Hoffnung, und für die müssten wir uns praktischerweise nicht einmal einschränken: Der technologische Fortschritt, der uns ja erst in diese Misere gebracht hat, soll das reparieren, was er selbst zerstört hat. Begeistert teilten wir vor einigen Monaten die aufwendig produzierten Videos über einen holländischen Teenager, der eine Maschine entworfen haben soll, mit der das Plastik aus den Weltmeeren gefiltert werden kann. Die Maschine ist mittlerweile tatsächlich gebaut worden, doch man hört wenig von ihr, denn das Plastik schwimmt einfach unter der Maschine hindurch. Ein gnädiger Facebook-Algorithmus verbirgt das Scheitern vor unseren hoffnungsvollen Augen. Die sind ohnehin schon weitergewandert, denn bald soll es Staubsauger geben, die das CO2 aus der Atmosphäre saugen – und die wurden zumindest von Erwachsenen erfunden.

    Wie kaum ein anderes Thema schafft es der Klimawandel, Betroffenheit auszulösen, trotzdem sind wir alle diesen Winter in Thailand. Man möchte die Welt schließlich noch ein letztes Mal sehen, bevor es sie nicht mehr gibt.

    Wir sind uns alle einig, dass etwas getan werden muss – nur selbst möchten wir nichts dazu beitragen. Auch von dem eigenen Bekanntenkreis erwarten wir keine Stornierung des wohlverdienten Karibikurlaubes. In der Verantwortung steht im Zweifelsfall sowieso die Politik, denn die hat immer an allem schuld. Wenn einfach alle Kohlekraftwerke abgedreht werden würden, dann fielen die paar Millionen Urlaubsflüge im Jahr gar nicht mehr ins Gewicht. Doch die Politik ist kein abstraktes, überirdisches Wesen, sondern ein menschliches aus Fleisch und Blut, das selbst wenn es ein Interesse an dem Thema zeigt vor dem Dilemma steht, nicht alles haben zu können: Wenn die Kohlekraftwerke runtergefahren werden, muss wieder mehr Atomenergie aus den Steckdosen kommen, denn so viele Windräder können im Burgenland gar nicht aufgestellt werden, dass sich das ausgeht – und selbst wenn, würden die Anrainer gegen die Verschandelung der pannonischen Tiefebene protestieren. Zumindest für eines ist der Klimawandel gut: Er schweißt die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in einer kollektiven Schuld zusammen. Es sind nicht mehr nur die naiven Rechten oder die radikalen Linken verantwortlich – wobei eine Fahrt von Simmering nach Bibione kürzer dauert als ein Flug von Mariahilf nach Vietnam.

    In der Mittagspause wird darüber gesprochen, wohin die nächste Reise gehen soll. Chile sei aufregend, genauso wie Südafrika, man hat zwar nur mehr zwei Wochen Urlaub, aber die Flüge sind gerade so günstig. Man könnte natürlich auch im Waldviertel überwintern, wo der Railjet ohne Jetlag hinfährt, aber dort ist es einfach zu kalt. Solange die ÖBB einen nicht in die Tropen bringt, muss also doch wieder beim Billigflieger gebucht werden. Wie kaum ein anderes Thema schafft es der Klimawandel, Betroffenheit auszulösen, trotzdem sind wir alle diesen Winter in Thailand. Man möchte die Welt schließlich noch ein letztes Mal sehen, bevor es sie nicht mehr gibt.

  • Der alte Mann und das Meer

    “Des is aber wenig Trinkgeld für so an Haufen Klumpat”, kommentiert der Mann an der Garderobe die gerade erhaltene „freie Spende“ eines Besuchers. Missmutig und nach einem nur ihm verständlichen System verteilt er den vor sich liegenden Kleiderhaufen auf die Kleiderhaken hinter sich. Eilig legt der Besitzer der Jacken noch zwei Euro nach, was seinem Gegenüber ein zufriedenes Grummeln entlockt – der Kapitalismus hat die Anarchie der Arena in die Flucht geschlagen. Auch sonst hat sich viel getan in den letzten Jahrzehnten: die ehemals schäbige Halle wurde umgebaut, im Hof werden neben Käsekrainern mittlerweile auch Crepes serviert. Die in früheren Tagen vorm Eingang herumlungernden Punks, die ihre Dosenbiere lieber von der nahen Tankstelle statt aus der Arena geholt haben, sind verschwunden.

    In einer Zeit, in der jeder Künstler ist und Menschen auf Instagram zu Berühmtheiten werden, ohne irgendetwas besonders gut zu können, darf auch ein tatsächlicher Star einmal etwas tun, was man ihm eigentlich nicht zutrauen w??rde.

    Wer sich vor der Show noch einen Drink genehmigen möchte, tut das im anliegenden Arena-Beisl, in dem auch schon lange keine Revolutionen mehr geplant, sondern gemütlich zusammen gesessen und Craft Beer getrunken wird. Viel Umsatz macht die Bar an diesem Abend aber nicht, denn David Duchovny spielt nebenan in der ausverkauften Halle auf der Gitarre – wobei er sich an diesem Abend ganz dem Singen widmet und die Instrumente jenen überlässt, die mehr Erfahrung damit haben. Man muss schon zwei Mal hinhören um es zu glauben, doch der Schauspieler legt tatsächlich im mittleren Alter noch eine Gesangskarriere nach. In einer Zeit, in der jeder ein Künstler ist und Menschen auf Instagram zu Berühmtheiten werden, ohne irgendetwas besonders gut zu können, darf auch ein tatsächlicher Star einmal etwas tun, was man ihm eigentlich nicht zutrauen würde.

    Es ist diese Verletzbarkeit, die Duchovnys Ausstrahlung ausmacht, sein gesenkter Blick, der stets über den Rand des Abgrundes zu schielen scheint, wie um zu sagen, dass alles wirklich schlimm, aber am Ende doch nebensächlich ist.

    „Mein Stiefgroßvater war Wiener, er hat Bücher wie „Der alte Mann und das Meer“ ins Jiddische übersetzt“, erzählt er dem Publikum an diesem kalten Wiener Spätwinterabend, fünfundzwanzig Jahre nachdem er als Agent Mulder in Hollywood nach Außerirdischen gesucht hat. Während seine Rolle als Agent Mulder eigentlich schon als Lebenswerk gereicht hätte, machte er sich fünfzehn Jahre später mit „Californication“ vom Helden der Jugend zum Vorbild einer ganzen Generation verlorener Tagträumer. Als gleichzeitig gefeierter wie gescheiterter Schriftsteller durchstreift er ziellos Los Angeles auf der Suche nach sich selbst, der Inspiration für einen neuen Roman, oder zumindest jemandem, der ihm einen Drink serviert. In „Californication“ tut er das, was er am besten kann: er spielt sich selbst, und das ist auch die Agenda für den heutigen Abend. Er weiß um die Verehrung, die ihm entgegenschlägt, ganz egal wo er steht und was er tut. Gleichzeitig hielten ihn Depression, Alkohol- und Sexsucht stets auf dem Boden der Realität. Es ist diese Verletzbarkeit, die seine Ausstrahlung ausmacht, sein gesenkter Blick, der stets über den Rand des Abgrundes zu schielen scheint, wie um zu sagen, dass alles wirklich schlimm, aber am Ende doch nebensächlich ist. Duchovny schafft es, gleichzeitig Frauenheld, lustloser Taugenichts und der Typ von nebenan zu sein, mit dem man gerne ein Bier trinken und eine Nacht lang über Charles Bukowski reden würde.

    Irgendwie warten alle darauf, dass der Hauptact David Duchovny auf die Bühne kommt, obwohl der Musiker David Duchovny ja schon seit einer Stunde spielt.

    Das Geschlechterverhältnis im Publikum ist ausgewogen: die Frauen wollen mit ihm schlafen, und ihre ebenfalls anwesenden Männer hätten nichts dagegen, weil sie ihn selbst viel zu toll finden. Auf den Stufen neben dem Tontechniker steht ein junges Paar, sie sind extra aus der Steiermark für das Gastspiel angereist. Sie flüstert ihm ins Ohr, dass es das beste Konzert sei, auf dem sie je war, um gleich danach wieder lauthals mitzusingen. Ihre Textsicherheit sticht heraus, ein Teil der Anwesenden hat Duchovnys Lieder auf der Herfahrt mit der Ubahn wohl schnell zum ersten Mal auf Spotify gestreamt. Man ist primär wegen Agent Mulder und Hank Moody gekommen, der Musiker David Duchovny ist noch nicht allen bekannt. So scrollt ein junger Mann auf seinem Smartphone über die Wikipedia-Seite Duchovnys, offenbar ist er nicht sicher, ob es wirklich der große Schauspielstar ist, der da vor ihm auf der Bühne steht. Die Frau neben ihm tippt eine SMS in ihr Handy mit dem Text: „Bin grad in der Arena beim Akte X Typen“. Irgendwie warten alle darauf, dass der Hauptact David Duchovny auf die Bühne kommt, obwohl der Musiker David Duchovny ja schon seit einer Stunde spielt. Immer wieder riecht es nach halbverdauter Wurst, einer der Herren im Umkreis hat wohl zu gierig beim Käsekrainer Buffet zugeschlagen.

    Während der Schauspieler David Duchovny bedeutungsvolle Worte nachsprechen kann wie kaum ein anderer, fällt ihm das Singen dieser Zeilen etwas schwerer, was aber weder ihn noch irgendjemanden sonst im Publikum stört.

    Nach den ersten Liedern sind wir alle angekommen, jeder hat ein Foto seines Helden gemacht, das Lichtermeer der Smartphones ist erloschen und endlich dürfen wir selbst zuhören. Duchovny stimmt „Heroes“ an und kommentiert anschließend, dass er dieses Lied gerne selbst geschrieben hätte. Er weiß, dass er kein David Bowie ist, selbst wenn er ihn in T-Shirt und Jeans ausgezeichnet interpretieren kann, so wie einst das von Selbstzweifeln geplagte schriftstellerische One-Hit-Wonder Hank Moody. Er singt von der Liebe, dem Scheitern und darüber, dass es keine ersten Male mehr im Leben gibt, sobald man älter wird, und so viel erfahren hat wie er. Während der Schauspieler David Duchovny bedeutungsvolle Worte nachsprechen kann wie kaum ein anderer, fällt ihm das Singen dieser etwas schwerer, was aber weder ihn noch irgendjemanden sonst im Publikum stört. Es ist eine sympathische Atmosphäre, die weniger ein Konzert zu sein scheint, sondern mehr ein Meet and Greet ist, bei dem alle auf ihre Kosten kommen, und bei dem anschließend noch schnell ein paar Lieder zusammen gesungen werden.

    Alles wird gut

    Der Mann von der Garderobe steht mittlerweile neben der Bar und trinkt ein Bier, während er zum Takt der Musik mitwippt. Duchovny wird am nächsten Tag auf Instagram posten, dass Wien eine seiner Lieblingsshows überhaupt war. Und für uns ist klar, dass David Duchovny immer ein Held sein wird, ganz egal, in welcher Rolle er das nächste Mal erscheinen wird.

  • Urlaub wo andere leben: Zwettl im Waldviertel

    Das Erste, was einem auffällt, ist die Stille. Wer aus dem weihnachtlich-wahnsinnig gewordenen Wien ins besinnliche Waldviertel flieht, der kann sich selbst zum ersten Mal seit Wochen wieder beim Atmen zuhören. Normalerweise legt dieser Landstrich erst im Hochsommer seinen großen Auftritt hin: Wenn Wien unter einer Jahr für Jahr anwachsende Zahl von Hitzetagen brennt, dienen die kühlen Nächte der Region als offizieller Werbeslogan. Zwei Monate lang ist das Waldviertel Fluchtdestination für schweißgebadete Großstädter. Anfang September, wenn die Tage kürzer werden und die Nächte langsam wieder endlos, versinkt dieser Flecken Niederösterreichs in einen zehnnmonatigen Winterschlaf und verschwindet von der Landkarte. Denn wer im Winter, wenn das Wetter auch in Wien grauenhaft kalt, grau und nass ist, einen Aufenthalt in Zwettl plant, muss scheinbar eine gehörige Portion Wahnsinn mitbringen. Doch auch wenn die Hauptstadt der Region seit 1929, lange bevor das Wort Klimawandel existierte, mit -36,6 Grad Celsius den offiziellen Rekord für die niedrigste, jemals in Österreich gemessene Temperatur hält, herrscht hier eine ehrlichere Kälte als in Wien: Während sie einem in Wien, aufgepeitscht durch Wind und Feuchte, in alle Knochen fährt, hält sie hier oben im scheinbar letzten Winkel des Landes Respektabstand. Genau wie die Bewohner dieser ziellos weitläufigen Landschaft ist sie zwar anwesend, scheint einen jedoch kaum zu berühren. Wie die zumindest vereinzelten Wiener Kennzeichen vor der Oase des Hotel Schwarzalm beweisen, ist es also nicht nur die Kühle des Sommers, welche die Wiener hierherlockt, auch im Winter fliehen die Großstädter hierher – obwohl einige von ihnen den himmlischen Spabereich nur für einen Besuch beim üppigen Frühstücksbuffet verlassen. Wenn vielleicht auch kein Sehnsuchtsort, so ist das Waldviertel für die Wiener doch zumindest ein Rückzugsplatz, an dem man sich vor der Welt verstecken kann.

    Zwettl stellt mit seinen 10.000 Einwohnern das Zentrum der Region dar. Ein Spaziergang durch die verschneiten Straßen der Stadt zeigt schnell, dass sie genauso unprätentiös daherkommt, wie das Waldviertel als Ganzes. Während sich in Wien jede Balustrade unter unnötigem Prunk und Verzierungen beugt, wird hier einfach nur Ziegel auf Ziegel geschlichtet. Einzelne Schmuckstücke wie die Dreifaltigkeitsstatue oder der Hundertwasserbrunnen wirken fast fehl am Platz, sogar der Eingang zur Stadtkirche versteckt sich hinter einem Durchgang.

    „Adolf“, ruft eine ältere Dame ihrem Mann nach, der ihr auf der schneenassen Straße enteilt – nein, dies ist keine erfundene „Spiegel“ Reportage. Neugierig folgt man den beiden ins Innere der Konditorei Schön, wo die Zeitreise weitergeht, zumindest was die Einrichtung betrifft, die seit der Eröffnung nicht ausgewechselt worden sein kann. Ein älterer Herr debattiert mit der Kellnerin übers Wetter und darüber, dass sich dieses Jahr weiße Weihnachten ausgehen könnte, während es draußen die Stadt einschneit. Ein anderer Gast erklärt der Frau am Nachbartisch, dass er hier nur Illustrierte liest, weil die großen Zeitungen nicht auf die schmalen Tische passen.

    Ohne Adolf zieht man weiter ins Beisl nebenan, wo sich die Stimmung deutlich ausgelassener zeigt, die ganze Stadt scheint hier versammelt zu sein, um das erste Skirennen der Saison zu verfolgen. Es riecht so, als wären fünfzig offene Bierfässer im Raum aufgestellt, man fragt sich, ob man irrtümlich in die Zwettler Brauerei abgebogen ist. Um 11.48 heulen plötzlich wie aus dem Nichts die Stadtsirenen auf, was jedoch keiner der Gäste zu registrieren scheint. Wer in Niederösterreich aufgewachsen ist weiß, dass gerade kein Atomkraftwerk in die Luft geflogen ist, sondern es sich nur um den allwöchentlichen Funktionalitätstest der Lautsprecher handelt. Auch wenn im scheinbar hintersten Winkel des Landes jegliche Katastrophe fern zu sein scheint, ist die tschechische Grenze doch nicht weit.

    Viel größer dagegen ist die Distanz zur Heimat der Besitzerin des Smile Chinarestaurants am Stadtrand: Vor fünf Jahren folgte sie ihrem Mann und zog aus dem Süden des Reiches der Mitte ins Waldviertel, was ein ähnlicher Kulturschock sein muss, wie wenn man seinen Wohnsitz vom Mars auf die Erde verlegt. Dennoch scheint sie sich bereits bestens integriert zu haben: Sie schwärmt von der Ruhe, die man hier hat und der wunderschönen Natur, alleine diese Aussagen werden ihr hoffentlich die Rot-Weiß-Rot Card sichern. Nur die Winter seien schon hart, fügt sie hinzu. Ein Einheimischer habe ihr bei der Ankunft gesagt, dass es im Waldviertel nur zwei Temperaturen gäbe: kalt, oder sehr kalt.

    Zur Abendstunde steht ein Besuch der Brauerei an, dem inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt. Eine überraschend große Gruppe versammelt sich im Shop der Anlage, die Dame begrüßt die Anwesenden. Ob sie selbst jedes Mal alle Biere verkosten würde, fragt einer der jungen Männer, was mit lautem Gelächter quittiert wird, auch unsere Anführerin lächelt freundlich mit, obwohl sie die Witze bereits von den vorhergegangen 53 Rundgängen des Jahres kennt. Einer der anwesenden Wiener meint, er würde gerne jede Woche kommen, wenn es nicht so weit weg wäre, denn in Wien bekommt man das gute Zwettler Bier ja leider kaum wo. Obwohl hier in einer der wenigen verbleibenden Privatbrauereien Österreichs vielleicht tatsächlich eines der wohlschmeckendsten Biere des Landes hergestellt wird, machen die Waldviertler, wie aus allem anderen auch, kein großes Aufsehen darum. Ein herbes, aber nicht bitteres Bier, lautet das Motto der Brauerei, es sollte auf die ganze Stadt ausgeweitet werden. Nicht nur die Brauereiangestellte ist sichtlich stolz auf das Getränk made in Waldviertel, auch die überwiegend aus der Region stammenden Anwesenden nicken anerkennend. Auf Englisch wird kein Programm angeboten, erfährt man auf Nachfrage, Zwettl und sein Bier sind für die Einheimischen reserviert. Während in die ums Eck liegende Wachau schiffsweise amerikanische Touristen über die Donau angekarrt werden, müssen die Österreicher im Waldviertel unter sich bleiben.

    Zum Abendessen geht es ins Wirtshaus im Demutsgraben. Die alte Gaststube scheint hier seit Jahrhunderten unberührt, der Wirt ist ein Original, wie man es nur an einem Ort wie diesem finden kann – auch wenn der rüstige Herr nicht von hier, sondern aus Tirol stammt. Ein Gast aus Wien ist extra noch geblieben und nimmt den Nachhauseweg bei Eis und Dunkelheit in Kauf, nur um noch einmal die berühmten Erdapfelknödel zu verkosten. Der Wirt nimmt dieses Kompliment sowie die Bestellung kommentarlos zur Kenntniss, was sollte er auch antworten. Schließlich sind seine Hausmannskost genauso wie das Waldviertel selbst eine raue Schönheit, bei der sich niemand jemals die Mühe gemacht hat, sie glatt zu polieren. Wer sie dennoch erkennen kann, den lässt sie nicht mehr los, und den wird auch die Kälte des Winters nicht von einem Besuch abschrecken, und umgeben von Bäumen, Schnee und Stille wird sie ohnehin wieder zu einem schützenden Umhang vor dem bösen Rest der Welt.

  • Vom Fußball, (und) dem Sinn des Lebens

    Alle vier Jahre erhält der Alltag eine Pause. Einen ganzen Monat lang muss man nicht darüber nachdenken, worin der Sinn der eigenen Existenz besteht, denn es ist Fußball-WM. Plötzlich liegt jeglicher Fokus auf dem Abschneiden von elf Menschen aus Ländern wie Costa Rica, Südkorea oder Tunesien, deren Namen man zwar nicht buchstabieren oder gar aussprechen kann, mit denen man aber mitfiebert, als ginge es um das eigene Leben. Spiele, die man sich normalerweise nicht einmal als Katerprogramm an einem langsamen Sonntagnachmittag anschauen würde, reichen plötzlich als Entschuldigung dafür aus, den halben Tag vor dem Fernseher zu verbringen. Im Vorfeld musste man sich als politisch korrekter Mensch noch die Frage stellen, ob man sich diese WM in Russland überhaupt ansehen dürfe. Annektierung der Krim hin, Menschenrechtsverletzungen her: die Zeitungen zeigen Bilder von freundlichen russischen Ordnern, und Wladimir Putin ruft vor den Spielen seiner Mannschaft kurz beim Trainer an um ihm Glück zu wünschen – so schlecht kann dieses Land dann ja wohl doch nicht sein. Man klatscht also den Schlachtruf der Isländer mit, bestaunt zusammen mit dem Rest der Welt den Reinlichkeitswahn der Japaner, wundert sich über die Ammoniak schnüffelnden Russen und erfreut sich am Aufstand der Kleinen – auch wenn die Halbfinalisten aus Kroatien, England, Frankreich und Belgien ohnehin namhafte Fußballnationen sind, aber wer will sich schon die schöne Schlagzeile versauen lassen.

    Angesichts der euphorischen Bilder feiernder Damen und Herren in rotweiß karierter Kleidung aus dem sechzehnten Bezirk muss man sich fragen, was wohl passieren würde, wenn das rot-weiß-rot Österreichs einmal ins Endspiel käme? Würden dann die Pensionisten auf den Straßen Hietzings tanzen und ein hupender Autokonvoi durch die Grinzinger Allee ziehen?

    Von Ottakring nach Split

    Die Großen haben es ohnehin immer schwerer: es liegt in der Natur des Menschen, den Außenseitern die Daumen zu Drücken. Für uns Österreicher war David sowieso immer schon attraktiver als Goliath, unser kleine Republik cooler als das übermächtige Deutschland. Das reicht weit übers Sportliche hinaus: Im Ausland beim Deutsch sprechen ertappt stellen wir schnell klar, dass wir gar keine Deutschen sind und nicht vorhaben, mit unseren Handtüchern irgendwelche Strandliegen zu reservieren. Auch werden wir den Einheimischen nicht erklären, wie sie ihre Beach Bars führen, ihre Wohnung isolieren oder den chaotischen Verkehr neu regeln sollen. Uns fehlt es aufgrund mangelnder internationaler Bedeutung schlicht an Selbstvertrauen, dafür sind wir aber besser im laissez faire – stellt uns einen Kaffee hin und alles ist gut. Sogar den Turniersieg einer Jugotruppe würden wir mittlerweile stoisch hinnehmen, während wir anerkennend einen Sliwowitz kippen – aber liebe Kroaten, gebt um Himmels Willen Ruhe beim Feiern, die Ottakringer Straße ist schließlich kein Vorort von Split und in Wien werden die Gehsteige um elf aufgerollt. Angesichts der euphorischen Bilder feiernder Damen und Herren in rotweiß karierter Kleidung aus dem sechzehnten Bezirk muss man sich fragen, was wohl passieren würde, wenn das rot-weiß-rot Österreichs einmal ins Endspiel käme? Würden dann die Pensionisten auf den Straßen Hietzings tanzen und ein hupender Autokonvoi durch die Grinzinger Allee ziehen? Irgendwie scheint der Wiener den Balkan jedenfalls als Teil seiner Stadt akzeptiert zu haben und ist sogar in der Lage, sich für diesen zu freuen – außerdem war Kroatien eh irgendwann einmal Österreich. Es wird interessant sein zu sehen, ob wir die heute neu angekommenen Flüchtlinge in zwanzig Jahren genauso akzeptiert haben werden, wie die mittlerweile alteingesessenen Osteuropäer.

    Bei Deutschlandspielen muss in Österreich sowieso neunzig Minuten lang deren jeweiliger Gegner angefeuert werden – auch bei uns hat das frühe Ausscheiden des großen Nachbarn deshalb eine Lücke hinterlassen.

    Mitten draußen statt dabei

    In Österreich gelten zu große Erfolge als unschick, bloß nicht auffallen lautet das Motto, weshalb wir uns bei der Teilnahme an Turnieren nobel zurückhalten. Das hat den Vorteil, dass wir bei jeder WM die Wahlfreiheit haben und uns alle vier Jahre ein neues Lieblingsteam aussuchen dürfen, für das wir die Daumen drücken. Bei Deutschlandspielen muss sowieso neunzig Minuten lang deren jeweiliger Gegner angefeuert werden – auch bei uns hat das frühe Ausscheiden des großen Nachbarn deshalb eine Lücke hinterlassen. Beim unserem eigenen Team hingegen sorgt ein Abschied nach der Vorrunde oder gar schon in der Qualifikation kaum für Katzenjammer, man ist einfach zu sehr daran gewöhnt. Dagegen setzt die bloße Teilnahme an einem Turnier ein Level an Begeisterung frei, für das in anderen Ländern schon der WM Titel geholt werden müsste. Für uns ist jedes Qualifikationsmatch ein Schicksalsspiel auf Messers Schneide, in Deutschland werden zehn gewonnen Quali-Partien quasi vorausgesetzt, und vor dem Achtelfinale fiebert auf der Berliner Fanmeile außer den kolumbianischen Austauschstudenten kaum jemand mit – zumindest normalerweise.

    Spieler, die jede Woche in Barcelona und London vor fünfzigtausend Fans auftreten, können in Nischni Nowgorod einfach keine Höchstleistungen mehr bringen.

    Deutschland, alles ist vorbei

    Denn diesmal war alles anders: Deutschland, Brasilien, Argentinien, Spanien – sang- und klangloser als diese Teams kann man sich aus einem Turnier kaum verabschieden. Die besten der Welt waren müde, nach zehn Monaten voller Champions League, La Liga oder Cupspielen in der Provinz. Jede Woche findet das wichtigste Spiel der Saison statt, irgendwann kümmert es einen nicht mehr. Wer pro Stunde Millionen bei seinem Verein verdient, kann sich für das Trinkgeld, das an Prämiengeldern bei einer WM ausgeschüttet wird, kaum begeistern. Spieler, die jede Woche in Barcelona und London vor fünfzigtausend Fans auftreten, können in Nischni Nowgorod einfach keine Höchstleistungen mehr bringen. Während die größte Bühne des Weltfußballs oftmals neue Stars hervorbringt, wurden dieses Mal vor allem alte Leuchtfiguren demontiert: Jogi Löw wirkt wie der nette, aber mittlerweile etwas verwirrte Nachbar von Nebenan, Mesut Özil ist nur mehr ein Selfiepartner für türkische Diktatoren und Neymar hat sich in die Bilder der weltweiten Facebookfeeds gerollt. Dann war da noch die Sache mit dem Videobeweis, der zugegebenermaßen mehr Gerechtigkeit bringt, aber es gibt nun niemandem mehr, dem man die Schuld für die eigene Niederlage in die Schuhe schieben kann. Außerdem, ohne die tagelangen Diskussionen über die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter ist Fußball kein Fußball mehr – oder würde heute irgendwer noch über das Wembley Tor reden, wenn es damals schon den Videobeweis gegeben hätte?

    Ganz egal wer heute das Finale gewinnt, ab nächster Woche müssen wir uns wieder aufrauffen, den Pyjama ausziehen und überlegen, was wir mit dem Leben anfangen sollen. Zum Glück kommt in vier Jahren die nächste WM. Dann zwar in Katar und mitten im Winter, aber Public Viewing beim Glühweintrinken am Christkindlmarkt hat sicher auch seinen Reiz.

  • Zwei Happy Hours und eine Mondfinsternis am Wiener Gürtel

    An einem frühsommerlichen Donnerstagabend rauscht der nie enden wollende Autoverkehr auf allen sechs Fahrspuren des Wiener Gürtels vorbei wie ein Wasserfall, dessen Tropfen immer weiter nach unten stürzen, bis sie schließlich an ihrem Ziel ankommen, nur um ein paar Stunden später in Dampfform wieder in die Gegenrichtung aufzusteigen. Im Gegensatz zur stärkst befahrenen Straße der Stadt ist das zwischen den Fahrbahnen gelegene namenlose Lokal in den Stadtbahnbögen spärlich gefüllt: Ein Mann sitzt einsam an der Bar und bestellt in diesem Moment sein zweites Glas Wein. Mit dem ersten stößt er ein vor sich stehendes verbogenes Kartonschild um, auf dem gleich zwei Happy Hours angekündigt werden: eine von 19-21 Uhr, die zweite von 22-24 Uhr. In dem rabattfreien Zeitfenster zwischen neun und zehn kann man entweder den nachhause gehen, abstinent bleiben, oder ein Bier bestellen – auf das gibt es nämlich sowieso nie Ermäßigung. Das Lokal ist trotz abgesagtem Raucherschutzgesetz nur leicht verqualmt, was nicht an der Qualität der Lüftung liegt oder gar an einem Einlenken unserer Regierung – es fehlt schlicht an der nötigen Menschenmenge, um den Sauerstoffgehalt in dem mittelgroßen Raum nachhaltig zu verschlechtern. Doch weder freie Atemwege noch vergünstigte Getränke sorgen automatisch für glückliche Menschen: Eine Gruppe Engländer sitzt an einem der Tische, und während die U6 plangemäß ein paar Meter über ihren Köpfe vorbeirauscht, scheitern die Briten an der Erlangung eines solchen Rauschzustandes, obwohl die Drinks billiger und stärker sind, als in der Heimat. Vorsichtig nippen sie an ihren Gin Tonics, etwas verwundert darüber, dass hier an einem Donnerstagabend, kurz vorm Wochenende, so wenig los ist.

    Wien ist eine launige Diva: meist zu vornehm, um sich wirklich gehen zu lassen – aber wenn sie sich doch zu einem Tänzchen auffordern lässt, dann brennt es lichterloh.

    „Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen?“ heißt es, auch wenn sie in Großbritannien wahrscheinlich noch nie von Reinhard Fendrich gehört haben. Auch dieser dahinplätschernde Abend wird kaum jemandem im Gedächtnis bleiben, in einem Gürtelbögenlokal, dessen Namen man sich nie merken kann, obwohl man immer wieder dort landet. Wien ist überhaupt eine launige Diva: meistens zu vornehm, um sich wirklich gehen zu lassen – aber wenn sie sich doch zu einem Tänzchen auffordern lässt, dann brennt es lichterloh. Heute aber ist den Anwesenden klar, dass das nichts mehr wird. Es gibt diesen kritischen Punkt im Laufe einer Nacht, an dem die Stimmung und der eigene Alkoholisierungsgrad einen gewissen Pegel erreicht haben müssen. Wenn diese Zielsetzung fehlschlägt, dann ist jeder weitere Schluck eine unnötige Verschwendung von Leberkapazitäten. Man könnte das Bier auch einfach stehenlassen und gleich nachhause gehen, will sich diese Kapitulation aber noch nicht eingestehen.

    An Bilder wie diese denken junge Touristen aus Berlin und Amsterdam, die zwei Tage nach Wien kommen und die Stadt für die langweiligste der Welt halten. Man möchte sie hinauszerren, in das verzauberte Wien aus Beyond Sunrise und dem Dritten Mann, weg vom Sound of Music.

    Fluchtachterl

    Die Bar würde in ihrem Minimalismus die perfekte Kulisse abgeben für ein Theaterstück, in dem die Handlung im Vordergrund steht und das Publikum nicht von irgendwelchen pompösen Requisiten abgelenkt werden soll, nur das diesem Abend leider auch die Geschichte abhanden gekommen ist. Das Lokal fühlt sich an wie ein Leo vom Leben, niemand kommt hierher, um etwas zu erleben, noch nicht einmal, um sich ernsthaft zu betrinken. Das Fluchtachterl erfüllt hier tatsächlich seine Bestimmung als letzter Drink des Abends. An Bilder wie diese denken junge Touristen aus Berlin und Amsterdam, die zwei Tage auf Besuch kommen und die Stadt für die langweiligste der Welt halten. Man möchte sie hinauszerren, in das verzauberte Wien aus Beyond Sunrise und dem Dritten Mann, weg vom ernüchternden Sound of Music. Doch dieses Wien muss man erst suchen, denn die Stadt präsentiert sich nicht jedem dahergelaufenen Lonely Planet Touristen, man muss sie sich erst verdienen.

    „Hast du dir schon einmal überlegt, wo der Mond herkommt?“, fragt er sie in diesem Moment. „Ja schon…aber eigentlich reicht es mir zu wissen, dass er immer da ist.“

    Wo der Mond herkommt

    Ein junges Mädchen sitzt neben mir an einem der Tische. Ihr Freund hat heute mit ihr Schluss gemacht, und für ein zwanzigjähriges Leben bedeutet das zumindest einen Abend lang das Ende. Sie erzählt mir von ihm, dass er doppelt so alt ist wie sie, aber nur halb so erwachsen. Zwölf Monate sind sie zusammen gewesen, nie haben sie etwas unternommen, außer sich bei ihm oder ihr zuhause zu treffen, dort Wein zu trinken und miteinander zu schlafen. Außerhalb der zwei kleinen Wohnungen im 5. und 17. Bezirk haben sie sich kaum je gesehen, es war ihm wohl unangenehm gewesen, dass sie so jung war, oder er so alt. Nur ein paar wenige Male haben sie sich in der Stadt verabredet, und dann immer in schäbigen Bars wie dieser hier, wo er sicher sein konnte, dass ihn niemand kannte. Ganz am Anfang waren sie sogar einmal genau hier in diesem Lokal gewesen, unter der Woche, es war noch weniger los gewesen als heute. Damals war zumindest sie schon sehr verliebt gewesen, wie in Trance hatte sie auf einem der Stehhocker Platz genommen und war versunken in den Augen ihres Gegenübers. Verzaubert vom Anblick des anderen konnte damals nicht einmal die triste Kulisse dieser Kaschemme ihrer jugendlichen Liebe etwas anhaben. Damals war es ihr so vorgekommen, als hätte er ihren Blick erwidert, aber heute erscheint ihr das albern. Sie hat ihn dann genau an diesem Tisch sitzend gefragt, ob er sich schon einmal überlegt habe, wo der Mond herkommt. Ja schon, hat er geantwortet, aber eigentlich reicht es ihm zu wissen, dass er immer da ist. Sie wusste damals nicht, ob das nun pragmatisch oder doch poetisch auszulegen war. Warum man mit jemand zusammen ist, für den man sich schämt, möchte sie von mir wissen, weil er ja nicht da ist, aber diese Frage kann ich ihr auch nicht beantworten. Sie zündet sich eine Zigarette an und blickt aus dem verdreckten Fenster der Bar hinaus in die scheinbar endlose Ferne des Asphalts, obwohl die doch bereits am Häuserblock der gegenüberliegenden Straßenseite endet. Sie scheint da draußen nicht zu finden, wonach sie sucht, denn irgendwann erinnert sie sich wieder an meine Existenz und wendet sich mir zu, auch wenn ich nicht er bin. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Männer, einer von ihnen bekommt bald einen Sohn. Ob man sein eigenes Kind auch wirklich automatisch lieben würde, obwohl man die Sprösslinge der anderen eigentlich meistens nicht ausstehen kann, möchte er wissen vom anderen, der bereits vor Jahren Nachwuchs gezeugt hat.

    Schlussakt

    Die Eingangstür öffnet sich ein weiteres Mal, der Exfreund des jungen Mädchens tritt ein und der Schlussakt des Abends beginnt. Irgendwie sind immer noch alle da und sehen nun von ihren Getränken hoch. Im Unglauben darüber, dass hier heute doch noch etwas passiert, erwachen auch die Briten aus ihrer Totenstarre. Der Exfreund steht in der Tür und wird von den Scheinwerfern der vorübergleitenden Autos in ein gleißendes, aber schnell wieder verlöschendes Licht getaucht. Mit oder ohne Beleuchtung sieht er nicht nur deutlich älter aus als das junge Mädchen, sie sind überhaupt ein ungleiches Paar, auch wenn sie ja gar nicht mehr zusammen sind. Er wirkt unsicher, als er an ihren Tisch tritt, so als wäre er es, der gerade erst dem Teenageralter entwachsen ist und nicht sie. Die beiden sehen sich an, keiner spricht ein Wort, und doch scheinen sie mehr zu kommunizieren als je zuvor. Nachdem alles gesagt ist streckt er seine Hand aus, immer noch vor ihr stehend, und nach einem winzigen Zögern ergreift sie diese. Erst jetzt setzt er sich. Es ist Mitternacht, und obwohl die zweite Happy Hour vorbei ist, bestellt er noch einen Drink, während ich meinen austrinke und die Engländer und alle anderen sich bereit machen, nachhause zu gehen.

  • Die Leiden des jungen Wieners

    Als Kind ist das Leben einfach: die Liebe der Eltern ist alles, was man braucht – und vielleicht noch die neueste Nintendo Konsole. Die Tage sind lang, ohne dass man darüber nachdenken würde, die Zukunft reicht nicht weiter als ein paar Stunden voraus. Eine Vergangenheit, über die man grübeln könnte, gibt es noch nicht. Man lebt in der Gegenwart, ohne zu ahnen, dass einem diese so selbstverständlich scheinende Fähigkeit bald für immer abhanden kommen wird. Denn auch wenn eine Kindheit ewig zu dauern scheint, wird sie doch spätestens durch den Keulenschlag der Pubertät beendet: während bisher kontrolliertes Wachstum angesagt war, entgleitet einem von einem Tag auf den anderen in Form von Akne und Körperbehaarung der eigene Körper. Geist und Herz ziehen schnell nach, letzteres wird einem zum ersten Mal gebrochen. Plötzlich geht es nur mehr um die Zukunft, Erwartungen werden gestellt an das spätere Leben. Mit falscher Bescheidenheit hält sich in diesem Stadium niemand auf: irgendwann einen Oskar zu gewinnen, Staranwalt in New York oder zumindest Oberarzt im AKH zu werden ist fix eingeplant. Wer schließlich das heimische Schulsystem überlebt, für den scheint alles möglich zu sein – im Sommer nach dem Ablegen der Matura ist man am Höhepunkt angekommen, hält sich für weise, unsterblich und bereit, die Welt zu erobern. Vielleicht ist man sogar in jemanden verliebt, aber auch wenn nicht, dann zumindest ins Leben selbst. Alle Träume sind noch gut sichtbar am Horizont aufgereiht, gleichzeitig aber besteht keinerlei Eile, diese in naher Zukunft verwirklichen zu müssen – man hat schließlich noch so wahnsinnig viel Zeit.

    Die Studienzeit ist geprägt vom Lern- oder Alkoholrausch – je nachdem, ob man etwas „Gscheites“ inskribiert hat, oder doch nur Publizistik studiert.

    Höhepunkt mit zwanzig

    Dann beginnt das Studium und zum ersten Mal werden Kratzer in der Fassade der heilen Welt sichtbar. Irgendwie ist das Erwachsenenleben nicht ganz so, wie man sich das vorgestellt hat. Im Hörsaal reden alle gescheit daher, scheinbar ist man der Einzige, der keine Ahnung hat, um was es hier eigentlich geht. Unbemerkt wird in dieser Phase bereits die Spreu vom Weizen aussortiert: diejenigen, die so tun als wüssten sie alles, bauen auf diesem Talent im Idealfall eine ganze Karriere auf. Den anderen dämmert langsam, dass stolzes und ahnungsloses Rumhängen in der letzten Reihe nicht mehr cool ist, denn anders als in der Schule achtet niemand darauf, ob man noch mitkommt – die Anonymität des Erwachsenendaseins hat begonnen. Die Studienzeit ist geprägt vom Lern- oder Alkoholrausch – je nachdem, ob man etwas „Gscheites“ inskribiert hat, oder doch nur Publizistik studiert. Plötzlich fangen die Semester an vorbei zu rasen, es stellt sich ein Gefühl der Auslöschung der Jahre ein, das man vorher nicht kannte, genauso wenig wie die Existenz des morgendlichen Katers nach ein paar Bier am Vorabend. Verzweifelt stemmt man sich gegen den Lauf der Zeit, indem man den Studienabschluss bis weit jenseits der Zwanziger hinauszögert, immer noch in einer WG lebt und feste Beziehungen meidet wie der Teufel das Weihwasser.

    Man realisiert die Grausamkeit einer vierzig Stunden Woche spätestens beim dritten Arbeitgeber, bei dem sich nur der Desktophintergrund des Bürocomputers ändert.

    Trau keinem über dreißig

    Doch egal, wie langsam man zu leben versucht und wie wenig man bisher erreicht hat, plötzlich ist man dreißig und hoppla, die jugendlichen Träume sind mittlerweile weitergezogen zur nächsten Generation. Man verschwendet keinen Gedanken mehr daran, ein Buch zu schreiben oder einen Film zu drehen. Stattdessen investiert man sein poetisches Talent in die Verfassung der Steuererklärung, bezahlt Rechnungen und sitzt in Büros, in denen die Stunden langsam, aber die Jahre schnell vergehen. Bei der ersten beruflichen Station denkt man sich noch, dass das bloß ein dummes Praktikum ist, dass es besser werden muss. Doch spätestens beim dritten Job, in dem sich nur der Desktophintergrund des Bürocomputer geändert hat, realisiert man die Grausamkeit einer vierzig Stunden Woche.

    Der Moment, in dem man zum ersten Mal

    einen Seniorenfahrschein löst, ist ein Schlag

    in die Magengrube, gegen den keines der

    am Nachtkastl liegenden Schmerzmittel wirkt.

    Mit fünfzig fängt das Leben an

    Spätestens mit vierzig gibt man den Traum auf, für immer zwanzig sein zu wollen. Überhaupt ähneln die Vierziger den Dreißigern, außer dass sie doppelt so schnell vorübergehen und man in jedem Club der Stadt endgültig der Älteste ist. Die biologische Uhr teilt einem mit Nachdruck mit, dass nun wirklich die letzte Chance fürs Kinderkriegen herangedämmert ist. Statt zum Backpacken nach Thailand wird im Sommer die Adria angesteuert. Zum Fünfziger bekommt man ein Tshirt mit dem Spruch „mit 50 fängt das Leben an“ geschenkt. Verzweifelt schreit es einem entgegen, doch das ändert nichts an diesem absurden Alter, wie um alles in der Welt konnte es so weit kommen? Man hat Schmerzen, nicht mehr nur nach dem Trinken, sondern einfach generell, irgendetwas tut immer weh. Rückblickend betrachtet hätte sich ein gesünderer Lebensstil und regelmäßige sportliche Betätigung bezahlt gemacht. Wer sich zu Kindern durchgerungen hat, kann durch deren Jugend seine eigene noch einmal durchleben, wer keine hat fragt sich, was eigentlich die ganzen ehemaligen Freunde so treiben. Zu den meisten hat man keinen Kontakt mehr, mit den einen ist man zerstritten, ohne sich an den Grund dafür erinnern zu können, die anderen leben am Land, wo sie ihren eigenen Nachwuchs oder Paradeiser im Garten aufziehen.

    Pensionsendspurt mit sechzig

    Schließlich kommt, was kommen muss, und man wird sechzig. Wer sich bisher noch nicht mit der eigenen Endlichkeit auseinander gesetzt hat, der tut dies nun zwangsläufig im Rahmen regelmäßiger Befundbesprechungen. Die Pension ist in Reichweite, man hechelt ihr begeistert entgegen, ohne zu realisieren, dass durch das Ende des Arbeits- das eigene Leben auch nicht länger wird. Der Moment, in dem man zum ersten Mal einen Seniorenfahrschein löst, ist ein Schlag in die Magengrube, gegen den keines der am Nachtkastl liegenden Schmerzmittel wirkt.

    Siebzig Jahr, blondes Haar

    Mit siebzig realisiert man, dass alles nicht so schlimm ist. Man erhält Geld vom Staat, muss nichts mehr leisten, keiner erwartet etwas von einem, außer an der Supermarktkassa nicht ausschließlich mit zwei-Cent-Münzen zu bezahlen. Alles ist ruhig, sowohl draußen, als auch in einem selbst. Die Kinder sind mittlerweile selbst erwachsen, alle Desktophintergründe abgeschaltet und man blickt zurück auf ein Leben, wie es sonst noch keines gab. Die eigene Endlichkeit nimmt man hin, vielleicht gibt es ja doch noch etwas anderes, oder man kommt wieder, als Wolke über Irland zum Beispiel. Astronaut ist man keiner geworden, doch wen hat das schon jemals gestört, außer einen selbst, und sobald man das realisiert hat, kümmert es einen genauso wenig wie der Wetterbericht von gestern.

  • Generation Schauma Mal

    Es war zwar nie geplant, aber irgendwann ist es einfach passiert: man ist erwachsen geworden. Ob nun mit achtzehn, zwanzig, dreißig oder der Geburt des ersten Kindes – der genaue Zeitpunkt ist schwierig zu definieren, wahrscheinlich war es ohnehin mehr ein fließender Übergang, ein über die Schwelle geschubst werden, als man kurz nicht hingesehen hat, und als man es dann realisiert hat, war die Tür zurück bereits für immer verschlossen. Die Zeit dreht sich schließlich nur vorwärts, und so einleuchtend das klingen mag, muss dieses unwiderrufliche Faktum dennoch erst selbst erfahren werden, um es zu glauben. Aber sobald man das bemerkt ist es bereits zu spät, die Jugend ist tatsächlich an die Jungen verschwendet. Doch ohne Verschwendung könnte man nicht jung sein, wer mit sechzehn schon einen Karriereplan hat, der hat ansonsten nicht viel erlebt.

    Freitagabend im Beisl, es ist tatsächlich schon kurz vor elf, und in einer Woche wird man Vater. Man sollte noch einmal ausgehen bis ins Morgengrauen, das Bierfass leertrinken, all die Lokale besuchen, die man doch so gern hat, oder schnell noch Südamerika durchqueren, in sieben Tagen.

    Zielstrebig Ziellos

    Bis vor kurzem bestand das Ziel im Leben darin, kein Ziel zu haben. Einfach vor sich hinzutreiben, die Abende in Bars wegzutrinken, die Tage an der Donau rumzuhängen, um dann kurz vor Ladenschluss noch ein paar Bier beim Billa zu holen und diese im nächsten Park zu konsumieren, mit den zahlreichen Freunden, die man zu haben schien. Arbeit war lediglich ein abgewandeltes Nebenprodukt des eigenen Hedonismus: man schenkte Spritzer aus hinter der Bar, an der man normalerweise selbst als Kunde saß, rauchte Zigaretten und verbrachte den nächsten Tag mit Kater im Bett, um dann frisch ausgeschlafen zu abendlicher Stunde wieder an selbige Bar zurückzukehren – der ewige Kreislauf des jungen Lebens. Selbstverständlich hatte man dennoch die Vision, einmal berühmt zu werden, wegen irgendeiner Kunstsache am besten, Regisseur, Schriftsteller oder etwas Ähnlichem. Dieses noble Ziel musste auch stets als Erklärung für die vielen durchgesoffenen Nächte herhalten, denn jeder große Künstler der Menschheitsgeschichte war schließlich Alkoholiker gewesen. Allerdings wirklich ein Buch zu schreiben oder sich für eine Filmschule zu bewerben, dafür erschien noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen, die Zeit war ohnehin lang, im Winter wie im Sommer, in der Jugend erscheint sie einem unendlich.

    Doch auch hier im vertrauten Wirtshaus führen die Anwesenden seltsame Unterhaltungen, verschicken Selfies von sich und sind auf Instagram. Als man erwähnt, dass man bald Vater wird, blitzt Entsetzen in den Augen der Langzeitjugendlichen auf, so als hätte man von einer schlimmen Krankheit erzählt.

    Durch Südamerika in einer Woche

    Plötzlich blickt man an einem Freitagabend im Beisl auf die Uhr: es ist tatsächlich schon kurz vor elf, und in einer Woche wird man Vater. Man sollte noch einmal ausgehen bis ins Morgengrauen, das Bierfass leertrinken, all die Lokale besuchen, die man doch so gern hat, oder schnell noch Südamerika durchqueren, in sieben Tagen. Doch irgendwie funktioniert es nicht mehr, alle um einen herum sind zumindest zehn Jahre jünger als man selbst, vielleicht bildet man sich das auch nur ein, jedenfalls schafft man den Anschluss nicht mehr. Die Abendbekanntschaften am Tisch wollen noch ins Flex, Fluc, oder sonst einen Club mit „F“, dort spiele „irgendein bekannter DJ“, von dem man noch nie gehört hat. Clubs sind ohnehin so eine Sache, die hat man nicht einmal mit zwanzig wirklich gemocht, rumstehen, laute Musik, seltsame Leute, ohne Drogen kann das niemandem wirklich Spaß machen. Doch auch hier im vertrauten Wirtshaus führen die unbekannten Anwesenden seltsame Unterhaltungen, verschicken Selfies von sich und sind auf Instagram. Als man erwähnt, dass man Vater wird, blitzt Entsetzen in den Augen der Langzeitjugendlichen auf, so als hätte man von einer schlimmen Krankheit erzählt. Verlegen wird schnell das Thema gewechselt, eine der Anwesenden, sie ist Anfang dreißig, erzählt davon, dass sie morgen in einem Concept Store im vierten Bezirk arbeiten wird, und sich deshalb nicht vollkommen wegschießen kann. Was ist eigentlich ein Concept Store? Und was ist mit all den vielen Freunden von früher passiert, mit denen man immer auf einer Wellenlänge war? Obwohl die Gespräche genau dieselben waren, hatte man sich früher zumindest eingebildet, dabei zu sein. An diesem Abend aber fühlt es sich an, als hätte man ein Ticket für das ausverkaufte Konzert seiner Lieblingsband bekommen, doch als man ankommt muss man feststellen, dass es sich nur um eine Sitzplatzkarte handelt, am Rand der Bühne, von dem aus man seitlich auf die Musiker schaut. Man ist weder Backstage bei den Stars, noch vor der Bühne und Teil des Publikums, anstatt mit der Sängerin zu flirten und den Schweiß der Nebenleute zu inhalieren, wippt man unschlüssig im Sitzen mit den Zehen. Wenn das Leben ein Roman wäre, dann würde es jetzt zum Höhepunkt der Handlung kommen, stattdessen fährt man mit der Ubahn um Mitternacht nachhause weil man vergessen hat, dass es eine Nightline gibt, und der letzte Zug des Lebens noch nicht abgefahren ist.

    Es fühlt sich an, als hätte man ein Ticket für das Konzert seiner Lieblingsband bekommen, doch als man ankommt muss man feststellen, dass es sich nur um eine Karte am Rand der Bühne handelt, von dem aus man seitlich auf die Musiker schaut. Man ist weder Backstage bei den Stars, noch vor der Bühne und Teil des Publikums, anstatt mit der Sängerin zu flirten und den Schweiß der Nebenleute zu inhalieren, wippt man unschlüssig mit den Zehen.

    Schauma Mal

    Es ist eine schwierige Generation, in der man sich befindet, und das Wissen darüber, dass man nicht allein ist mit der ewigen Unschlüssigkeit sollte zumindest ein Trost sein. „Ich möchte nie erwachsen werden“, hatte eine der Mitte-Dreißigjährigen zuvor stolz verkündet, sie hat einen Freund in Amsterdam, der nach Wien ziehen möchte, um bei ihr zu sein, doch sie möchte nicht mit ihm zusammen wohnen, das ist ihr zu verbindlich, weshalb er nun nach einem WG Zimmer suchen muss. In unserer Generation wird alles, was uns in irgendeiner Weise in der Realität festnagelt des Lebens verwiesen, „schauma Mal“ ist zur internationalen Lebensphilosophie geworden – die Wiener haben es wieder einmal als erste gewusst. Schon ein Teilzeitjob wird nur unter heftigen Widerständen akzeptiert, gibt es überhaupt noch Leute, die vierzig Stunden in der Woche arbeiten, oder sind mittlerweile alle das halbe Jahr in Südostasien? Ohne es mitzubekommen ist mittlerweile die Sonne aufgegangen. Kurz denkt man an all die jungen Morgen, die man in einem Park oder vor einer Bar erlebt hat, und gedacht hatte, dass so ein Tagesanbruch der magischste Moment der Welt ist. Während man früher verkatert einen schnellen Espresso beim nächsten Bäcker eingenommen hat, zusammen mit einem frisch aufgebackenem Croissant, schaltet man jetzt den Vollautomaten ein und macht sich eine Schale Müsli mit frischen Früchten, man braucht die Vitamnine, denn morgen wird man Vater sein.

  • Wien can be friendly…just for one day

    Im Lied „Heroes“ singt David Bowie von den Helden, die wir alle zumindest einen Tag lang sein könnten. Es ist nicht anzunehmen, dass der Popstar beim Schreiben seines Welthits an Wien gedacht hat, auch wenn die Überschrift dieses Textes darauf hindeutet. Bekanntlich galt Bowies Liebe weniger der beschaulichen österreichischen Hauptstadt, als vielmehr dem heroischen Berlin, wo man zu cool ist, um schlecht drauf zu sein. Hierzulande dagegen muss man weder ein Held, noch freundlich sein – Wien hat sich seine einzigartige Mischung aus arrogantem Größenwahn, vernichtendem Minderwertigkeitskomplex, und dem alle Gesellschaftsschichten durchdringenden Grant bewahrt. Doch wie hat das eigentlich alles angefangen? Wann haben die Wiener gesagt, so, wir sind jetzt die Hauptstadt des Suderns?

    „1. Wiener Tag der Freundlichkeit: Lächelt euch an, lasst die Leute aus der Ubahn aussteigen, wartet auf die zweite Kassa, anstatt nach ihr zu schreien“

    Von der Midlife Crisis direkt in die Pension

    In Wien sind meistens die Ausländer schuld, wenn es irgendwelche Probleme oder Missstände zu beklagen gibt. Zwar haben auch andere Einwandererstädte wie New York den Ruf, freundliche Bewohner nicht gerade am Laufband zu produzieren, doch als Wiener weiß man es besser: wer durch die harte Schule der Donaumetropole sozialisiert wurde, fühlt sich zwischen dem East- und Hudson River stehend so, als würde einem permanent der rote Teppich ausgerollt werden. Da hilft es auch nichts, wenn die New Yorker noch so vehement beschwören, dass ihre Stadt die unfreundlichste der Welt wäre. Die Amerikaner sind hervorragende Verkäufer, sie glauben fest an das, was sie sagen. Aber ihr Land ist viel zu jung und alles ist noch zu aufregend, sodass es keinen Grund gibt, deprimiert zu sein. Sogar die Obdachlosen dort stehen stolz an den Straßenecken und haben das Gefühl, als würden sie eine wichtige Rolle in einem Hollywoodfilm einnehmen. Amerika und New York sind gerade einmal im Teenageralter, Wien dagegen hat die Midlife Crisis schon lange hinter sich und lebt von den Pensionszahlungen vergangener, ruhmvollerer Generationen.

    „In Wien trifft quasi die Verzweiflung eines halben Kontinentes aufeinander“

    Auch geographisch sind wir nicht gerade vom Schicksal begünstigt: während nach New York vorwiegend Menschen aus sonnigen Ländern aus dem Süden einwanderten, ließen sich in Wien hauptsächlich Ungarn, Polen, Tschechen und andere Völker nieder, die selbst nicht gerade für ihre ausgelassene Grundstimmung und positive Lebenseinstellung bekannt sind. In Wien trifft quasi die Verzweiflung eines halben Kontinentes aufeinander – wen wundert es angesichts dieser Mélange de Tristesse, dass wir beim Billa nicht freundlich nach einer weiteren Kassa fragen, sondern ein genervtes „Kassa!“ gegen das nächststehende Regal bellen.

    Wien sehen und sterben

    Durch all dieses eingebildete Elend umgibt Wien aber auch eine Poesie, die in ihrer Zerrissenheit in kaum einer andere Stadt auf der Welt zu finden ist. Alleine das Wort „Wien“ zieht sich schon wie der Hauch eines lauen Sommertages durch den Mund, sogar an einem eisigen Wintermorgen wie dem heutigen an dem man feststellen muss, dass sogar der Frühling erst mit zehnjähriger Verspätung in Wien ankommt. Die vorherrschenden Berufswünsche hierzulande sind ebenfalls poetischer Natur: Dichter, Filmregisseur – oder zumindest irgendwas mit Medien, wenn alles andere scheitert. In jedem Kaffeehaus zwischen Simmering und Ottakring sitzt ein einsamer Literat, der sich im Falle einer Schreibblockade, mit einem Stück weißen Papier ringend, zumindest an einer bereits bedruckten Zeitung festhalten kann. Für die Erlangung eines Literaturnobelpreises sind der Grant und die ewige Unzufriedenheit der Stadt jedenfalls unumgänglich, denn wer liest schon gerne ein Buch über jemanden, der so richtig gut drauf ist? Dreckig gehen muss es dem Protagonisten, ein Schicksalsschlag soll den nächsten jagen, erst dann blüht das Herz des Lesers auf – und das gilt ausnahmsweise nicht nur für die Wiener.

    „Genauso, wie wir stolz auf unsere Griesgrämigkeit sind, feiern die Bewohner Glasgows ihre eigene Freundlichkeit“

    Whiskey und ein Lächeln

    Es gibt ja auch Städte, in denen es anders läuft. In Glasgow zum Beispiel, dieser vergessenen Stadt im Norden Schottlands. Dort gibt es kaum etwas, auf das die Bewohner wirklich stolz sein können, außer dem allgegenwärtigen Whiskey natürlich, aber den kennt ohnehin jeder. Und weil dieser eben sogar bei den hartgesottenen Schotten nicht zu jeder Tageszeit fließen kann, mussten die Glasgower kreativ werden in ihrer Selbstvermarktung: sie entschieden sich dazu, die freundlichste Stadt in Großbritannien zu werden. Im Gegensatz zu Wien werden große Visionen in den Highlands offenbar erfolgreich umgesetzt, denn kaum steht man als Tourist etwas verloren dreinblickend an einer Straßenkreuzung herum, kommt schon der erste Schotte heranspaziert und fragt, ob man sich verirrt hat. Verstehen tut man ihn kaum, da der lokale Dialekt genauso schön wie unverständlich ist, hier wird gesungen statt gegrantelt, aber allein die Freundlichkeit der Stimmlage bringt sogar die harte Seele des Wieners zum Leuchten. Es ist in der Tat so: genauso, wie wir stolz auf unsere Griesgrämigkeit sind, feiern die Bewohner Glasgows ihre eigene Freundlichkeit – neidlos muss anerkannt werden: die da oben haben das irgendwie besser hinbekommen. Obwohl das Wetter noch schlimmer ist, als in Wien.

    West Highland Way, Glasgow, United Kingdom

    Auch wenn Wien ohne den Grant eben nicht Wien wäre, wollen wir einen Tag lang versuchen freundlich zu sein. Die Wiener Alltagspoeten erklären deshalb den 23. März zum 1. Wiener Tag der Freundlichkeit. Lächelt euch an, lasst die Leute zuerst aus der Ubahn aussteigen, verwendet das Wort „bitte“ und wartet auf die zweite Kassa, anstatt nach ihr zu schreien. Just for one day. #wiencanbefriendly

  • Wo die Bim ans Meer fährt

    Es ist dieser Moment, wenn die Zeit im Flugzeug ewig nicht zu vergehen scheint, man im Landeanflug durch die Luft fällt, und die Maschine in einer endlosen Turbulenz wackelt, die nie vorüber zu gehen scheint. Bis man plötzlich die Wolkendecke durchbricht und unter einem die vier Millionen Lichter der Stadt Athen aufleuchten, jedes einzelne die Hoffnung eines ganzen Lebens ausstrahlend, während mit einem Mal alles ruhig dahingleitet. Dieser eine Moment, in dem man einfach weiß, dass alles gut wird.

    Flugzeuge und Himmelsstürmer

    Um 3 Uhr Früh tritt der Taxifahrer auf die Bremse seines klapprigen VWs, als wir an der über uns thronenden Akropolis vorbeifahren. „Heute hat jedes Volk so etwas – aber wir, wir waren die Ersten“, erzählt er mit stolz geschwellter Stimme. Ganz egal ob die Griechen in der Antike oder die Österreicher vor dem ersten Weltkrieg – irgendwann war jedes Land einmal eine bedeutende Großmacht, und darauf darf dann ruhigen Gewissens die nächsten Jahrhunderte gepocht werden. Das Wort „Griechenland“ löst aber auch ohne jeglichen Größenwahn eine unendliche Sehnsucht aus, die allen Anwesenden sofort das Fernweh in die Augen treibt: Nach sandigen Füßen und verschwenderischen Sonnenuntergängen, die aussehen, als ob Pablo Picasso seinen Malkasten umgeworfen hätte, ohne sich die Mühe zu machen, ihn jemals wieder aufzustellen. Nach Gyros am Strand, angesichts dessen Köstlichkeit die Wiener Kebapverkäufer die nächsten hundert Jahre nachsitzen müssen. Dazu ein Glas griechischen Weins, der allerdings entgegen der Behauptung von Udo Jürgens meist eher nach Brennspiritus schmeckt – kein Land ist perfekt. Zumindest herrscht in Griechenland ewiger Sommer. Wahrscheinlich stimmt das nicht, aber man kommt hier ja nur im Juli und August her, und wenn im Wald ein Baum umfällt und keiner da ist um es zu sehen, dann ist es schließlich fraglich, ob der Baum wirklich umgefallen ist. Doch an diesem Tag ist erst Mai, was bedeutet, dass es öfters mal regnet, wodurch das ganze Land in Kombination mit der brennheißen Sonne in eine einzige aufgehende Blüte metamorphosiert, die erst wieder abfällt, wenn die Heerscharen des Massentourismus eintreffen. Es hat schon knapp dreißig Grad, das Meer ist sogar für die kältefürchtenden Griechen warm genug zum schwimmen, und noch etwas weniger leergefischt. Für die Einheimischen ist der Mai der schönste Monat im Jahr, wenn das Land ihnen gehört, es noch einmal innehält, bis der Sturm beginnt.

    Vom Athener Zentrum fährt man mit der Bim direkt an die Küste, in einen der Vororte, die alle ein wenig an Klosterneuburg erinnern, wenn dieses statt an der Donau am Meer liegen würde.

    Von Athen nach Klosterneuburg

    Griechenland hat übrigens auch ein Festland und sogar eine Hauptstadt. Diese heißt Athen, zumindest im klobigen Deutschen, denn auf griechisch heißt sie Athina, das „th“ sprechen die Einheimischen aus wie das schönste „f“ der Welt. Trotz dieses „f“ fährt da kein Mensch hin, weil es ja die hunderttausend Inseln gibt, auf denen jeder sein möchte. Jetzt sollte das große „aber“ kommen: dass Athina in Wahrheit wunderschön ist und man es auf gar keinen Fall links liegen lassen darf – doch leider ist Athen tatsächlich die hässlichste Stadt im Land, nicht einmal der poetische Namen kann sie rausreißen. Man fragt sich, wie den Griechen, die sonst jedes verschlafene Kaff aussehen lassen können wie einen untergehenden Regebogen, so eine unprächtige Hauptstadt passieren konnte. Die vom Taxifahrer so bewunderte Akropolis sieht von der Nähe übrigens aus wie ein alter Steinhaufen, vor dem noch dazu ständig dasselbe Baugerüst wie am Stephansdom aufgebaut zu sein scheint. Aber (jetzt kommt das aber doch noch), Athen hat trotzdem einiges zu bieten: zum Beispiel eine Milliarde Bars und Kaffees und ein besetztes Viertel, das aussieht wie Berlin, als die Stadt noch etwas Besonderes war. Während man untertags eher unbeeindruckt durch die schwülen und verkehrsgeplagten Straßen schlendert, geht es nach Sonnenuntergang richtig los, man kann sich das in etwa so vorstellen, wie wenn das Museumsquartier fünf Millionen Einwohner hätte. Früh aufstehen zahlt sich also nicht aus, stattdessen gilt es lang aufzubleiben, und noch länger zu schlafen. Um die Stadt zu entdecken gibt es sogar eine Ubahn, die leider nicht ausgebaut werden kann, weil ständig irgendwelche antiken Ausgrabungen dazwischen kommen. Viel besser ist aber ohnehin die Bim, mit der man vom stickigen Zentrum direkt an die windige Küste fahren kann, in einen der Vororte, die alle ein wenig an Klosterneuburg erinnern, wenn dieses statt an der Donau am Meer liegen würde.

    Während einem die unbeschwerte Lebensfreude der Italiener und Spanier befremdlich vorkommt und man sich in deren Gesellschaft für einen steifen Fremdkörper hält, fühlt man sich zwischen den Griechen und ihrer aufgrund der Tragödie des Lebens permanent zur Schau gestellten Melancholie sofort zuhause.

    Griechisch-Wienerische Tragödien

    Wer von Athen Richtung Süden loszieht befindet sich endlich zumindest einmal auf einer Halbinsel, der Peloponnes. Ständig fährt man an einem jahrtausendealten Theater vorbei, man möchte in jedem Dorf anhalten und nie wieder losfahren. Man fotografiert bis der Akku leer ist oder man drauf kommt, dass dieses Land nicht auf ein iPhone passt, dann endlich kann man die Kamera weglegen und richtig hinschauen. Es gibt keinen Fleck, der hässlich ist, wenige Bausünden, stattdessen sacht in die Landschaft eingewebte und von in allen Farben blühenden Bouganville umgarnte Tavernen und Pensionen. Deren Betreiber sind angenehme Zeitgenossen: Während einem die unbeschwerte Lebensfreude der Italiener und Spanier befremdlich vorkommt und man sich in deren Ländern für einen steifen Fremdkörper hält, fühlt man sich zwischen den Griechen und ihrer aufgrund der Tragödie des Lebens permanent zur Schau gestellten Melancholie sofort zuhause. Auch die absolute Lieblingsbeschäftigung der Griechen, rumzusitzen, einen Kaffee zu trinken und dabei in die Luft zu starren, reißt jegliche kulturelle Barriere sofort nieder. Selbst in dem kleinsten Kaff gibt es zehn Cafés, so viel Koffein kann man gar nicht zu sich nehmen, dass die alle überleben könnten. Aber das Geld verdienen haben die Griechen ohnehin nicht erfunden, oft hat man das Gefühl, es ist ihnen unangenehm, überhaupt etwas zu nehmen, weil sie einen wegen der heiligen Gastfreundschaft am liebsten gleich auf alles einladen würden. Kein Wunder, dass das Land pleite ist, es ist zu schön, um es mit übertriebenen Ambitionen zu zerstören. Man kann einen Karriereplan haben, oder Oliven essen. Am Ende schmecken die Oliven einfach besser.

    Es riecht nach gegrilltem Fisch und den rußigen Abgasen verrosteter Katalysatoren. Hier am scheinbaren Ende Europas sind Athina, die EU und die Krise weit weg.

    New York ist eine Insel

    Mit einer Fähre geht es weiter auf eine Insel, die so klein ist, dass man sie zu Fuß an einem Tag durchqueren könnte. Niemand hat je von ihr gehört, obwohl auf ihr der schönste Strand der Welt liegt. Die Uhren werden bei der Ankunft um zwanzig Jahre nach hinten gedreht, ohne weltlichen Fortschritt geht man hier sorgsamer miteinander um, keiner ist dem anderen etwas neidig. Das denkt man zumindest in der naiven Romantik des Besuchers, bis der einheimische Wirt am Hafen, dem einzigen Zentrum der Insel, nach ein paar Bier redselig wird und von der Zeit erzählt, als die Hauptstädter die Insel als Feriendestination entdeckt haben. Plötzlich wurden kaum sichtbare Trennlinien zwischen den Lokalen in den Asphalt gestrichen, denn jeder Zentimeter Verkaufsfläche brachte bare Euros. Nach ein Uhr nachts hatte Ruhe zu herrschen, ansonsten gab es eine Anzeige vom Nachbarn, dessen eigene Bar weniger gut besucht war. Der plaudernde Wirte erzählt von seinem Bruder, einem erfolgreichen Anwalt aus New York, der nach Jahrzehnten in den USA mit seiner Familie zurückgezogen ist auf seine Insel, die er vor Jahrzehnten verlassen hatte um die große weite Welt zu erobern. Er kehrte zurück, um in der Heimat Bürgermeister zu werden und die Streitereien zu schlichten, doch nach acht Jahren gab er auf. Ist man hier plötzlich wieder zuhause gelandet, oder ist es am Ende doch überall dasselbe?

    Das hübscheste Mädchen am Campingplatz

    Am Campingplatz ein paar Kilometer außerhalb des Hafens ist all das ganz weit weg: Die wenigen Touristen genießen ihre Frappes, die von einer jungen, dunkelhaarigen Griechin sorgfältig zubereitet werden. Ein etwa dreißigjähriger deutscher Mann bestellt jeden Tag mindestens drei davon, obwohl er gar keinen Kaffee mag. Er überlegt, sein Leben in Deutschland aufzugeben um wegen ihr hierherzuziehen. Irgendwann traut er sich, ihr seine Umzugspläne in gebrochenem Englisch zu beichten, und fügt noch stotternd hinzu, dass sie die hübscheste Frau ist, die er je gesehen hat. Sie lächelt ihn an, etwas überfordert mit dem Kompliment schlägt sie die Augen nieder, wahrscheinlich haben schon viele Besucher ihr Herz auf der Insel verloren. Während der Mann kommende Woche zurück ins kalte Deutschland fährt, wird sie den ganzen Sommer ihre Frappes anrühren, um irgendwann vielleicht nach Athen ziehen und studieren zu können. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sie auch nächsten Sommer noch auf der Insel sein wird, man kann sie sich nicht so recht vorstellen in der großen Stadt, sie, das hübscheste Mädchen der Welt, zumindest auf diesem Campingplatz.

    Am Ende des Kontinents

    Der südlichste Punkt der Peloponnes ist gleichzeitig die südlichste Stelle Kontinentaleuropas. Stimmt zwar nicht ganz (Gibraltar ist noch weiter unten), aber die Griechen behaupten es trotzdem. Es riecht nach gegrilltem Fisch und den rußigen Abgasen verrosteter Katalysatoren. Hier am scheinbaren Ende des Kontinents sind Athina, die EU und die Krise weit weg. „Solange wir unser Olivenöl anbauen können und Fische im Meer sind, kann uns die Krise nichts anhaben“, sagt einer der Ortsansässigen. Es ist diese Gelassenheit vor dem Verlust, die uns die Griechen voraus haben. Nicht einmal der Tod scheint sie zu beeindrucken, solange sie im Jenseits weiter Kaffee trinken und aufs Meer schauen dürfen.

  • Der Tod muss ein Falco sein

    Zwei Wochen nach meinem siebzehnten Geburtstag hörte ich im Radio die Nachricht, dass der Wiener Künstler Falco bei einem Autounfall in der Dominikanischen Republik gestorben war. Damals hatte ich keine genaue Vorstellung, wo die Dominikanische Republik lag, oder wie groß Falco wirklich war. Zu meiner Verteidigung: letzteres wussten wir damals alle noch nicht.

    Seit drei Tagen ist Falco 20 Jahre tot – und es fühlt sich eigentlich viel länger an. Obwohl er ja irgendwie immer noch da ist: bei jedem U4 Besuch hofft man, um fünf in der Früh aus der Disko torkelnd, dass er gerade in diesem Moment beim Ausgang stehen wird, um sich noch schnell eine Zigarette anzuzünden. Dass er auf ein letztes Plauscherl mit dem legendären Türsteher stehengeblieben ist, bevor er nachhause geht. Natürlich ist er dann doch nicht mehr da, und der breitgebaute Mann am Eingang ist auch ein anderer als damals. Unregelmäßigkeiten in der Logik des menschlichen Denkens sind jedoch erlaubt, wenn es um das Leben von Österreichs größtem Pop Star aller Zeiten geht: Erst verlacht und vernadert, dann Superstar, dann One-Hit-Wonder, dann Weltstar, und schließlich unsterbliche Legende – letzteres allerdings zum Preis des eigenen Lebens.

    Was soll man denn noch singen?

    Ganz egal, was wir tun und was wir von ihm denken, er jedenfalls hat es hinter sich. Er muss sich keine Sorgen mehr machen über den nächsten Hit oder darüber, dass ihm nichts mehr einfallen könnte. Ein Toter kann schließlich nichts Neues liefern, das verlangen nicht einmal die gestrengen Wiener, und auch er selbst, der Strengste von allen, kann es jetzt nicht mehr von sich selbst erwarten. Die zu Lebzeiten produzierten Hits reichen ohnehin, um ihn bis in alle Ewigkeit auf Platz 1 der Charts des kollektiven Erinnerungsvermögens zu behalten. Auch wenn sich die Weltberühmtheit mittlerweile hauptsächlich auf Österreich beschränkt, wird ihm zumindest hierzulande lange niemand das Wasser reichen können. Der aktuelle Nachwuchs heißt Nino aus Wien, Voodoo Jürgens oder Wanda – die Letzteren haben sogar einen ähnlichen Start hinlegt: mit einem gefeierten ersten Album und einem dahinplätschernden zweiten gingen sie ganz kurz als lässig durch, auch wenn mittlerweile schon wieder die Augen verdreht werden, wenn der DJ aus Versehen „Bussi Baby“ auflegt. Schnell wird dann leiser gedreht, der Legendenstatus wird sich für die Lederjackenfraktion nicht mehr ausgehen. „Was soll man denn noch singen?“, fragt dagegen Nino aus Wien, der gelegentlich zumindest genauso verloren dreinschauen kann wie der Kommissar. Gesungen wurde tatsächlich schon so viel auf der Welt und in Österreich, und wenn auch nicht alles von Falco kam, dann doch zumindest das Meiste. Eine derartige Vergötterung wie die von Hans Hölzel ist beispiellos in einem Land, in dem man erst sterben muss, dass sie einen hochleben lassen.

    Mozart ist nur eine Schokoladekugel

    Durch den Tod wird der sonst so kritische Österreicher großzügig, das Verhältnis zum Jenseits ist hierzulande sowieso ein freundschaftliches. Neid und Missgunst, die Ureigenschaften der Wiener, sind auch nicht mehr notwendig, denn auf einen Verstorbenen kann man schlecht eifersüchtig sein. Mit Mozart, Freud, Haydn, Hundertwasser, Klimt oder Zweig ist Österreichs Geschichte voller Künstler von Weltformat, die es auch irgendwann zusammengebracht haben zu sterben. Dennoch existiert zu keinem von diesen eine ähnliche emotionale Bindung – Mozart musste gar erst von Falco besungen werden, um als cool durchzugehen, trotzdem ist er heute nicht viel mehr als das Verpackungsmaterial für eine Schokoladenkugel. Falco dagegen ist weniger ein Star, sondern mehr ein Familienmitglied von acht Millionen Österreichern.

    Der Wiener Schmäh gehört den Briten

    Eines ist sicher: Wir lieben Falco, zumindest das Bild von ihm, das wir uns in langer Verklärungsarbeit aufgebaut haben, und jedes Jahr, in dem sein Leben weiter weg rückt, scheint er um noch ein paar Zentimeter zu wachsen. Kaum besteht die Gefahr, dass er nur ein kleines bisschen verblassen könnte, gibt es irgendein Todes-, Lebens- oder sonstiges Jubiläum, wegen dem die Ö3 Playlists synchronisiert werden und wir Texte wie diesen schreiben. Diese unerschütterliche Liebe zu Falco rührt auch daher, dass er ein Bild von dem Wien verkörpert, das so schwer in Worte zu fassen ist, das aber genau das widerspiegelt, was diese Stadt so faszinierend macht. Was gibt es denn eigentlich so Tolles in Wien? Wofür seid ihr denn bekannt? Gibt’s bei euch noch was anderes außer Schnitzel – wer viel im Ausland unterwegs ist, der hat solche Fragen schon gehört. Wie gern würden wir dann loslegen und von Wien, nur Wien, du kennst mich up kennst mich down singen. Von jungen Römern, die durch die Stadt ziehen. Stattdessen stammeln wir etwas von haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen, referieren über jahrhundertealte Kaffeehauskultur, Schönbrunn und einem Opernhaus, das unverständlicherweise niemand zu kennen scheint, obwohl es doch weltberühmt ist. Wir langweilen uns selbst mit unserem leblosen Wikipedia Vortrag, und wen wundert’s, den Wiener Schmäh haben in Wahrheit doch schon vor hundert Jahren die Briten für sich reklamiert. Ohne Anleitung laufen wir in unserer Wien-Interpretation in ein Missverständnis, taumeln um vier in der Früh nach literweise Schnaps und Bier versoffen am Tresen herum und halten uns weichgezeichnet durch die verzeihende Wirkung des Alkohols für Jonny Depp – oder eben für Falco. Doch keiner hängt so schön an der Budel wie er, bei ihm kommt die Wiener Arroganz und Überheblichkeit endlich so rüber, wie sie schon immer gemeint war: lässig, mit einem Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Selbstverachtung – und und vor allem unendlich viel Charme. Falco bringt all das unter einen Hut, als ein zerrissener Künstler, der sich selbst nie genug war, und der diesen Missstand nur hinter einem Schutzpanzer der Überheblichkeit verstecken konnte. Falco ermöglicht uns das, was wir am liebsten tun: mit verklärtem Blick in einer Vergangenheit schwelgen, die immer besser sein wird, als die Gegenwart.