Autor: admin

  • Zwei Happy Hours und eine Mondfinsternis am Wiener Gürtel

    An einem frühsommerlichen Donnerstagabend rauscht der nie enden wollende Autoverkehr auf allen sechs Fahrspuren des Wiener Gürtels vorbei wie ein Wasserfall, dessen Tropfen immer weiter nach unten stürzen, bis sie schließlich an ihrem Ziel ankommen, nur um ein paar Stunden später in Dampfform wieder in die Gegenrichtung aufzusteigen. Im Gegensatz zur stärkst befahrenen Straße der Stadt ist das zwischen den Fahrbahnen gelegene namenlose Lokal in den Stadtbahnbögen spärlich gefüllt: Ein Mann sitzt einsam an der Bar und bestellt in diesem Moment sein zweites Glas Wein. Mit dem ersten stößt er ein vor sich stehendes verbogenes Kartonschild um, auf dem gleich zwei Happy Hours angekündigt werden: eine von 19-21 Uhr, die zweite von 22-24 Uhr. In dem rabattfreien Zeitfenster zwischen neun und zehn kann man entweder den nachhause gehen, abstinent bleiben, oder ein Bier bestellen – auf das gibt es nämlich sowieso nie Ermäßigung. Das Lokal ist trotz abgesagtem Raucherschutzgesetz nur leicht verqualmt, was nicht an der Qualität der Lüftung liegt oder gar an einem Einlenken unserer Regierung – es fehlt schlicht an der nötigen Menschenmenge, um den Sauerstoffgehalt in dem mittelgroßen Raum nachhaltig zu verschlechtern. Doch weder freie Atemwege noch vergünstigte Getränke sorgen automatisch für glückliche Menschen: Eine Gruppe Engländer sitzt an einem der Tische, und während die U6 plangemäß ein paar Meter über ihren Köpfe vorbeirauscht, scheitern die Briten an der Erlangung eines solchen Rauschzustandes, obwohl die Drinks billiger und stärker sind, als in der Heimat. Vorsichtig nippen sie an ihren Gin Tonics, etwas verwundert darüber, dass hier an einem Donnerstagabend, kurz vorm Wochenende, so wenig los ist.

    Wien ist eine launige Diva: meist zu vornehm, um sich wirklich gehen zu lassen – aber wenn sie sich doch zu einem Tänzchen auffordern lässt, dann brennt es lichterloh.

    „Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen?“ heißt es, auch wenn sie in Großbritannien wahrscheinlich noch nie von Reinhard Fendrich gehört haben. Auch dieser dahinplätschernde Abend wird kaum jemandem im Gedächtnis bleiben, in einem Gürtelbögenlokal, dessen Namen man sich nie merken kann, obwohl man immer wieder dort landet. Wien ist überhaupt eine launige Diva: meistens zu vornehm, um sich wirklich gehen zu lassen – aber wenn sie sich doch zu einem Tänzchen auffordern lässt, dann brennt es lichterloh. Heute aber ist den Anwesenden klar, dass das nichts mehr wird. Es gibt diesen kritischen Punkt im Laufe einer Nacht, an dem die Stimmung und der eigene Alkoholisierungsgrad einen gewissen Pegel erreicht haben müssen. Wenn diese Zielsetzung fehlschlägt, dann ist jeder weitere Schluck eine unnötige Verschwendung von Leberkapazitäten. Man könnte das Bier auch einfach stehenlassen und gleich nachhause gehen, will sich diese Kapitulation aber noch nicht eingestehen.

    An Bilder wie diese denken junge Touristen aus Berlin und Amsterdam, die zwei Tage nach Wien kommen und die Stadt für die langweiligste der Welt halten. Man möchte sie hinauszerren, in das verzauberte Wien aus Beyond Sunrise und dem Dritten Mann, weg vom Sound of Music.

    Fluchtachterl

    Die Bar würde in ihrem Minimalismus die perfekte Kulisse abgeben für ein Theaterstück, in dem die Handlung im Vordergrund steht und das Publikum nicht von irgendwelchen pompösen Requisiten abgelenkt werden soll, nur das diesem Abend leider auch die Geschichte abhanden gekommen ist. Das Lokal fühlt sich an wie ein Leo vom Leben, niemand kommt hierher, um etwas zu erleben, noch nicht einmal, um sich ernsthaft zu betrinken. Das Fluchtachterl erfüllt hier tatsächlich seine Bestimmung als letzter Drink des Abends. An Bilder wie diese denken junge Touristen aus Berlin und Amsterdam, die zwei Tage auf Besuch kommen und die Stadt für die langweiligste der Welt halten. Man möchte sie hinauszerren, in das verzauberte Wien aus Beyond Sunrise und dem Dritten Mann, weg vom ernüchternden Sound of Music. Doch dieses Wien muss man erst suchen, denn die Stadt präsentiert sich nicht jedem dahergelaufenen Lonely Planet Touristen, man muss sie sich erst verdienen.

    „Hast du dir schon einmal überlegt, wo der Mond herkommt?“, fragt er sie in diesem Moment. „Ja schon…aber eigentlich reicht es mir zu wissen, dass er immer da ist.“

    Wo der Mond herkommt

    Ein junges Mädchen sitzt neben mir an einem der Tische. Ihr Freund hat heute mit ihr Schluss gemacht, und für ein zwanzigjähriges Leben bedeutet das zumindest einen Abend lang das Ende. Sie erzählt mir von ihm, dass er doppelt so alt ist wie sie, aber nur halb so erwachsen. Zwölf Monate sind sie zusammen gewesen, nie haben sie etwas unternommen, außer sich bei ihm oder ihr zuhause zu treffen, dort Wein zu trinken und miteinander zu schlafen. Außerhalb der zwei kleinen Wohnungen im 5. und 17. Bezirk haben sie sich kaum je gesehen, es war ihm wohl unangenehm gewesen, dass sie so jung war, oder er so alt. Nur ein paar wenige Male haben sie sich in der Stadt verabredet, und dann immer in schäbigen Bars wie dieser hier, wo er sicher sein konnte, dass ihn niemand kannte. Ganz am Anfang waren sie sogar einmal genau hier in diesem Lokal gewesen, unter der Woche, es war noch weniger los gewesen als heute. Damals war zumindest sie schon sehr verliebt gewesen, wie in Trance hatte sie auf einem der Stehhocker Platz genommen und war versunken in den Augen ihres Gegenübers. Verzaubert vom Anblick des anderen konnte damals nicht einmal die triste Kulisse dieser Kaschemme ihrer jugendlichen Liebe etwas anhaben. Damals war es ihr so vorgekommen, als hätte er ihren Blick erwidert, aber heute erscheint ihr das albern. Sie hat ihn dann genau an diesem Tisch sitzend gefragt, ob er sich schon einmal überlegt habe, wo der Mond herkommt. Ja schon, hat er geantwortet, aber eigentlich reicht es ihm zu wissen, dass er immer da ist. Sie wusste damals nicht, ob das nun pragmatisch oder doch poetisch auszulegen war. Warum man mit jemand zusammen ist, für den man sich schämt, möchte sie von mir wissen, weil er ja nicht da ist, aber diese Frage kann ich ihr auch nicht beantworten. Sie zündet sich eine Zigarette an und blickt aus dem verdreckten Fenster der Bar hinaus in die scheinbar endlose Ferne des Asphalts, obwohl die doch bereits am Häuserblock der gegenüberliegenden Straßenseite endet. Sie scheint da draußen nicht zu finden, wonach sie sucht, denn irgendwann erinnert sie sich wieder an meine Existenz und wendet sich mir zu, auch wenn ich nicht er bin. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Männer, einer von ihnen bekommt bald einen Sohn. Ob man sein eigenes Kind auch wirklich automatisch lieben würde, obwohl man die Sprösslinge der anderen eigentlich meistens nicht ausstehen kann, möchte er wissen vom anderen, der bereits vor Jahren Nachwuchs gezeugt hat.

    Schlussakt

    Die Eingangstür öffnet sich ein weiteres Mal, der Exfreund des jungen Mädchens tritt ein und der Schlussakt des Abends beginnt. Irgendwie sind immer noch alle da und sehen nun von ihren Getränken hoch. Im Unglauben darüber, dass hier heute doch noch etwas passiert, erwachen auch die Briten aus ihrer Totenstarre. Der Exfreund steht in der Tür und wird von den Scheinwerfern der vorübergleitenden Autos in ein gleißendes, aber schnell wieder verlöschendes Licht getaucht. Mit oder ohne Beleuchtung sieht er nicht nur deutlich älter aus als das junge Mädchen, sie sind überhaupt ein ungleiches Paar, auch wenn sie ja gar nicht mehr zusammen sind. Er wirkt unsicher, als er an ihren Tisch tritt, so als wäre er es, der gerade erst dem Teenageralter entwachsen ist und nicht sie. Die beiden sehen sich an, keiner spricht ein Wort, und doch scheinen sie mehr zu kommunizieren als je zuvor. Nachdem alles gesagt ist streckt er seine Hand aus, immer noch vor ihr stehend, und nach einem winzigen Zögern ergreift sie diese. Erst jetzt setzt er sich. Es ist Mitternacht, und obwohl die zweite Happy Hour vorbei ist, bestellt er noch einen Drink, während ich meinen austrinke und die Engländer und alle anderen sich bereit machen, nachhause zu gehen.

  • Vom Fußball, (und) dem Sinn des Lebens

    Alle vier Jahre erhält der Alltag eine Pause. Einen ganzen Monat lang muss man nicht darüber nachdenken, worin der Sinn der eigenen Existenz besteht, denn es ist Fußball-WM. Plötzlich liegt jeglicher Fokus auf dem Abschneiden von elf Menschen aus Ländern wie Costa Rica, Südkorea oder Tunesien, deren Namen man zwar nicht buchstabieren oder gar aussprechen kann, mit denen man aber mitfiebert, als ginge es um das eigene Leben. Spiele, die man sich normalerweise nicht einmal als Katerprogramm an einem langsamen Sonntagnachmittag anschauen würde, reichen plötzlich als Entschuldigung dafür aus, den halben Tag vor dem Fernseher zu verbringen. Im Vorfeld musste man sich als politisch korrekter Mensch noch die Frage stellen, ob man sich diese WM in Russland überhaupt ansehen dürfe. Annektierung der Krim hin, Menschenrechtsverletzungen her: die Zeitungen zeigen Bilder von freundlichen russischen Ordnern, und Wladimir Putin ruft vor den Spielen seiner Mannschaft kurz beim Trainer an um ihm Glück zu wünschen – so schlecht kann dieses Land dann ja wohl doch nicht sein. Man klatscht also den Schlachtruf der Isländer mit, bestaunt zusammen mit dem Rest der Welt den Reinlichkeitswahn der Japaner, wundert sich über die Ammoniak schnüffelnden Russen und erfreut sich am Aufstand der Kleinen – auch wenn die Halbfinalisten aus Kroatien, England, Frankreich und Belgien ohnehin namhafte Fußballnationen sind, aber wer will sich schon die schöne Schlagzeile versauen lassen.

    Angesichts der euphorischen Bilder feiernder Damen und Herren in rotweiß karierter Kleidung aus dem sechzehnten Bezirk muss man sich fragen, was wohl passieren würde, wenn das rot-weiß-rot Österreichs einmal ins Endspiel käme? Würden dann die Pensionisten auf den Straßen Hietzings tanzen und ein hupender Autokonvoi durch die Grinzinger Allee ziehen?

    Von Ottakring nach Split

    Die Großen haben es ohnehin immer schwerer: es liegt in der Natur des Menschen, den Außenseitern die Daumen zu Drücken. Für uns Österreicher war David sowieso immer schon attraktiver als Goliath, unser kleine Republik cooler als das übermächtige Deutschland. Das reicht weit übers Sportliche hinaus: Im Ausland beim Deutsch sprechen ertappt stellen wir schnell klar, dass wir gar keine Deutschen sind und nicht vorhaben, mit unseren Handtüchern irgendwelche Strandliegen zu reservieren. Auch werden wir den Einheimischen nicht erklären, wie sie ihre Beach Bars führen, ihre Wohnung isolieren oder den chaotischen Verkehr neu regeln sollen. Uns fehlt es aufgrund mangelnder internationaler Bedeutung schlicht an Selbstvertrauen, dafür sind wir aber besser im laissez faire – stellt uns einen Kaffee hin und alles ist gut. Sogar den Turniersieg einer Jugotruppe würden wir mittlerweile stoisch hinnehmen, während wir anerkennend einen Sliwowitz kippen – aber liebe Kroaten, gebt um Himmels Willen Ruhe beim Feiern, die Ottakringer Straße ist schließlich kein Vorort von Split und in Wien werden die Gehsteige um elf aufgerollt. Angesichts der euphorischen Bilder feiernder Damen und Herren in rotweiß karierter Kleidung aus dem sechzehnten Bezirk muss man sich fragen, was wohl passieren würde, wenn das rot-weiß-rot Österreichs einmal ins Endspiel käme? Würden dann die Pensionisten auf den Straßen Hietzings tanzen und ein hupender Autokonvoi durch die Grinzinger Allee ziehen? Irgendwie scheint der Wiener den Balkan jedenfalls als Teil seiner Stadt akzeptiert zu haben und ist sogar in der Lage, sich für diesen zu freuen – außerdem war Kroatien eh irgendwann einmal Österreich. Es wird interessant sein zu sehen, ob wir die heute neu angekommenen Flüchtlinge in zwanzig Jahren genauso akzeptiert haben werden, wie die mittlerweile alteingesessenen Osteuropäer.

    Bei Deutschlandspielen muss in Österreich sowieso neunzig Minuten lang deren jeweiliger Gegner angefeuert werden – auch bei uns hat das frühe Ausscheiden des großen Nachbarn deshalb eine Lücke hinterlassen.

    Mitten draußen statt dabei

    In Österreich gelten zu große Erfolge als unschick, bloß nicht auffallen lautet das Motto, weshalb wir uns bei der Teilnahme an Turnieren nobel zurückhalten. Das hat den Vorteil, dass wir bei jeder WM die Wahlfreiheit haben und uns alle vier Jahre ein neues Lieblingsteam aussuchen dürfen, für das wir die Daumen drücken. Bei Deutschlandspielen muss sowieso neunzig Minuten lang deren jeweiliger Gegner angefeuert werden – auch bei uns hat das frühe Ausscheiden des großen Nachbarn deshalb eine Lücke hinterlassen. Beim unserem eigenen Team hingegen sorgt ein Abschied nach der Vorrunde oder gar schon in der Qualifikation kaum für Katzenjammer, man ist einfach zu sehr daran gewöhnt. Dagegen setzt die bloße Teilnahme an einem Turnier ein Level an Begeisterung frei, für das in anderen Ländern schon der WM Titel geholt werden müsste. Für uns ist jedes Qualifikationsmatch ein Schicksalsspiel auf Messers Schneide, in Deutschland werden zehn gewonnen Quali-Partien quasi vorausgesetzt, und vor dem Achtelfinale fiebert auf der Berliner Fanmeile außer den kolumbianischen Austauschstudenten kaum jemand mit – zumindest normalerweise.

    Spieler, die jede Woche in Barcelona und London vor fünfzigtausend Fans auftreten, können in Nischni Nowgorod einfach keine Höchstleistungen mehr bringen.

    Deutschland, alles ist vorbei

    Denn diesmal war alles anders: Deutschland, Brasilien, Argentinien, Spanien – sang- und klangloser als diese Teams kann man sich aus einem Turnier kaum verabschieden. Die besten der Welt waren müde, nach zehn Monaten voller Champions League, La Liga oder Cupspielen in der Provinz. Jede Woche findet das wichtigste Spiel der Saison statt, irgendwann kümmert es einen nicht mehr. Wer pro Stunde Millionen bei seinem Verein verdient, kann sich für das Trinkgeld, das an Prämiengeldern bei einer WM ausgeschüttet wird, kaum begeistern. Spieler, die jede Woche in Barcelona und London vor fünfzigtausend Fans auftreten, können in Nischni Nowgorod einfach keine Höchstleistungen mehr bringen. Während die größte Bühne des Weltfußballs oftmals neue Stars hervorbringt, wurden dieses Mal vor allem alte Leuchtfiguren demontiert: Jogi Löw wirkt wie der nette, aber mittlerweile etwas verwirrte Nachbar von Nebenan, Mesut Özil ist nur mehr ein Selfiepartner für türkische Diktatoren und Neymar hat sich in die Bilder der weltweiten Facebookfeeds gerollt. Dann war da noch die Sache mit dem Videobeweis, der zugegebenermaßen mehr Gerechtigkeit bringt, aber es gibt nun niemandem mehr, dem man die Schuld für die eigene Niederlage in die Schuhe schieben kann. Außerdem, ohne die tagelangen Diskussionen über die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter ist Fußball kein Fußball mehr – oder würde heute irgendwer noch über das Wembley Tor reden, wenn es damals schon den Videobeweis gegeben hätte?

    Ganz egal wer heute das Finale gewinnt, ab nächster Woche müssen wir uns wieder aufrauffen, den Pyjama ausziehen und überlegen, was wir mit dem Leben anfangen sollen. Zum Glück kommt in vier Jahren die nächste WM. Dann zwar in Katar und mitten im Winter, aber Public Viewing beim Glühweintrinken am Christkindlmarkt hat sicher auch seinen Reiz.

  • Urlaub wo andere leben: Zwettl im Waldviertel

    Das Erste, was einem auffällt, ist die Stille. Wer aus dem weihnachtlich-wahnsinnig gewordenen Wien ins besinnliche Waldviertel flieht, der kann sich selbst zum ersten Mal seit Wochen wieder beim Atmen zuhören. Normalerweise legt dieser Landstrich erst im Hochsommer seinen großen Auftritt hin: Wenn Wien unter einer Jahr für Jahr anwachsende Zahl von Hitzetagen brennt, dienen die kühlen Nächte der Region als offizieller Werbeslogan. Zwei Monate lang ist das Waldviertel Fluchtdestination für schweißgebadete Großstädter. Anfang September, wenn die Tage kürzer werden und die Nächte langsam wieder endlos, versinkt dieser Flecken Niederösterreichs in einen zehnnmonatigen Winterschlaf und verschwindet von der Landkarte. Denn wer im Winter, wenn das Wetter auch in Wien grauenhaft kalt, grau und nass ist, einen Aufenthalt in Zwettl plant, muss scheinbar eine gehörige Portion Wahnsinn mitbringen. Doch auch wenn die Hauptstadt der Region seit 1929, lange bevor das Wort Klimawandel existierte, mit -36,6 Grad Celsius den offiziellen Rekord für die niedrigste, jemals in Österreich gemessene Temperatur hält, herrscht hier eine ehrlichere Kälte als in Wien: Während sie einem in Wien, aufgepeitscht durch Wind und Feuchte, in alle Knochen fährt, hält sie hier oben im scheinbar letzten Winkel des Landes Respektabstand. Genau wie die Bewohner dieser ziellos weitläufigen Landschaft ist sie zwar anwesend, scheint einen jedoch kaum zu berühren. Wie die zumindest vereinzelten Wiener Kennzeichen vor der Oase des Hotel Schwarzalm beweisen, ist es also nicht nur die Kühle des Sommers, welche die Wiener hierherlockt, auch im Winter fliehen die Großstädter hierher – obwohl einige von ihnen den himmlischen Spabereich nur für einen Besuch beim üppigen Frühstücksbuffet verlassen. Wenn vielleicht auch kein Sehnsuchtsort, so ist das Waldviertel für die Wiener doch zumindest ein Rückzugsplatz, an dem man sich vor der Welt verstecken kann.

    Zwettl stellt mit seinen 10.000 Einwohnern das Zentrum der Region dar. Ein Spaziergang durch die verschneiten Straßen der Stadt zeigt schnell, dass sie genauso unprätentiös daherkommt, wie das Waldviertel als Ganzes. Während sich in Wien jede Balustrade unter unnötigem Prunk und Verzierungen beugt, wird hier einfach nur Ziegel auf Ziegel geschlichtet. Einzelne Schmuckstücke wie die Dreifaltigkeitsstatue oder der Hundertwasserbrunnen wirken fast fehl am Platz, sogar der Eingang zur Stadtkirche versteckt sich hinter einem Durchgang.

    „Adolf“, ruft eine ältere Dame ihrem Mann nach, der ihr auf der schneenassen Straße enteilt – nein, dies ist keine erfundene „Spiegel“ Reportage. Neugierig folgt man den beiden ins Innere der Konditorei Schön, wo die Zeitreise weitergeht, zumindest was die Einrichtung betrifft, die seit der Eröffnung nicht ausgewechselt worden sein kann. Ein älterer Herr debattiert mit der Kellnerin übers Wetter und darüber, dass sich dieses Jahr weiße Weihnachten ausgehen könnte, während es draußen die Stadt einschneit. Ein anderer Gast erklärt der Frau am Nachbartisch, dass er hier nur Illustrierte liest, weil die großen Zeitungen nicht auf die schmalen Tische passen.

    Ohne Adolf zieht man weiter ins Beisl nebenan, wo sich die Stimmung deutlich ausgelassener zeigt, die ganze Stadt scheint hier versammelt zu sein, um das erste Skirennen der Saison zu verfolgen. Es riecht so, als wären fünfzig offene Bierfässer im Raum aufgestellt, man fragt sich, ob man irrtümlich in die Zwettler Brauerei abgebogen ist. Um 11.48 heulen plötzlich wie aus dem Nichts die Stadtsirenen auf, was jedoch keiner der Gäste zu registrieren scheint. Wer in Niederösterreich aufgewachsen ist weiß, dass gerade kein Atomkraftwerk in die Luft geflogen ist, sondern es sich nur um den allwöchentlichen Funktionalitätstest der Lautsprecher handelt. Auch wenn im scheinbar hintersten Winkel des Landes jegliche Katastrophe fern zu sein scheint, ist die tschechische Grenze doch nicht weit.

    Viel größer dagegen ist die Distanz zur Heimat der Besitzerin des Smile Chinarestaurants am Stadtrand: Vor fünf Jahren folgte sie ihrem Mann und zog aus dem Süden des Reiches der Mitte ins Waldviertel, was ein ähnlicher Kulturschock sein muss, wie wenn man seinen Wohnsitz vom Mars auf die Erde verlegt. Dennoch scheint sie sich bereits bestens integriert zu haben: Sie schwärmt von der Ruhe, die man hier hat und der wunderschönen Natur, alleine diese Aussagen werden ihr hoffentlich die Rot-Weiß-Rot Card sichern. Nur die Winter seien schon hart, fügt sie hinzu. Ein Einheimischer habe ihr bei der Ankunft gesagt, dass es im Waldviertel nur zwei Temperaturen gäbe: kalt, oder sehr kalt.

    Zur Abendstunde steht ein Besuch der Brauerei an, dem inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt. Eine überraschend große Gruppe versammelt sich im Shop der Anlage, die Dame begrüßt die Anwesenden. Ob sie selbst jedes Mal alle Biere verkosten würde, fragt einer der jungen Männer, was mit lautem Gelächter quittiert wird, auch unsere Anführerin lächelt freundlich mit, obwohl sie die Witze bereits von den vorhergegangen 53 Rundgängen des Jahres kennt. Einer der anwesenden Wiener meint, er würde gerne jede Woche kommen, wenn es nicht so weit weg wäre, denn in Wien bekommt man das gute Zwettler Bier ja leider kaum wo. Obwohl hier in einer der wenigen verbleibenden Privatbrauereien Österreichs vielleicht tatsächlich eines der wohlschmeckendsten Biere des Landes hergestellt wird, machen die Waldviertler, wie aus allem anderen auch, kein großes Aufsehen darum. Ein herbes, aber nicht bitteres Bier, lautet das Motto der Brauerei, es sollte auf die ganze Stadt ausgeweitet werden. Nicht nur die Brauereiangestellte ist sichtlich stolz auf das Getränk made in Waldviertel, auch die überwiegend aus der Region stammenden Anwesenden nicken anerkennend. Auf Englisch wird kein Programm angeboten, erfährt man auf Nachfrage, Zwettl und sein Bier sind für die Einheimischen reserviert. Während in die ums Eck liegende Wachau schiffsweise amerikanische Touristen über die Donau angekarrt werden, müssen die Österreicher im Waldviertel unter sich bleiben.

    Zum Abendessen geht es ins Wirtshaus im Demutsgraben. Die alte Gaststube scheint hier seit Jahrhunderten unberührt, der Wirt ist ein Original, wie man es nur an einem Ort wie diesem finden kann – auch wenn der rüstige Herr nicht von hier, sondern aus Tirol stammt. Ein Gast aus Wien ist extra noch geblieben und nimmt den Nachhauseweg bei Eis und Dunkelheit in Kauf, nur um noch einmal die berühmten Erdapfelknödel zu verkosten. Der Wirt nimmt dieses Kompliment sowie die Bestellung kommentarlos zur Kenntniss, was sollte er auch antworten. Schließlich sind seine Hausmannskost genauso wie das Waldviertel selbst eine raue Schönheit, bei der sich niemand jemals die Mühe gemacht hat, sie glatt zu polieren. Wer sie dennoch erkennen kann, den lässt sie nicht mehr los, und den wird auch die Kälte des Winters nicht von einem Besuch abschrecken, und umgeben von Bäumen, Schnee und Stille wird sie ohnehin wieder zu einem schützenden Umhang vor dem bösen Rest der Welt.

  • Die unerträgliche Leichtigkeit der endlosen Möglichkeiten

    113.195 Flugzeuge sind im Jahr 2016 von Wien-Schwechat aus abgehoben – und ich hätte in jedem einzelnen davon sitzen können. New York, Stockholm, Tokyo oder Shanghai: Schwechat ist das Tor zur Welt, so unglaublich einem das auch erscheinen mag, während auf der A4 die trostlose Kulisse der Ölraffinerie an einem vorbeizieht. Fünf Wochen Urlaub hat man als arbeitender Mensch hierzulande pro Jahr, und die wollen erst einmal gefüllt werden: In Thailand am Strand sitzen und den Sonnenuntergang beobachten. Über den Grand Canyon schauend ein Selfie machen. Europäische Hauptstädte abklappern, bei denen man spätestens nach der zehnten nicht mehr weiß, worin sie sich eigentlich wirklich voneinander unterscheiden, außer dass die Kärntner Kasnudeln einmal Tortellini und dann wieder Pirogge heißen.

    Hat man sich endlich für ein Ziel entschieden, geht der Stress erst los: All-Inclusive Urlaub ist keine Option weil rufschädigend im sozialen Netzwerk. Stattdessen muss mit schwer bepacktem Rucksack zumindest das halbe Land durchtrampt werden. Jeden zweiten Tag wird die Stadt gewechselt, Hotel gewechselt, Supermarkt gewechselt, bis man irgendwann vergisst, wo man sich überhaupt befindet, denn ankommen tut man nie. Jeder Urlaub zwingt zu neuen Entscheidungen, die Weltoffenheit Schwechats und der Feldzug der Billigairlines drängen einen quasi dazu, alle Winkel der Erde zu besuchen, auch wenn man ohnehin schon drei Mal auf Weltreise war. Doch der Planet ist groß, und der Klimawandel lässt sich eh nicht mehr aufhalten.

    Gramatneusiedl statt New York

    Aber eigentlich will man das alles gar nicht. Eigentlich will man im Sommer lieber an der Alten Donau sitzen und die Beine im algengrünen Wasser baumeln lassen. Natürlich verpasst man dann die Mitternachtssonne in Schweden, aber zumindest ist man für die anstehende Geburt der Entenbabies unter der Reichsbrücke da, oder für die Neueröffnung der Copa Cagrana. Doch jetzt ist Winter und das Wetter furchtbar, trotzdem möchte man in Wahrheit lieber in der Steiermark einen Schneemann bauen, als in die Tropen flüchten. Die Enten sind ja schließlich auch geblieben, abhauen gilt also nicht, denn wer den Winter nicht aushält, hat den Sommer nicht verdient. Es ist erstaunlich: Ich war schon zehn Mal in New York, aber noch nie in Gramatneusiedl. Hallstatt ist mir nur vom Hörensagen ein Begriff, vielleicht schaue ich es mir bei meiner nächsten Chinareise an. In Amerika habe ich Fuß in siebenunddreißig Bundesstaaten gesetzt, während ich in Österreich noch nicht alle Bundesländer besucht habe. Beim Skytrain in Bangkok kenne ich die Nachbarschaft jeder einzelnen Station, das Wiener Ubahnnetz bietet mir dagegen immer noch weiße Flecken – aber so kreativ das Stadt-Wien-Marketing sich bei der Namensgebung auch anstellt: Wer will schon ernsthaft in die Seestadt?

    Am schönsten ist der Urlaub dann, wenn er wieder vorbei ist. Wenn man endlich wieder daheim den ganzen Tag Netflix schauen darf, ohne das Gefühl zu haben, draußen irgendeine Kirche, einen Tempel oder eine Vollmondparty zu verpassen. In Wien versteckt sich der Mond im Winter glücklicherweise zumeist hinter den Wolken, er möchte nicht gefeiert werden. Hierzulande hat man das Verpassen als Lebensmotto ausgerufen, das unbemerkte Vorbeiziehen des Lebens gehört zu dieser Stadt dazu, wie der Senf zum Frankfurter. Nach jeder mühsam zu Ende gebrachten Reise lässt man sich mit dem wohligen Wissen in die vertraute Ikea-Couch sinken, wieder ein Stück der Welt abgehakt zu haben, in der Gewissheit, dass zumindest bis zum nächsten Urlaub jetzt wieder eine Ruhe ist. Doch im Hinterkopf rattert es schon wieder. Die AUA erweitert ihren Flugplan jedes Jahr gnadenlos weiter, der Druck lässt also nie nach, Gott sei dank ist man zumindest nicht mehr Anfang zwanzig, mittlerweile besteht man auf einen Direktflug, weil das Umsteigen so beschwerlich ist. Ansonsten wäre die Welt noch größer, als sie es ohnehin schon ist. Hoffentlich dauert das mit dem Weltraumtourismus noch ein paar Jahre.

    Die Welt, ein offenes Scheunentor

    Achtung, weiterlesen auf eigene Gefahr: Man könnte ja nicht nur für ein paar Wochen auf Urlaub fahren, sondern gleich dauerhaft in ein anderes Land ziehen. Dort besucht man dann zwar wahrscheinlich trotz viel längerer Aufenthaltsdauer keine einzige Sehenswürdigkeit, erlebt aber möglicherweise Dinge, die nicht im Reiseführer des eigenen Lebens stehen. Endlich, endlich hat das Aufstehen von der Couch, die getroffene Entscheidung wohin es gehen soll, die Planung, die Ausführung, tatsächlich einen Sinn gehabt, endlich lebt man irgendwo anders, anstatt nur auf Besuch da zu sein. Doch wer jetzt glaubt, damit hätte sich die ständige Herumfahrerei endlich erledigt, wer denkt, das Thema wäre durch, indem man sich selbst bewiesen hat, dass man es kann, der irrt. Denn einmal angefangen weiß man nun, dass fast jeder der 194 Staaten dieser Welt offen dasteht wie ein Scheunentor.

    Es geht also wieder aufs Neue los, nur dass die Entscheidung eine längere Tragweite als die nächsten zwei Wochen hat: Soll man hier leben, oder doch dort? Sich auf die Pirsch begeben in Argentinien nach einer exotischen Südamerikanerin, oder doch lieber ein Gspusi wagen mit der vertrauten Wiener Jugendliebe, die gerade wieder Single geworden ist. Vollkommen fertig ringt man um die Standortwahl, die Kulisse für den Hollywoodfilm des eigenen Lebens, während die Uhr unbarmherzig weiter tickt. Eigentlich will man ja neben dem ganzen Reisen noch Karriere machen, doch es gibt so schrecklich viele Berufe. Und Kinder könnte man sich auch anschaffen, genauso wie eine Katze oder zumindest einen Hamster. Ohne es zu merken stolpert man selbst rein ins Rad des letzteren, vom Alltag überfordert oder gelangweilt, möchte am liebsten ins nächste Flugzeug steigen und ans andere Ende der Welt fliehen – jetzt also doch? Man sucht im Internet nach Hilfe, um sich endlich klar zu werden, was um alles in der Welt man jetzt eigentlich will, und muss wieder erst einmal auswählen, zwischen einer Unzahl von Texten wie diesem, die Rat geben wollen zur aussichtslosen Wunschlosigkeit. Wenigstens fühlt man sich zwischen all den tausenden Google-Treffern nicht mehr so alleine mit der unerträglichen Leichtigkeit der endlosen Möglichkeiten. Und der nächste Urlaub kommt auch bestimmt.

  • Wien darf Istanbul bleiben

    Wien darf Istanbul bleiben

    Eine Kopftuch tragende Frau inhaliert den farblosen Rauch, der durch den Gummischlauch einer Wasserpfeife in ihren Mund schießt. Anschließend bläst sie ihn aus, hinweg über die Neue Donau, wo das fragile Gemisch aus Teer, Tabak und Apfelaroma über dem leuchtend blauen Wasser eine Sekunde lang eine geschlossene Einheit bildet. Doch kurz darauf wird die kleine Wolke bereits von einem Windstoß aufgefangen und zurück ans Ufer geweht. Vom übermächtigen Sauerstoff bis ins nahezu Unkenntliche verdünnt, treffen die Überbleibsel auf die Gesichter der unzähligen anderen Badegäste, die an diesem heißen Wiener Sommertag Abkühlung suchen. Alles, was sie von der winzigen Dosis des Lungengiftes wahrnehmen, ist der angedeutete Hauch einer aufgeschnittenen Apfelspalte.

    Während ein Sommer in seiner türkischen Heimat endlos ist, sind Tage wie dieser in Wien kostbare Schätze, die oftmals zerrinnen, bevor man sie richtig greifen kann

    Die Frau mit dem Kopftuch nimmt einen weiteren Zug, bevor sie den Schlauch an ihren Mann weiterreicht. Dieser wirft einen sorgfältigen Blick auf die langsam verglühende Kohle des aluminiumbedeckten Kopfes der Wasserpfeife. Zufrieden mit seiner Arbeit nimmt er einen tiefen Zug und schließt genießerisch die Augen, so als wollte er jedes kleinste bißchen dieses kostbaren Tages einsaugen. Während ein Sommer in seiner Heimat endlos ist, sind Stunden wie diese in Wien rare Schätze, die oftmals zerrinnen, bevor man sie richtig greifen kann.

    Mit immer noch geschlossenen Augen greift der Familienvater zielsicher auf eines der Produkt aus seiner alten Heimat, die in einem weiten Halbkreis auf der Wiese verteilt liegen. Sogar die Mineralwasserflaschen haben eine türkische Aufschrift, sei es als stiller Trotz gegen das vielgerühmte Wiener Leitungswasser, oder einfach nur als Überbleibsel der eigenen Herkunft, die man nicht aufgeben möchte.

    Ein Chor aus orientalischen Sprachen und Balkandialekten, gemischt mit dem wienerischen Crescendo eines aus der nahen Brigittenau angereisten Hausmeisters, liegt als permanenter Geräuschpegel über dem Areal.

    Neben des zwar provisorischen, aber äußerst aufwendig errichteten türkischen Dorfes, liegen auf deutlich simpleren Unterlagen oder einfach direkt im Gras Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern. Ein Chor aus orientalischen Sprachen und Balkandialekten, gemischt mit dem wienerischen Crescendo eines aus der nahen Brigittenau angereisten Hausmeisters, liegt als permanenter Geräuschpegel über dem Areal. Hier, an der U6 Station Neue Donau, darf Wien das sein, was es gerne öfter wäre: eine vor Lebendigkeit pulsierende südeuropäische Metropole, in der jeder von überall herkommt, und wo alle willkommen sind.

    Während die Wiener Sommerstunden verrinnen, steigt die Temperatur weit über die dreißig Grad Marke. Von der Hitze unbeeindruckt schlägt eine Gruppe asiatischer Frauen neben den Türken ein neues Lager auf. Ihr Reich besteht vor allem aus aufwendig zubereiteten Speisen, die in Tupperware-Behältern aller Farben, Größen und Formen mitgebracht wurden. Irgendwann stößt ein Mann zu der Gruppe, der die Damen zwar zu kennen scheint und auch ihre Sprache spricht, der aber dennoch nicht mit ihnen auf dem Handtuch sitzen darf. Hungrig schielt er auf die dargebotenen Köstlichkeiten, bis ihm endlich eine der Frauen einen köstlichen Behälter gebratener Nudeln reicht.

    Man erfreut sich an der Gemeinschaft, anstatt sich über die anderen zu ärgern. Hier passiert etwas, das in Wien sonst kaum erwünscht ist: Fremde Menschen kommen ungezwungen miteinander ins Gespräch.

    Im Bereich des einzigen Baumes direkt am Ufer im Umkreis von zweihundert Metern ist mittlerweile kein Fleck Wiese mehr frei. Man liegt dicht auf dicht, was außer dem Corona-Babyelefanten niemand zu stören scheint. Man erfreut sich an der Gemeinschaft, anstatt sich über die anderen zu ärgern. Hier passiert etwas, das in Wien sonst kaum erwünscht ist: Fremde Menschen kommen ungezwungen miteinander ins Gespräch, und sogar Ur-Österreicher legen plötzlich jede Menschenscheu ab: Eine ältere Dame mit leuchtend weißer Haut unterhält sich mit zwei jungen verschleierten Mädchen. Neugierig fragt sie, warum die Damen erst ihr Gesicht verbergen, um fremde Männer nicht in Versuchung zu führen, um sich dann dicke Schminke um die Augen aufzutragen, die sie erst recht noch reizvoller erscheinen lässt. Ein Mann aus dem Irak gesellt sich zu der Gruppe, und auch wenn kaum jemand Deutsch spricht, funktioniert die interkulturelle Kommunikation bestens.

    Manchmal scheint es, als wären die Deutschen extra nach Wien gezogen, um die Wiener lässiger aussehen zu lassen.

    Doch auch reines Hochdeutsch ist zu hören, von zwei Studentinnen aus Hannover. Die eine schwärmt von ihrem letzten Backpacker-Trip nach Kambodscha, der sie auf eine geheimnisvolle Insel gebracht hatte. Nie wieder, erzählt sie der staunenden Freundin, habe sie von dort weggewollt, weil dort die wildesten Partys der Welt gefeiert werden. Nach zwei Wochen jedoch hatte sie genug gehabt, und wollte den mit einem Mal schrecklich gewordenen Ort so schnell wie möglich verlassen. Eine Affäre mit einem Schwarzen aus Amerika war schief gegangen, denn sie erwarte von einem Mann, dass dieser sie rund um die Uhr betreue, und der Amerikaner hatte diesen Ansprüchen nicht genügt. Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann, der das Gespräch mithört. Er lehnt sich zu seiner Frau und meint, dass die Deutschen nur deshalb nach Wien gezogen sind, um die Wiener lässiger aussehen zu lassen.

    Wenn in diesem Wahlkampf wieder davon gesprochen wird, dass Wien nicht Istanbul werden darf, sollten wir bedenken, wie langweilig Wien ohne die Ausländer wäre, und dass es magische Flecken wie diesen nicht gäben würde.

    Immer weitere Menschen strömen von der Ubahn ans kühlende Ufer der Donau. Auf den Schultern trägt ein junger Mann eine Palette Dosenbier, das anschließend warm getrunken wird. Man ist hier nicht zimperlich, der siebente Bezirk mit seinen Moscow Mules ist Welten entfernt. Die einzige gastronomische Einrichtung ist ein Eisstand, der Twinni, Cornetto und andere Besteller der letzten Jahrzehnte verkauft. Wenn in diesem Wahlkampf wieder davon gesprochen wird, dass Wien nicht Istanbul werden darf, sollten wir bedenken, wie langweilig die Stadt ohne ihre Ausländer wäre, und dass es magische Flecken wie diesen nicht geben würde. Wien darf immer Istanbul, Belgrad und Kabul bleiben und muss sein multikulturelles, pulsierendes Herz diesseits und jenseits der Neuen Donau bewahren.

  • Der Tod kommt auch nachhause

    Der Tod kommt auch nachhause

    An einem frühsommerlichen Donnerstagnachmittag im April scheint der Wiener Auer-Welsbach-Park in den Sommerferien zu liegen. Auf der großen Wiese wirft eine Gruppe Studenten einen Frisbee von einem zum anderen. Mütter schieben ihre Kinderwägen nebeneinander her, während sie sich über Bewältigungsstrategien für den beschäftigungslosen Nachwuchs austauschen. Ein Polizeiauto fährt im Schritttempo über den Kiesweg, der den Park von Osten nach Westen durchschneidet. Die Blicke aus dem Inneren des Fahrzeuges schweifen über die gut gefüllte Anlage, doch die Beamten schreiten nicht ein. Wer möchte schon entscheiden, wo das Verbot anfängt, und die Freiheit aufhört?

    Doch so kann es nicht weitergehen, führt er aus, denn wenn alle nur mehr das kaufen, was sie wirklich brauchen, kann unsere Wirtschaft nicht weiter bestehen.

    Ich setze mich auf eine Bank, penibel darauf bedacht, den Sicherheitsabstand zu einem älteren Herren einzuhalten, der zwei Bänke weiter mit nacktem Oberkörper die Wärme genießt. Er verschließt die Augen, vor der grellen Sonne, aber auch vor der tödlichen Gefahr, der er sich durch seine bloße Anwesenheit im öffentlichen Raum aussetzt. Weil man sich seit Corona einfach so auch mit Fremden unterhält, kommen wir ins Gespräch. Wir sprechen darüber, dass während Krankenpfleger in den Spitälern um menschliche Leben kämpfen, Supermarktmitarbeiter leergekaufte Regale nachschlichten oder Apotheker Extraschichten schieben, wir Nicht-System-Erhalter hier im Park die Stunden verstreichen lassen. Er erzählt mir von seinem Enkel, der jetzt mehr Geld als vor der Krise hat, weil es im Supermarkt keine Fernseher, Videospiele oder neue Boxen für sein Auto gibt. Doch so kann es nicht weitergehen, führt er aus, denn wenn alle nur mehr das kaufen, was sie wirklich brauchen, kann unsere Wirtschaft nicht weiter bestehen.

    Das Geld müsse wohl irgendwo einfach gedruckt werden, damit wir weiterhin hier im Park sitzen können in der Gewissheit, dass das alles nicht das Ende bedeutet, sondern nur eine vielleicht einmalige Unterbrechung in unserem Leben.

    Ohnehin versteht er nicht, wie das alles noch funktioniert und rechnet mir vor, dass 560.000 Menschen in Österreich arbeitslos sind. 2,5 Millionen beziehen Pensionszahlungen. 1,3 Millionen sind Schüler, die vom physischen Unterricht befreit sind, genauso wie 375.000 Studenten nicht an ihre Universitäten können. Das Land steht auf Pause, meint der alte Herr, doch obwohl scheinbar niemand mehr da ist, der die ausfließenden Staatskassen auffüllt, stellt die Regierung ein 37 Milliarden schweres Hilfspaket auf die Beine. Er fragt mich, wie sich das ausgeht, und woher dieses Geld kommt. Es müsse wohl irgendwo einfach gedruckt werden, damit wir weiterhin hier im Park sitzen können in der Gewissheit, dass das alles nicht das Ende bedeutet, sondern nur eine vielleicht einmalige Unterbrechung in unserem Leben.

    Er hört den Vögeln zu wie sie singen, und den Straßenkehrern, wie sie in fremden Sprachen wehmütig von ihren nun hinter verschlossenen Grenzen liegenden Heimatländern schwärmen.

    Da ich keine Antworten auf seine Fragen habe, möchte ich vom ihm wissen, ob er Angst hat, sich anzustecken, wenn er sich hier draußen aufhält. Er lächelt mich an und antwortet, dass er letztes Jahr eine Chemotherapie durchgemacht hat, die ihn fast das Leben gekostet hat. Seither kommt er jeden Tag hierher in diesen Park. Er sieht den Leuten beim Spazierengehen und den Bäumen beim Wachsen zu. Er hört den Vögeln zu wie sie singen, und den Straßenkehrern, wie sie in fremden Sprachen wehmütig von ihren nun hinter verschlossenen Grenzen liegenden Heimatländern schwärmen. Seit dem Krebs hat er keine Angst mehr, erzählt er mir, denn wenn man einmal das Schlimmste hinter sich hat weiß man, dass es auch wieder besser wird. „Mei Krebs kann sich dann mit dem Corona ausschnapsen, wer das Licht odraht“, erklärt er mir in breitem Wienerisch und fügt abschließend hinzu, dass einen der Tod auch in der eigenen Wohnung findet.

  • Endlich verpassen wir nichts mehr

    Endlich verpassen wir nichts mehr

    An dem eisernen Eingangstor zum Schlosspark Schönbrunn hängt ein Schild mit der Aufschrift „wegen Corona vorübergehend geschlossen“. Gerade eben hat mir ein Freund ein Foto vom Augarten geschickt. Dieser ist ebenso versperrt, doch im zweiten Bezirk regt sich Widerstand schneller als in Hietzing: „Sperrts auf es Heisl“ fordert dort jemand auf einem an der Pforte angebrachten Plakat, während sich die Bewohner hier im Westen der Stadt noch fügen. Hietzing und die Leopoldstadt trennen Welten.

    Mein Nachbar kommt mir entgegen, ich bin unschlüssig was nun zu tun ist, und ob wir uns unterhalten dürfen. Man könnte einfach weitergehen, so tun, als hätte man den anderen nicht gesehen. Es wäre dies ein völlig akzeptables Verhalten im Wien vor Corona – doch nun ist alles anders: Die isolierte Stadt sehnt sich nach Austausch und Zuwendung, und auch wir begrüßen uns freundlich.

    Aufgeregt ergreifen wir die unerwartete Gelegenheit, mit einem anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Unsere Fähigkeit Smalltalk zu führen scheint leicht eingerostet, es ist eine ungewohnte Situation, außerdem kennen wir uns kaum. Obwohl er in der Wohnung gegenüber lebt, haben wir in den vergangen Jahren kaum mehr Worte gewechselt als ein gelegentliches „Hallo“ im Stiegenhaus. Heute erfahre ich, dass er alleine wohnt und seine Freitagabende normalerweise feiernd in Bars verbringt, um dann am Samstagvormittag verkatert im Bett zu liegen. An diesem Wochenende hingegen steht er vor der Wahl zwischen einem Serienmarathon auf Netflix, oder einem auf Amazon Prime. Gerade vorhin hat er in seinen Kalender geblickt, sein nächster Termin ist in zweienthalb Wochen. Sogar auf Tinder sei mittlerweile tote Hose – ohne die Möglichkeit eines realen Treffens sei der Reiz des virtuellen Chattens dahin.

    In der Zeitung liest er von Eltern, die keine freie Minute mehr haben, weil sie ihre plötzlich beschäftigungslos gewordenen Kinder betreuen müssen. Er dagegen ist Kellner, von der Arbeit freigestellt und hat in seiner Verzweiflung die Tage zu füllen sogar mit Yoga begonnen. Früher hatte er oft den Eindruck, seine Freunde mit Kindern würden etwas verpassen, wenn sie ihre Wochenenden mit Windeln wechseln statt mit brunchen gehen verbrachten. Doch nun, wo die Brunchlokale und Bars geschlossen sind, gibt es nichts mehr, was man verpassen könnte.

    Wenn wenigstens Schönbrunn geöffnet wäre, echauffieren wir uns, erleichtert darüber, ein gemeinsames Problem gefunden zu haben. Es ist eine Angelegenheit, die derzeit die ganze Stadt zusammenschweißt: Wenn wir doch nur diese wunderbaren Bundesgärten wieder aufsperren könnten, dann wäre das alles halb so schlimm. Bevor wir uns verabschieden blicken wir einen Augenblick lang gemeinsam sehnsüchtig durch die Gitterstäbe, so als wäre jenseits von ihnen die Antwort auf dieses Schlamassel zu finden, so als würde hinter diesem versperrten eisernen Tor eine Welt ohne Corona liegen.

  • Wenn der Wienfluss wieder leuchtet

    Wenn der Wienfluss wieder leuchtet

    Hoch über dem Wienfluss verliert ein ruhig dahingleitendes Flugzeug im Landeanflug innerhalb weniger Sekunden hunderte Meter an Höhe. Wer hier unter einer der Haupteinflugschneisen der Stadt lebt, bemerkt die normalerweise im Minutentakt einfliegenden Maschinen nicht mehr. An diesem Tag bleibe ich stehen und blicke in einen strahlenden Himmel, den der Pilot heute nur mit der Sonne teilen muss. Nach ihm kommt keiner mehr, und auch vor ihm war stundenlang nichts.

    Nicht nur zehntausend Meter über dem Erdboden, sondern auch unten auf den Straßen Wiens ist Ruhe eingekehrt. Selbst in dieser die Stille vergötternden Stadt hat diese eine bisher ungekannte Dimension erreicht. Gleichzeitig mit dem Abschwingen des Klanges legt sich eine dämpfende Tatenlosigkeit über das eigene Handeln.

    Noch vor wenigen Wochen war nichts unmöglich: Innerhalb von vierundzwanzig Stunden schien fast jeder Punkt der Erde erreichbar. Wir aßen in Paris Croissants zum Frühstück und schlürften zum Abendessen Nudelsuppen in Bangkok. Wir begannen den Tag mit einer alten Liebschaft in Wien, um ihn mit einer auf dem Handy kennengelernten Affaire in Rio de Janeiro zu beenden. Nun ist alles anders: Es gibt keine Flugzeuge mehr, in die wir steigen können. In der häuslichen Isolation lassen sich keine Affairen küssen. Übers Wochenende nach New York sausen, um dort dieselben Dinge einzukaufen, die wir sonst auch auf der Mariahilfer Straße bekommen, ist unmöglich geworden. Doch anstatt vor Langeweile zu verzweifeln, wird diese Beraubung aller Optionen zur Befreiung.

    Minutenlang starrt mein Sohn eine Blume am Wegrand an. Plötzliche verstehe ich, was er an ihr so spannend findet. Oder daran, begeistert einen Stein nach dem anderen ins Wasser des Wienflusses zu werfen. Wo ich früher nur einen schäbigen Kanal wahrnahm, entdecke ich heute mehr, als bei meiner letzten Asienrundreise: Pflanzen, Bäume, Gräser und Tiere, die ihre Köpfe nach einem langen Winter empor recken. Die erstaunt eine Luft einatmen, die ganz anders riecht, nämlich einfach nur nach Luft, auch sie hat sich ihrer Ballaststoffe entledigt. Der wenige Meter schmale Strom ist nicht der schönste Fleck Wiens – aber er ist der schönste Fleck in meiner plötzlich eng begrenzten Welt. All die Sehnsuchtsorte, all die breiteren, schöneren, blaueren Flüsse und Meere da draußen existieren nicht mehr. Heute, morgen, und nächste Woche gibt es nichts weiter zu tun, als hierher zu kommen, und jeder für sich ein paar Schritte zu gehen.

    Nach langem kommt mir ein Spaziergänger entgegen, und das in Wien Undenkbare geschieht: obwohl wir uns nicht kennen, lächeln wir einander freundlich an. Während ich umdrehe und wieder nachhause gehe frage ich mich, ob das nun die neue Welt ist. Ob uns jemand da oben, kurz vorm Weltuntergang, noch einmal eine allerletzte Chance geben wollte, es besser zu machen. Wir alle, lasst es uns besser machen.

  • Wo die wilden Wiener wohnen

    Freitagvormittag, die Regierung hat weitere Maßnahmen wegen der Corona-Krise angekündigt. In einen Supermarkt in Wien-Liesing spielt sich folgende Szene ab: ein Kunde türmt Lebensmittel in seinem Einkaufswagen auf, so als wolle er eine Schutzmauer aus Spaghetti, Dosenthunfisch und Leberaufstrich bauen. Gerade nimmt er die letzte Packung Nudeln aus dem Regal, bevor ein zweiter Mann mit fast leerem Einkaufswagen zugreifen kann.

    „Heast, gib ma doch ein Packerl ab“

    „Schleich di, du Trottel“

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    Der Mann mit dem leeren Wagen greift sich daraufhin eine Packung vom Lebensmittelturm aus dem Wagen des anderen. Die Umstehenden halten den Atem an, es ist wie bei einer Partie Jenga mit bunten Kartonverpackungen. Für einen kurzen Moment glauben wir, dass der Turm in sich zusammenbrechen und die beiden Streitenden unter sich begraben wird. Stattdessen schlägt der eine Mann dem anderen ins Gesicht. Eine Prügelei bricht aus, über eine Packung Spaghetti n.5.

    Corona hält uns den Spiegel vor, wie wir mit den immer noch minimalen Einschränkungen in unserem Alltag umgehen – minimal im Vergleich zu dem, was viele andere Menschen ganz ohne Corona durchmachen müssen. Vielleicht können wir diese Krise als Chance nutzen, um mehr Verständnis aufzubringen. Wir verlieren schon wegen einem Tag jede Fassung, an dem die Mitarbeiter der Supermärkte nicht mit dem Nachschlichten nachkommen. Das könnte jenen einen Denkanstoß geben, die normalerweise vorm Computer sitzen und belustigte Kommentare über Flüchtlinge posten, die sich doch bitte nicht so aufführen sollen wegen dem bisschen Krieg in ihrer Heimat.

    Liebe Supermarktketten: bitte gewährt jedem eurer Mitarbeiter, der jetzt gerade Dienst versieht, nach dem Ende der Pandemie zwei Wochen bezahlten Sonderurlaub. Mit all den zusätzlich verkauften Sugogläsern und Dosensuppen sollte das doch drinnen sein. Liebe Ärzte und Krankenpfleger, ihr seid Helden und Heldinnen. Und ihr liebe Wiener, die das Glück haben, nicht direkt an der Front eingeteilt zu sein: teilt die Nudeln mit euren Nachbarn, helft euren Mitmenschen, bleibt poetisch, ruhig, und ansonsten zuhause.