Kategorie: Blog

  • Wo die Bim ans Meer fährt

    Es ist dieser Moment, wenn die Zeit im Flugzeug ewig nicht zu vergehen scheint, man im Landeanflug durch die Luft fällt, und die Maschine in einer endlosen Turbulenz wackelt, die nie vorüber zu gehen scheint. Bis man plötzlich die Wolkendecke durchbricht und unter einem die vier Millionen Lichter der Stadt Athen aufleuchten, jedes einzelne die Hoffnung eines ganzen Lebens ausstrahlend, während mit einem Mal alles ruhig dahingleitet. Dieser eine Moment, in dem man einfach weiß, dass alles gut wird.

    Flugzeuge und Himmelsstürmer

    Um 3 Uhr Früh tritt der Taxifahrer auf die Bremse seines klapprigen VWs, als wir an der über uns thronenden Akropolis vorbeifahren. „Heute hat jedes Volk so etwas – aber wir, wir waren die Ersten“, erzählt er mit stolz geschwellter Stimme. Ganz egal ob die Griechen in der Antike oder die Österreicher vor dem ersten Weltkrieg – irgendwann war jedes Land einmal eine bedeutende Großmacht, und darauf darf dann ruhigen Gewissens die nächsten Jahrhunderte gepocht werden. Das Wort „Griechenland“ löst aber auch ohne jeglichen Größenwahn eine unendliche Sehnsucht aus, die allen Anwesenden sofort das Fernweh in die Augen treibt: Nach sandigen Füßen und verschwenderischen Sonnenuntergängen, die aussehen, als ob Pablo Picasso seinen Malkasten umgeworfen hätte, ohne sich die Mühe zu machen, ihn jemals wieder aufzustellen. Nach Gyros am Strand, angesichts dessen Köstlichkeit die Wiener Kebapverkäufer die nächsten hundert Jahre nachsitzen müssen. Dazu ein Glas griechischen Weins, der allerdings entgegen der Behauptung von Udo Jürgens meist eher nach Brennspiritus schmeckt – kein Land ist perfekt. Zumindest herrscht in Griechenland ewiger Sommer. Wahrscheinlich stimmt das nicht, aber man kommt hier ja nur im Juli und August her, und wenn im Wald ein Baum umfällt und keiner da ist um es zu sehen, dann ist es schließlich fraglich, ob der Baum wirklich umgefallen ist. Doch an diesem Tag ist erst Mai, was bedeutet, dass es öfters mal regnet, wodurch das ganze Land in Kombination mit der brennheißen Sonne in eine einzige aufgehende Blüte metamorphosiert, die erst wieder abfällt, wenn die Heerscharen des Massentourismus eintreffen. Es hat schon knapp dreißig Grad, das Meer ist sogar für die kältefürchtenden Griechen warm genug zum schwimmen, und noch etwas weniger leergefischt. Für die Einheimischen ist der Mai der schönste Monat im Jahr, wenn das Land ihnen gehört, es noch einmal innehält, bis der Sturm beginnt.

    Vom Athener Zentrum fährt man mit der Bim direkt an die Küste, in einen der Vororte, die alle ein wenig an Klosterneuburg erinnern, wenn dieses statt an der Donau am Meer liegen würde.

    Von Athen nach Klosterneuburg

    Griechenland hat übrigens auch ein Festland und sogar eine Hauptstadt. Diese heißt Athen, zumindest im klobigen Deutschen, denn auf griechisch heißt sie Athina, das „th“ sprechen die Einheimischen aus wie das schönste „f“ der Welt. Trotz dieses „f“ fährt da kein Mensch hin, weil es ja die hunderttausend Inseln gibt, auf denen jeder sein möchte. Jetzt sollte das große „aber“ kommen: dass Athina in Wahrheit wunderschön ist und man es auf gar keinen Fall links liegen lassen darf – doch leider ist Athen tatsächlich die hässlichste Stadt im Land, nicht einmal der poetische Namen kann sie rausreißen. Man fragt sich, wie den Griechen, die sonst jedes verschlafene Kaff aussehen lassen können wie einen untergehenden Regebogen, so eine unprächtige Hauptstadt passieren konnte. Die vom Taxifahrer so bewunderte Akropolis sieht von der Nähe übrigens aus wie ein alter Steinhaufen, vor dem noch dazu ständig dasselbe Baugerüst wie am Stephansdom aufgebaut zu sein scheint. Aber (jetzt kommt das aber doch noch), Athen hat trotzdem einiges zu bieten: zum Beispiel eine Milliarde Bars und Kaffees und ein besetztes Viertel, das aussieht wie Berlin, als die Stadt noch etwas Besonderes war. Während man untertags eher unbeeindruckt durch die schwülen und verkehrsgeplagten Straßen schlendert, geht es nach Sonnenuntergang richtig los, man kann sich das in etwa so vorstellen, wie wenn das Museumsquartier fünf Millionen Einwohner hätte. Früh aufstehen zahlt sich also nicht aus, stattdessen gilt es lang aufzubleiben, und noch länger zu schlafen. Um die Stadt zu entdecken gibt es sogar eine Ubahn, die leider nicht ausgebaut werden kann, weil ständig irgendwelche antiken Ausgrabungen dazwischen kommen. Viel besser ist aber ohnehin die Bim, mit der man vom stickigen Zentrum direkt an die windige Küste fahren kann, in einen der Vororte, die alle ein wenig an Klosterneuburg erinnern, wenn dieses statt an der Donau am Meer liegen würde.

    Während einem die unbeschwerte Lebensfreude der Italiener und Spanier befremdlich vorkommt und man sich in deren Gesellschaft für einen steifen Fremdkörper hält, fühlt man sich zwischen den Griechen und ihrer aufgrund der Tragödie des Lebens permanent zur Schau gestellten Melancholie sofort zuhause.

    Griechisch-Wienerische Tragödien

    Wer von Athen Richtung Süden loszieht befindet sich endlich zumindest einmal auf einer Halbinsel, der Peloponnes. Ständig fährt man an einem jahrtausendealten Theater vorbei, man möchte in jedem Dorf anhalten und nie wieder losfahren. Man fotografiert bis der Akku leer ist oder man drauf kommt, dass dieses Land nicht auf ein iPhone passt, dann endlich kann man die Kamera weglegen und richtig hinschauen. Es gibt keinen Fleck, der hässlich ist, wenige Bausünden, stattdessen sacht in die Landschaft eingewebte und von in allen Farben blühenden Bouganville umgarnte Tavernen und Pensionen. Deren Betreiber sind angenehme Zeitgenossen: Während einem die unbeschwerte Lebensfreude der Italiener und Spanier befremdlich vorkommt und man sich in deren Ländern für einen steifen Fremdkörper hält, fühlt man sich zwischen den Griechen und ihrer aufgrund der Tragödie des Lebens permanent zur Schau gestellten Melancholie sofort zuhause. Auch die absolute Lieblingsbeschäftigung der Griechen, rumzusitzen, einen Kaffee zu trinken und dabei in die Luft zu starren, reißt jegliche kulturelle Barriere sofort nieder. Selbst in dem kleinsten Kaff gibt es zehn Cafés, so viel Koffein kann man gar nicht zu sich nehmen, dass die alle überleben könnten. Aber das Geld verdienen haben die Griechen ohnehin nicht erfunden, oft hat man das Gefühl, es ist ihnen unangenehm, überhaupt etwas zu nehmen, weil sie einen wegen der heiligen Gastfreundschaft am liebsten gleich auf alles einladen würden. Kein Wunder, dass das Land pleite ist, es ist zu schön, um es mit übertriebenen Ambitionen zu zerstören. Man kann einen Karriereplan haben, oder Oliven essen. Am Ende schmecken die Oliven einfach besser.

    Es riecht nach gegrilltem Fisch und den rußigen Abgasen verrosteter Katalysatoren. Hier am scheinbaren Ende Europas sind Athina, die EU und die Krise weit weg.

    New York ist eine Insel

    Mit einer Fähre geht es weiter auf eine Insel, die so klein ist, dass man sie zu Fuß an einem Tag durchqueren könnte. Niemand hat je von ihr gehört, obwohl auf ihr der schönste Strand der Welt liegt. Die Uhren werden bei der Ankunft um zwanzig Jahre nach hinten gedreht, ohne weltlichen Fortschritt geht man hier sorgsamer miteinander um, keiner ist dem anderen etwas neidig. Das denkt man zumindest in der naiven Romantik des Besuchers, bis der einheimische Wirt am Hafen, dem einzigen Zentrum der Insel, nach ein paar Bier redselig wird und von der Zeit erzählt, als die Hauptstädter die Insel als Feriendestination entdeckt haben. Plötzlich wurden kaum sichtbare Trennlinien zwischen den Lokalen in den Asphalt gestrichen, denn jeder Zentimeter Verkaufsfläche brachte bare Euros. Nach ein Uhr nachts hatte Ruhe zu herrschen, ansonsten gab es eine Anzeige vom Nachbarn, dessen eigene Bar weniger gut besucht war. Der plaudernde Wirte erzählt von seinem Bruder, einem erfolgreichen Anwalt aus New York, der nach Jahrzehnten in den USA mit seiner Familie zurückgezogen ist auf seine Insel, die er vor Jahrzehnten verlassen hatte um die große weite Welt zu erobern. Er kehrte zurück, um in der Heimat Bürgermeister zu werden und die Streitereien zu schlichten, doch nach acht Jahren gab er auf. Ist man hier plötzlich wieder zuhause gelandet, oder ist es am Ende doch überall dasselbe?

    Das hübscheste Mädchen am Campingplatz

    Am Campingplatz ein paar Kilometer außerhalb des Hafens ist all das ganz weit weg: Die wenigen Touristen genießen ihre Frappes, die von einer jungen, dunkelhaarigen Griechin sorgfältig zubereitet werden. Ein etwa dreißigjähriger deutscher Mann bestellt jeden Tag mindestens drei davon, obwohl er gar keinen Kaffee mag. Er überlegt, sein Leben in Deutschland aufzugeben um wegen ihr hierherzuziehen. Irgendwann traut er sich, ihr seine Umzugspläne in gebrochenem Englisch zu beichten, und fügt noch stotternd hinzu, dass sie die hübscheste Frau ist, die er je gesehen hat. Sie lächelt ihn an, etwas überfordert mit dem Kompliment schlägt sie die Augen nieder, wahrscheinlich haben schon viele Besucher ihr Herz auf der Insel verloren. Während der Mann kommende Woche zurück ins kalte Deutschland fährt, wird sie den ganzen Sommer ihre Frappes anrühren, um irgendwann vielleicht nach Athen ziehen und studieren zu können. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sie auch nächsten Sommer noch auf der Insel sein wird, man kann sie sich nicht so recht vorstellen in der großen Stadt, sie, das hübscheste Mädchen der Welt, zumindest auf diesem Campingplatz.

    Am Ende des Kontinents

    Der südlichste Punkt der Peloponnes ist gleichzeitig die südlichste Stelle Kontinentaleuropas. Stimmt zwar nicht ganz (Gibraltar ist noch weiter unten), aber die Griechen behaupten es trotzdem. Es riecht nach gegrilltem Fisch und den rußigen Abgasen verrosteter Katalysatoren. Hier am scheinbaren Ende des Kontinents sind Athina, die EU und die Krise weit weg. „Solange wir unser Olivenöl anbauen können und Fische im Meer sind, kann uns die Krise nichts anhaben“, sagt einer der Ortsansässigen. Es ist diese Gelassenheit vor dem Verlust, die uns die Griechen voraus haben. Nicht einmal der Tod scheint sie zu beeindrucken, solange sie im Jenseits weiter Kaffee trinken und aufs Meer schauen dürfen.

  • Der Tod muss ein Falco sein

    Zwei Wochen nach meinem siebzehnten Geburtstag hörte ich im Radio die Nachricht, dass der Wiener Künstler Falco bei einem Autounfall in der Dominikanischen Republik gestorben war. Damals hatte ich keine genaue Vorstellung, wo die Dominikanische Republik lag, oder wie groß Falco wirklich war. Zu meiner Verteidigung: letzteres wussten wir damals alle noch nicht.

    Seit drei Tagen ist Falco 20 Jahre tot – und es fühlt sich eigentlich viel länger an. Obwohl er ja irgendwie immer noch da ist: bei jedem U4 Besuch hofft man, um fünf in der Früh aus der Disko torkelnd, dass er gerade in diesem Moment beim Ausgang stehen wird, um sich noch schnell eine Zigarette anzuzünden. Dass er auf ein letztes Plauscherl mit dem legendären Türsteher stehengeblieben ist, bevor er nachhause geht. Natürlich ist er dann doch nicht mehr da, und der breitgebaute Mann am Eingang ist auch ein anderer als damals. Unregelmäßigkeiten in der Logik des menschlichen Denkens sind jedoch erlaubt, wenn es um das Leben von Österreichs größtem Pop Star aller Zeiten geht: Erst verlacht und vernadert, dann Superstar, dann One-Hit-Wonder, dann Weltstar, und schließlich unsterbliche Legende – letzteres allerdings zum Preis des eigenen Lebens.

    Was soll man denn noch singen?

    Ganz egal, was wir tun und was wir von ihm denken, er jedenfalls hat es hinter sich. Er muss sich keine Sorgen mehr machen über den nächsten Hit oder darüber, dass ihm nichts mehr einfallen könnte. Ein Toter kann schließlich nichts Neues liefern, das verlangen nicht einmal die gestrengen Wiener, und auch er selbst, der Strengste von allen, kann es jetzt nicht mehr von sich selbst erwarten. Die zu Lebzeiten produzierten Hits reichen ohnehin, um ihn bis in alle Ewigkeit auf Platz 1 der Charts des kollektiven Erinnerungsvermögens zu behalten. Auch wenn sich die Weltberühmtheit mittlerweile hauptsächlich auf Österreich beschränkt, wird ihm zumindest hierzulande lange niemand das Wasser reichen können. Der aktuelle Nachwuchs heißt Nino aus Wien, Voodoo Jürgens oder Wanda – die Letzteren haben sogar einen ähnlichen Start hinlegt: mit einem gefeierten ersten Album und einem dahinplätschernden zweiten gingen sie ganz kurz als lässig durch, auch wenn mittlerweile schon wieder die Augen verdreht werden, wenn der DJ aus Versehen „Bussi Baby“ auflegt. Schnell wird dann leiser gedreht, der Legendenstatus wird sich für die Lederjackenfraktion nicht mehr ausgehen. „Was soll man denn noch singen?“, fragt dagegen Nino aus Wien, der gelegentlich zumindest genauso verloren dreinschauen kann wie der Kommissar. Gesungen wurde tatsächlich schon so viel auf der Welt und in Österreich, und wenn auch nicht alles von Falco kam, dann doch zumindest das Meiste. Eine derartige Vergötterung wie die von Hans Hölzel ist beispiellos in einem Land, in dem man erst sterben muss, dass sie einen hochleben lassen.

    Mozart ist nur eine Schokoladekugel

    Durch den Tod wird der sonst so kritische Österreicher großzügig, das Verhältnis zum Jenseits ist hierzulande sowieso ein freundschaftliches. Neid und Missgunst, die Ureigenschaften der Wiener, sind auch nicht mehr notwendig, denn auf einen Verstorbenen kann man schlecht eifersüchtig sein. Mit Mozart, Freud, Haydn, Hundertwasser, Klimt oder Zweig ist Österreichs Geschichte voller Künstler von Weltformat, die es auch irgendwann zusammengebracht haben zu sterben. Dennoch existiert zu keinem von diesen eine ähnliche emotionale Bindung – Mozart musste gar erst von Falco besungen werden, um als cool durchzugehen, trotzdem ist er heute nicht viel mehr als das Verpackungsmaterial für eine Schokoladenkugel. Falco dagegen ist weniger ein Star, sondern mehr ein Familienmitglied von acht Millionen Österreichern.

    Der Wiener Schmäh gehört den Briten

    Eines ist sicher: Wir lieben Falco, zumindest das Bild von ihm, das wir uns in langer Verklärungsarbeit aufgebaut haben, und jedes Jahr, in dem sein Leben weiter weg rückt, scheint er um noch ein paar Zentimeter zu wachsen. Kaum besteht die Gefahr, dass er nur ein kleines bisschen verblassen könnte, gibt es irgendein Todes-, Lebens- oder sonstiges Jubiläum, wegen dem die Ö3 Playlists synchronisiert werden und wir Texte wie diesen schreiben. Diese unerschütterliche Liebe zu Falco rührt auch daher, dass er ein Bild von dem Wien verkörpert, das so schwer in Worte zu fassen ist, das aber genau das widerspiegelt, was diese Stadt so faszinierend macht. Was gibt es denn eigentlich so Tolles in Wien? Wofür seid ihr denn bekannt? Gibt’s bei euch noch was anderes außer Schnitzel – wer viel im Ausland unterwegs ist, der hat solche Fragen schon gehört. Wie gern würden wir dann loslegen und von Wien, nur Wien, du kennst mich up kennst mich down singen. Von jungen Römern, die durch die Stadt ziehen. Stattdessen stammeln wir etwas von haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen, referieren über jahrhundertealte Kaffeehauskultur, Schönbrunn und einem Opernhaus, das unverständlicherweise niemand zu kennen scheint, obwohl es doch weltberühmt ist. Wir langweilen uns selbst mit unserem leblosen Wikipedia Vortrag, und wen wundert’s, den Wiener Schmäh haben in Wahrheit doch schon vor hundert Jahren die Briten für sich reklamiert. Ohne Anleitung laufen wir in unserer Wien-Interpretation in ein Missverständnis, taumeln um vier in der Früh nach literweise Schnaps und Bier versoffen am Tresen herum und halten uns weichgezeichnet durch die verzeihende Wirkung des Alkohols für Jonny Depp – oder eben für Falco. Doch keiner hängt so schön an der Budel wie er, bei ihm kommt die Wiener Arroganz und Überheblichkeit endlich so rüber, wie sie schon immer gemeint war: lässig, mit einem Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Selbstverachtung – und und vor allem unendlich viel Charme. Falco bringt all das unter einen Hut, als ein zerrissener Künstler, der sich selbst nie genug war, und der diesen Missstand nur hinter einem Schutzpanzer der Überheblichkeit verstecken konnte. Falco ermöglicht uns das, was wir am liebsten tun: mit verklärtem Blick in einer Vergangenheit schwelgen, die immer besser sein wird, als die Gegenwart.

  • Die unerträgliche Leichtigkeit der endlosen Möglichkeiten

    113.195 Flugzeuge sind im Jahr 2016 von Wien-Schwechat aus abgehoben – und ich hätte in jedem einzelnen davon sitzen können. New York, Stockholm, Tokyo oder Shanghai: Schwechat ist das Tor zur Welt, so unglaublich einem das auch erscheinen mag, während auf der A4 die trostlose Kulisse der Ölraffinerie an einem vorbeizieht. Fünf Wochen Urlaub hat man als arbeitender Mensch hierzulande pro Jahr, und die wollen erst einmal gefüllt werden: In Thailand am Strand sitzen und den Sonnenuntergang beobachten. Über den Grand Canyon schauend ein Selfie machen. Europäische Hauptstädte abklappern, bei denen man spätestens nach der zehnten nicht mehr weiß, worin sie sich eigentlich wirklich voneinander unterscheiden, außer dass die Kärntner Kasnudeln einmal Tortellini und dann wieder Pirogge heißen.

    Hat man sich endlich für ein Ziel entschieden, geht der Stress erst los: All-Inclusive Urlaub ist keine Option weil rufschädigend im sozialen Netzwerk. Stattdessen muss mit schwer bepacktem Rucksack zumindest das halbe Land durchtrampt werden. Jeden zweiten Tag wird die Stadt gewechselt, Hotel gewechselt, Supermarkt gewechselt, bis man irgendwann vergisst, wo man sich überhaupt befindet, denn ankommen tut man nie. Jeder Urlaub zwingt zu neuen Entscheidungen, die Weltoffenheit Schwechats und der Feldzug der Billigairlines drängen einen quasi dazu, alle Winkel der Erde zu besuchen, auch wenn man ohnehin schon drei Mal auf Weltreise war. Doch der Planet ist groß, und der Klimawandel lässt sich eh nicht mehr aufhalten.

    Gramatneusiedl statt New York

    Aber eigentlich will man das alles gar nicht. Eigentlich will man im Sommer lieber an der Alten Donau sitzen und die Beine im algengrünen Wasser baumeln lassen. Natürlich verpasst man dann die Mitternachtssonne in Schweden, aber zumindest ist man für die anstehende Geburt der Entenbabies unter der Reichsbrücke da, oder für die Neueröffnung der Copa Cagrana. Doch jetzt ist Winter und das Wetter furchtbar, trotzdem möchte man in Wahrheit lieber in der Steiermark einen Schneemann bauen, als in die Tropen flüchten. Die Enten sind ja schließlich auch geblieben, abhauen gilt also nicht, denn wer den Winter nicht aushält, hat den Sommer nicht verdient. Es ist erstaunlich: Ich war schon zehn Mal in New York, aber noch nie in Gramatneusiedl. Hallstatt ist mir nur vom Hörensagen ein Begriff, vielleicht schaue ich es mir bei meiner nächsten Chinareise an. In Amerika habe ich Fuß in siebenunddreißig Bundesstaaten gesetzt, während ich in Österreich noch nicht alle Bundesländer besucht habe. Beim Skytrain in Bangkok kenne ich die Nachbarschaft jeder einzelnen Station, das Wiener Ubahnnetz bietet mir dagegen immer noch weiße Flecken – aber so kreativ das Stadt-Wien-Marketing sich bei der Namensgebung auch anstellt: Wer will schon ernsthaft in die Seestadt?

    Am schönsten ist der Urlaub dann, wenn er wieder vorbei ist. Wenn man endlich wieder daheim den ganzen Tag Netflix schauen darf, ohne das Gefühl zu haben, draußen irgendeine Kirche, einen Tempel oder eine Vollmondparty zu verpassen. In Wien versteckt sich der Mond im Winter glücklicherweise zumeist hinter den Wolken, er möchte nicht gefeiert werden. Hierzulande hat man das Verpassen als Lebensmotto ausgerufen, das unbemerkte Vorbeiziehen des Lebens gehört zu dieser Stadt dazu, wie der Senf zum Frankfurter. Nach jeder mühsam zu Ende gebrachten Reise lässt man sich mit dem wohligen Wissen in die vertraute Ikea-Couch sinken, wieder ein Stück der Welt abgehakt zu haben, in der Gewissheit, dass zumindest bis zum nächsten Urlaub jetzt wieder eine Ruhe ist. Doch im Hinterkopf rattert es schon wieder. Die AUA erweitert ihren Flugplan jedes Jahr gnadenlos weiter, der Druck lässt also nie nach, Gott sei dank ist man zumindest nicht mehr Anfang zwanzig, mittlerweile besteht man auf einen Direktflug, weil das Umsteigen so beschwerlich ist. Ansonsten wäre die Welt noch größer, als sie es ohnehin schon ist. Hoffentlich dauert das mit dem Weltraumtourismus noch ein paar Jahre.

    Die Welt, ein offenes Scheunentor

    Achtung, weiterlesen auf eigene Gefahr: Man könnte ja nicht nur für ein paar Wochen auf Urlaub fahren, sondern gleich dauerhaft in ein anderes Land ziehen. Dort besucht man dann zwar wahrscheinlich trotz viel längerer Aufenthaltsdauer keine einzige Sehenswürdigkeit, erlebt aber möglicherweise Dinge, die nicht im Reiseführer des eigenen Lebens stehen. Endlich, endlich hat das Aufstehen von der Couch, die getroffene Entscheidung wohin es gehen soll, die Planung, die Ausführung, tatsächlich einen Sinn gehabt, endlich lebt man irgendwo anders, anstatt nur auf Besuch da zu sein. Doch wer jetzt glaubt, damit hätte sich die ständige Herumfahrerei endlich erledigt, wer denkt, das Thema wäre durch, indem man sich selbst bewiesen hat, dass man es kann, der irrt. Denn einmal angefangen weiß man nun, dass fast jeder der 194 Staaten dieser Welt offen dasteht wie ein Scheunentor.

    Es geht also wieder aufs Neue los, nur dass die Entscheidung eine längere Tragweite als die nächsten zwei Wochen hat: Soll man hier leben, oder doch dort? Sich auf die Pirsch begeben in Argentinien nach einer exotischen Südamerikanerin, oder doch lieber ein Gspusi wagen mit der vertrauten Wiener Jugendliebe, die gerade wieder Single geworden ist. Vollkommen fertig ringt man um die Standortwahl, die Kulisse für den Hollywoodfilm des eigenen Lebens, während die Uhr unbarmherzig weiter tickt. Eigentlich will man ja neben dem ganzen Reisen noch Karriere machen, doch es gibt so schrecklich viele Berufe. Und Kinder könnte man sich auch anschaffen, genauso wie eine Katze oder zumindest einen Hamster. Ohne es zu merken stolpert man selbst rein ins Rad des letzteren, vom Alltag überfordert oder gelangweilt, möchte am liebsten ins nächste Flugzeug steigen und ans andere Ende der Welt fliehen – jetzt also doch? Man sucht im Internet nach Hilfe, um sich endlich klar zu werden, was um alles in der Welt man jetzt eigentlich will, und muss wieder erst einmal auswählen, zwischen einer Unzahl von Texten wie diesem, die Rat geben wollen zur aussichtslosen Wunschlosigkeit. Wenigstens fühlt man sich zwischen all den tausenden Google-Treffern nicht mehr so alleine mit der unerträglichen Leichtigkeit der endlosen Möglichkeiten. Und der nächste Urlaub kommt auch bestimmt.