Kategorie: Blog

  • Wenn man den Corona-Arzt anruft und Billa abhebt

    Bald wird jeder jemanden kennen, der an Corona gestorben ist. Obwohl dieser Ernstfall für mich glücklicherweise auch ein halbes Jahr nach dem Lockdown noch nicht eingetreten ist, war ich erstmals mit der abgeschwächten Form konfrontiert: Ich kenne nun jemanden, der an Corona erkrankt ist. Täglich erkundige ich mich auf Whatsapp nach dem Zustand der Betroffenen.

    Mittwoch: Die Diagnose
    Im Email Postfach liegt das Urteil „H* positiv“. Die Betroffene interpretiert es trotz jugendlichem Alters und keiner Vorerkrankungen als Todesurteil. Erste Verabschiedungsbriefe werden verfasst, sie spricht von sich selbst bereits in der Vergangenheitsform.

    Donnerstag: Packerlsuppe
    Ein starker Fieberschub tritt ein. Die Grießnockerlsuppe aus dem Packerl schmeckt trotz höchstmöglicher Konzentration von Geschmacksverstärkern nach nichts mehr. Gerüche haben sich aus ihrer Welt verabschiedet. Die Patientin hat sich mit dem Ende abgefunden, ein wienerischer Zugang mit dem Tod tritt ein, so schlimm kann es gar nicht werden.

    Freitag: Kein Superspreader
    Arbeitskollegen und Familie der Betroffenen wurden negativ getestet. Erleichterung macht sich breit, zwar ist sie selbst verloren, aber zumindest würde sie niemand anderen ins Unheil mitreißen.

    Samstag: Ausnahmezustand
    Zusätzlich zu Corona hat die Patientin nun auch noch die Regel. Ein emotionaler Ausnahmezustand tritt ein.

    Sonntag: Besserung
    Die Betroffene schickt mir Fotos von sich, in denen sie in einen Apfel beißt. Der dringende Wunsch nach Alkoholkonsum und Freigang wird geäußert. Ich werte das als Zeichen der Besserung.

    Montag: Billa-Hotline
    Rückschlag: Stark geschwollene Beine haben dafür gesorgt, dass die Betroffene in der Nacht kein Auge zugemacht hat. Verzweifelt ruft sie in der Früh die 1450-Hotline an. Dort erhält sie die Nummer für ein Ärztezentrum, das sie aufgrund ihrer starken Schmerzen sogleich anruft. Doch am anderen Ende meldet sich kein Arzt, sondern die Billa-Zentrale. Die Patienten wähnt sich in einem kafkaesken Fiebertraum gefangen. In Tränen aufgelöst vertraut sie sich dem Billa-Telefonisten an. Dieser ist bereits geschult mit der Situation, es ist nicht der erste Anruf, bei dem es nicht um Probleme mit dem Online-Shop geht: offenbar gibt es bei der von 1450 ausgegebenen Nummer eine Überschneidung mit der Billa-Zentrale. Mit ruhiger Stimme gibt er der Patientin die richtige Nummer, die er sich eigens auf einem Post-It notiert hat, das auf seinem Bildschirm klebt. Folgsam ruft die Patientin bei der neuen Nummer an und bekommt nun endlich einen Arzt ans Telefon. Es spielt sich folgender Dialog ab:

    Arzt:
    „Nehmen Sie eh Ihre Medikamente?“

    Erkrankte:
    „Ich habe nie welche bekommen“

    Arzt:
    „Sie müssten seit einer Woche Medikamente nehmen, damit das Virus nicht auf die Lunge schlägt“

    Erkrankte:
    „Davon habe ich nie was gehört – mir wurde gesagt, dass ich eben keine Medikamente nehmen darf. Ich kann kaum mehr aufstehen, weil mir die Füße so weh tun“

    Arzt:
    „Haben Sie schon Ihren Absonderungsbescheid bekommen?“

    Erkrankte:
    „Nein“

    Epilog
    Die Patientin hat mittlerweile Medikamente und Absonderungsbescheid erhalten. Sie befindet sich am Weg der Besserung.

  • Wenn man den Corona-Arzt anruft und Billa abhebt

    Wenn man den Corona-Arzt anruft und Billa abhebt

    Bald wird jeder jemanden kennen, der an Corona gestorben ist. Obwohl dieser Ernstfall für mich glücklicherweise auch ein halbes Jahr nach dem Lockdown noch nicht eingetreten ist, war ich erstmals mit der abgeschwächten Form konfrontiert: Ich kenne nun jemanden, der an Corona erkrankt ist. Täglich erkundige ich mich auf Whatsapp nach dem Zustand der Betroffenen.

    Mittwoch: Die Diagnose

    Im Email Postfach liegt das Urteil „H* positiv“. Die Betroffene interpretiert es trotz jugendlichem Alters und keiner Vorerkrankungen als Todesurteil. Erste Verabschiedungsbriefe werden verfasst, sie spricht von sich selbst bereits in der Vergangenheitsform.

    Donnerstag: Packerlsuppe

    Ein starker Fieberschub tritt ein. Die Grießnockerlsuppe aus dem Packerl schmeckt trotz höchstmöglicher Konzentration von Geschmacksverstärkern nach nichts mehr. Gerüche haben sich aus ihrer Welt verabschiedet. Die Patientin hat sich mit dem Ende abgefunden, ein wienerischer Zugang mit dem Tod tritt ein, so schlimm kann es gar nicht werden.

    Freitag: Kein Superspreader

    Arbeitskollegen und Familie der Betroffenen wurden negativ getestet. Erleichterung macht sich breit, zwar ist sie selbst verloren, aber zumindest würde sie niemand anderen ins Unheil mitreißen.

    Samstag: Ausnahmezustand

    Zusätzlich zu Corona hat die Patientin nun auch noch die Regel. Ein emotionaler Ausnahmezustand tritt ein.

    Sonntag: Besserung

    Die Betroffene schickt mir Fotos von sich, in denen sie in einen Apfel beißt. Der dringende Wunsch nach Alkoholkonsum und Freigang wird geäußert. Ich werte das als Zeichen der Besserung.

    Montag: Billa-Hotline

    Rückschlag: Stark geschwollene Beine haben dafür gesorgt, dass die Betroffene in der Nacht kein Auge zugemacht hat. Verzweifelt ruft sie in der Früh die 1450-Hotline an. Dort erhält sie die Nummer für ein Ärztezentrum, das sie aufgrund ihrer starken Schmerzen sogleich anruft. Doch am anderen Ende meldet sich kein Arzt, sondern die Billa-Zentrale. Die Patienten wähnt sich in einem kafkaesken Fiebertraum gefangen. In Tränen aufgelöst vertraut sie sich dem Billa-Telefonisten an. Dieser ist bereits geschult mit der Situation, es ist nicht der erste Anruf, bei dem es nicht um Probleme mit dem Online-Shop geht: offenbar gibt es bei der von 1450 ausgegebenen Nummer eine Überschneidung mit der Billa-Zentrale. Mit ruhiger Stimme gibt er der Patientin die richtige Nummer, die er sich eigens auf einem Post-It notiert hat, das auf seinem Bildschirm klebt. Folgsam ruft die Patientin bei der neuen Nummer an und bekommt nun endlich einen Arzt ans Telefon. Es spielt sich folgender Dialog ab:

    Arzt:

    „Nehmen Sie eh Ihre Medikamente?“

    Erkrankte:

    „Ich habe nie welche bekommen“

    Arzt:
    „Sie müssten seit einer Woche Medikamente nehmen, damit das Virus nicht auf die Lunge schlägt“

    Erkrankte:

    „Davon habe ich nie was gehört – mir wurde gesagt, dass ich eben keine Medikamente nehmen darf. Ich kann kaum mehr aufstehen, weil mir die Füße so weh tun“

    Arzt:

    „Haben Sie schon Ihren Absonderungsbescheid bekommen?“

    Erkrankte:

    „Nein“

    Epilog

    Die Patientin hat mittlerweile Medikamente und Absonderungsbescheid erhalten. Sie befindet sich am Weg der Besserung.

  • Wien darf Istanbul bleiben

    Wien darf Istanbul bleiben

    Eine Kopftuch tragende Frau inhaliert den farblosen Rauch, der durch den Gummischlauch einer Wasserpfeife in ihren Mund schießt. Anschließend bläst sie ihn aus, hinweg über die Neue Donau, wo das fragile Gemisch aus Teer, Tabak und Apfelaroma über dem leuchtend blauen Wasser eine Sekunde lang eine geschlossene Einheit bildet. Doch kurz darauf wird die kleine Wolke bereits von einem Windstoß aufgefangen und zurück ans Ufer geweht. Vom übermächtigen Sauerstoff bis ins nahezu Unkenntliche verdünnt, treffen die Überbleibsel auf die Gesichter der unzähligen anderen Badegäste, die an diesem heißen Wiener Sommertag Abkühlung suchen. Alles, was sie von der winzigen Dosis des Lungengiftes wahrnehmen, ist der angedeutete Hauch einer aufgeschnittenen Apfelspalte.

    Während ein Sommer in seiner türkischen Heimat endlos ist, sind Tage wie dieser in Wien kostbare Schätze, die oftmals zerrinnen, bevor man sie richtig greifen kann

    Die Frau mit dem Kopftuch nimmt einen weiteren Zug, bevor sie den Schlauch an ihren Mann weiterreicht. Dieser wirft einen sorgfältigen Blick auf die langsam verglühende Kohle des aluminiumbedeckten Kopfes der Wasserpfeife. Zufrieden mit seiner Arbeit nimmt er einen tiefen Zug und schließt genießerisch die Augen, so als wollte er jedes kleinste bißchen dieses kostbaren Tages einsaugen. Während ein Sommer in seiner Heimat endlos ist, sind Stunden wie diese in Wien rare Schätze, die oftmals zerrinnen, bevor man sie richtig greifen kann.n

    Mit immer noch geschlossenen Augen greift der Familienvater zielsicher auf eines der Produkt aus seiner alten Heimat, die in einem weiten Halbkreis auf der Wiese verteilt liegen. Sogar die Mineralwasserflaschen haben eine türkische Aufschrift, sei es als stiller Trotz gegen das vielgerühmte Wiener Leitungswasser, oder einfach nur als Überbleibsel der eigenen Herkunft, die man nicht aufgeben möchte.

    Ein Chor aus orientalischen Sprachen und Balkandialekten, gemischt mit dem wienerischen Crescendo eines aus der nahen Brigittenau angereisten Hausmeisters, liegt als permanenter Geräuschpegel über dem Areal.

    Neben des zwar provisorischen, aber äußerst aufwendig errichteten türkischen Dorfes, liegen auf deutlich simpleren Unterlagen oder einfach direkt im Gras Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern. Ein Chor aus orientalischen Sprachen und Balkandialekten, gemischt mit dem wienerischen Crescendo eines aus der nahen Brigittenau angereisten Hausmeisters, liegt als permanenter Geräuschpegel über dem Areal. Hier, an der U6 Station Neue Donau, darf Wien das sein, was es gerne öfter wäre: eine vor Lebendigkeit pulsierende südeuropäische Metropole, in der jeder von überall herkommt, und wo alle willkommen sind.

    Während die Wiener Sommerstunden verrinnen, steigt die Temperatur weit über die dreißig Grad Marke. Von der Hitze unbeeindruckt schlägt eine Gruppe asiatischer Frauen neben den Türken ein neues Lager auf. Ihr Reich besteht vor allem aus aufwendig zubereiteten Speisen, die in Tupperware-Behältern aller Farben, Größen und Formen mitgebracht wurden. Irgendwann stößt ein Mann zu der Gruppe, der die Damen zwar zu kennen scheint und auch ihre Sprache spricht, der aber dennoch nicht mit ihnen auf dem Handtuch sitzen darf. Hungrig schielt er auf die dargebotenen Köstlichkeiten, bis ihm endlich eine der Frauen einen köstlichen Behälter gebratener Nudeln reicht.

    Man erfreut sich an der Gemeinschaft, anstatt sich über die anderen zu ärgern. Hier passiert etwas, das in Wien sonst kaum erwünscht ist: Fremde Menschen kommen ungezwungen miteinander ins Gespräch.

    Im Bereich des einzigen Baumes direkt am Ufer im Umkreis von zweihundert Metern ist mittlerweile kein Fleck Wiese mehr frei. Man liegt dicht auf dicht, was außer dem Corona-Babyelefanten niemand zu stören scheint. Man erfreut sich an der Gemeinschaft, anstatt sich über die anderen zu ärgern. Hier passiert etwas, das in Wien sonst kaum erwünscht ist: Fremde Menschen kommen ungezwungen miteinander ins Gespräch, und sogar Ur-Österreicher legen plötzlich jede Menschenscheu ab: Eine ältere Dame mit leuchtend weißer Haut unterhält sich mit zwei jungen verschleierten Mädchen. Neugierig fragt sie, warum die Damen erst ihr Gesicht verbergen, um fremde Männer nicht in Versuchung zu führen, um sich dann dicke Schminke um die Augen aufzutragen, die sie erst recht noch reizvoller erscheinen lässt. Ein Mann aus dem Irak gesellt sich zu der Gruppe, und auch wenn kaum jemand Deutsch spricht, funktioniert die interkulturelle Kommunikation bestens.

    Manchmal scheint es, als wären die Deutschen extra nach Wien gezogen, um die Wiener lässiger aussehen zu lassen.

    Doch auch reines Hochdeutsch ist zu hören, von zwei Studentinnen aus Hannover. Die eine schwärmt von ihrem letzten Backpacker-Trip nach Kambodscha, der sie auf eine geheimnisvolle Insel gebracht hatte. Nie wieder, erzählt sie der staunenden Freundin, habe sie von dort weggewollt, weil dort die wildesten Partys der Welt gefeiert werden. Nach zwei Wochen jedoch hatte sie genug gehabt, und wollte den mit einem Mal schrecklich gewordenen Ort so schnell wie möglich verlassen. Eine Affäre mit einem Schwarzen aus Amerika war schief gegangen, denn sie erwarte von einem Mann, dass dieser sie rund um die Uhr betreue, und der Amerikaner hatte diesen Ansprüchen nicht genügt. Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann, der das Gespräch mithört. Er lehnt sich zu seiner Frau und meint, dass die Deutschen nur deshalb nach Wien gezogen sind, um die Wiener lässiger aussehen zu lassen.

    Wenn in diesem Wahlkampf wieder davon gesprochen wird, dass Wien nicht Istanbul werden darf, sollten wir bedenken, wie langweilig Wien ohne die Ausländer wäre, und dass es magische Flecken wie diesen nicht gäben würde.

    Immer weitere Menschen strömen von der Ubahn ans kühlende Ufer der Donau. Auf den Schultern trägt ein junger Mann eine Palette Dosenbier, das anschließend warm getrunken wird. Man ist hier nicht zimperlich, der siebente Bezirk mit seinen Moscow Mules ist Welten entfernt. Die einzige gastronomische Einrichtung ist ein Eisstand, der Twinni, Cornetto und andere Besteller der letzten Jahrzehnte verkauft. Wenn in diesem Wahlkampf wieder davon gesprochen wird, dass Wien nicht Istanbul werden darf, sollten wir bedenken, wie langweilig die Stadt ohne ihre Ausländer wäre, und dass es magische Flecken wie diesen nicht geben würde. Wien darf immer Istanbul, Belgrad und Kabul bleiben und muss sein multikulturelles, pulsierendes Herz diesseits und jenseits der Neuen Donau bewahren.

  • Wien darf Istanbul bleiben

    Wien darf Istanbul bleiben

    Eine Kopftuch tragende Frau inhaliert den farblosen Rauch, der durch den Gummischlauch einer Wasserpfeife in ihren Mund schießt. Anschließend bläst sie ihn aus, hinweg über die Neue Donau, wo das fragile Gemisch aus Teer, Tabak und Apfelaroma über dem leuchtend blauen Wasser eine Sekunde lang eine geschlossene Einheit bildet. Doch kurz darauf wird die kleine Wolke bereits von einem Windstoß aufgefangen und zurück ans Ufer geweht. Vom übermächtigen Sauerstoff bis ins nahezu Unkenntliche verdünnt, treffen die Überbleibsel auf die Gesichter der unzähligen anderen Badegäste, die an diesem heißen Wiener Sommertag Abkühlung suchen. Alles, was sie von der winzigen Dosis des Lungengiftes wahrnehmen, ist der angedeutete Hauch einer aufgeschnittenen Apfelspalte.

    Während ein Sommer in seiner türkischen Heimat endlos ist, sind Tage wie dieser in Wien kostbare Schätze, die oftmals zerrinnen, bevor man sie richtig greifen kann

    Die Frau mit dem Kopftuch nimmt einen weiteren Zug, bevor sie den Schlauch an ihren Mann weiterreicht. Dieser wirft einen sorgfältigen Blick auf die langsam verglühende Kohle des aluminiumbedeckten Kopfes der Wasserpfeife. Zufrieden mit seiner Arbeit nimmt er einen tiefen Zug und schließt genießerisch die Augen, so als wollte er jedes kleinste bißchen dieses kostbaren Tages einsaugen. Während ein Sommer in seiner Heimat endlos ist, sind Stunden wie diese in Wien rare Schätze, die oftmals zerrinnen, bevor man sie richtig greifen kann.

    Mit immer noch geschlossenen Augen greift der Familienvater zielsicher auf eines der Produkt aus seiner alten Heimat, die in einem weiten Halbkreis auf der Wiese verteilt liegen. Sogar die Mineralwasserflaschen haben eine türkische Aufschrift, sei es als stiller Trotz gegen das vielgerühmte Wiener Leitungswasser, oder einfach nur als Überbleibsel der eigenen Herkunft, die man nicht aufgeben möchte.

    Ein Chor aus orientalischen Sprachen und Balkandialekten, gemischt mit dem wienerischen Crescendo eines aus der nahen Brigittenau angereisten Hausmeisters, liegt als permanenter Geräuschpegel über dem Areal.

    Neben des zwar provisorischen, aber äußerst aufwendig errichteten türkischen Dorfes, liegen auf deutlich simpleren Unterlagen oder einfach direkt im Gras Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern. Ein Chor aus orientalischen Sprachen und Balkandialekten, gemischt mit dem wienerischen Crescendo eines aus der nahen Brigittenau angereisten Hausmeisters, liegt als permanenter Geräuschpegel über dem Areal. Hier, an der U6 Station Neue Donau, darf Wien das sein, was es gerne öfter wäre: eine vor Lebendigkeit pulsierende südeuropäische Metropole, in der jeder von überall herkommt, und wo alle willkommen sind.

    Während die Wiener Sommerstunden verrinnen, steigt die Temperatur weit über die dreißig Grad Marke. Von der Hitze unbeeindruckt schlägt eine Gruppe asiatischer Frauen neben den Türken ein neues Lager auf. Ihr Reich besteht vor allem aus aufwendig zubereiteten Speisen, die in Tupperware-Behältern aller Farben, Größen und Formen mitgebracht wurden. Irgendwann stößt ein Mann zu der Gruppe, der die Damen zwar zu kennen scheint und auch ihre Sprache spricht, der aber dennoch nicht mit ihnen auf dem Handtuch sitzen darf. Hungrig schielt er auf die dargebotenen Köstlichkeiten, bis ihm endlich eine der Frauen einen köstlichen Behälter gebratener Nudeln reicht.

    Man erfreut sich an der Gemeinschaft, anstatt sich über die anderen zu ärgern. Hier passiert etwas, das in Wien sonst kaum erwünscht ist: Fremde Menschen kommen ungezwungen miteinander ins Gespräch.

    Im Bereich des einzigen Baumes direkt am Ufer im Umkreis von zweihundert Metern ist mittlerweile kein Fleck Wiese mehr frei. Man liegt dicht auf dicht, was außer dem Corona-Babyelefanten niemand zu stören scheint. Man erfreut sich an der Gemeinschaft, anstatt sich über die anderen zu ärgern. Hier passiert etwas, das in Wien sonst kaum erwünscht ist: Fremde Menschen kommen ungezwungen miteinander ins Gespräch, und sogar Ur-Österreicher legen plötzlich jede Menschenscheu ab: Eine ältere Dame mit leuchtend weißer Haut unterhält sich mit zwei jungen verschleierten Mädchen. Neugierig fragt sie, warum die Damen erst ihr Gesicht verbergen, um fremde Männer nicht in Versuchung zu führen, um sich dann dicke Schminke um die Augen aufzutragen, die sie erst recht noch reizvoller erscheinen lässt. Ein Mann aus dem Irak gesellt sich zu der Gruppe, und auch wenn kaum jemand Deutsch spricht, funktioniert die interkulturelle Kommunikation bestens.

    Manchmal scheint es, als wären die Deutschen extra nach Wien gezogen, um die Wiener lässiger aussehen zu lassen.

    Doch auch reines Hochdeutsch ist zu hören, von zwei Studentinnen aus Hannover. Die eine schwärmt von ihrem letzten Backpacker-Trip nach Kambodscha, der sie auf eine geheimnisvolle Insel gebracht hatte. Nie wieder, erzählt sie der staunenden Freundin, habe sie von dort weggewollt, weil dort die wildesten Partys der Welt gefeiert werden. Nach zwei Wochen jedoch hatte sie genug gehabt, und wollte den mit einem Mal schrecklich gewordenen Ort so schnell wie möglich verlassen. Eine Affäre mit einem Schwarzen aus Amerika war schief gegangen, denn sie erwarte von einem Mann, dass dieser sie rund um die Uhr betreue, und der Amerikaner hatte diesen Ansprüchen nicht genügt. Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann, der das Gespräch mithört. Er lehnt sich zu seiner Frau und meint, dass die Deutschen nur deshalb nach Wien gezogen sind, um die Wiener lässiger aussehen zu lassen.

    Wenn in diesem Wahlkampf wieder davon gesprochen wird, dass Wien nicht Istanbul werden darf, sollten wir bedenken, wie langweilig Wien ohne die Ausländer wäre, und dass es magische Flecken wie diesen nicht gäben würde.

    Immer weitere Menschen strömen von der Ubahn ans kühlende Ufer der Donau. Auf den Schultern trägt ein junger Mann eine Palette Dosenbier, das anschließend warm getrunken wird. Man ist hier nicht zimperlich, der siebente Bezirk mit seinen Moscow Mules ist Welten entfernt. Die einzige gastronomische Einrichtung ist ein Eisstand, der Twinni, Cornetto und andere Besteller der letzten Jahrzehnte verkauft. Wenn in diesem Wahlkampf wieder davon gesprochen wird, dass Wien nicht Istanbul werden darf, sollten wir bedenken, wie langweilig die Stadt ohne ihre Ausländer wäre, und dass es magische Flecken wie diesen nicht geben würde. Wien darf immer Istanbul, Belgrad und Kabul bleiben und muss sein multikulturelles, pulsierendes Herz diesseits und jenseits der Neuen Donau bewahren.

  • Der Tod kommt auch nachhause

    Der Tod kommt auch nachhause

    An einem frühsommerlichen Donnerstagnachmittag im April scheint der Wiener Auer-Welsbach-Park in den Sommerferien zu liegen. Auf der großen Wiese wirft eine Gruppe Studenten einen Frisbee von einem zum anderen. Mütter schieben ihre Kinderwägen nebeneinander her, während sie sich über Bewältigungsstrategien für den beschäftigungslosen Nachwuchs austauschen. Ein Polizeiauto fährt im Schritttempo über den Kiesweg, der den Park von Osten nach Westen durchschneidet. Die Blicke aus dem Inneren des Fahrzeuges schweifen über die gut gefüllte Anlage, doch die Beamten schreiten nicht ein. Wer möchte schon entscheiden, wo das Verbot anfängt, und die Freiheit aufhört?

    Doch so kann es nicht weitergehen, führt er aus, denn wenn alle nur mehr das kaufen, was sie wirklich brauchen, kann unsere Wirtschaft nicht weiter bestehen.

    Ich setze mich auf eine Bank, penibel darauf bedacht, den Sicherheitsabstand zu einem älteren Herren einzuhalten, der zwei Bänke weiter mit nacktem Oberkörper die Wärme genießt. Er verschließt die Augen, vor der grellen Sonne, aber auch vor der tödlichen Gefahr, der er sich durch seine bloße Anwesenheit im öffentlichen Raum aussetzt. Weil man sich seit Corona einfach so auch mit Fremden unterhält, kommen wir ins Gespräch. Wir sprechen darüber, dass während Krankenpfleger in den Spitälern um menschliche Leben kämpfen, Supermarktmitarbeiter leergekaufte Regale nachschlichten oder Apotheker Extraschichten schieben, wir Nicht-System-Erhalter hier im Park die Stunden verstreichen lassen. Er erzählt mir von seinem Enkel, der jetzt mehr Geld als vor der Krise hat, weil es im Supermarkt keine Fernseher, Videospiele oder neue Boxen für sein Auto gibt. Doch so kann es nicht weitergehen, führt er aus, denn wenn alle nur mehr das kaufen, was sie wirklich brauchen, kann unsere Wirtschaft nicht weiter bestehen.

    Das Geld müsse wohl irgendwo einfach gedruckt werden, damit wir weiterhin hier im Park sitzen können in der Gewissheit, dass das alles nicht das Ende bedeutet, sondern nur eine vielleicht einmalige Unterbrechung in unserem Leben.

    Ohnehin versteht er nicht, wie das alles noch funktioniert und rechnet mir vor, dass 560.000 Menschen in Österreich arbeitslos sind. 2,5 Millionen beziehen Pensionszahlungen. 1,3 Millionen sind Schüler, die vom physischen Unterricht befreit sind, genauso wie 375.000 Studenten nicht an ihre Universitäten können. Das Land steht auf Pause, meint der alte Herr, doch obwohl scheinbar niemand mehr da ist, der die ausfließenden Staatskassen auffüllt, stellt die Regierung ein 37 Milliarden schweres Hilfspaket auf die Beine. Er fragt mich, wie sich das ausgeht, und woher dieses Geld kommt. Es müsse wohl irgendwo einfach gedruckt werden, damit wir weiterhin hier im Park sitzen können in der Gewissheit, dass das alles nicht das Ende bedeutet, sondern nur eine vielleicht einmalige Unterbrechung in unserem Leben.

    Er hört den Vögeln zu wie sie singen, und den Straßenkehrern, wie sie in fremden Sprachen wehmütig von ihren nun hinter verschlossenen Grenzen liegenden Heimatländern schwärmen.

    Da ich keine Antworten auf seine Fragen habe, möchte ich vom ihm wissen, ob er Angst hat, sich anzustecken, wenn er sich hier draußen aufhält. Er lächelt mich an und antwortet, dass er letztes Jahr eine Chemotherapie durchgemacht hat, die ihn fast das Leben gekostet hat. Seither kommt er jeden Tag hierher in diesen Park. Er sieht den Leuten beim Spazierengehen und den Bäumen beim Wachsen zu. Er hört den Vögeln zu wie sie singen, und den Straßenkehrern, wie sie in fremden Sprachen wehmütig von ihren nun hinter verschlossenen Grenzen liegenden Heimatländern schwärmen. Seit dem Krebs hat er keine Angst mehr, erzählt er mir, denn wenn man einmal das Schlimmste hinter sich hat weiß man, dass es auch wieder besser wird. „Mei Krebs kann sich dann mit dem Corona ausschnapsen, wer das Licht odraht“, erklärt er mir in breitem Wienerisch und fügt abschließend hinzu, dass einen der Tod auch in der eigenen Wohnung findet.

  • Der Tod kommt auch nachhause

    Der Tod kommt auch nachhause

    An einem frühsommerlichen Donnerstagnachmittag im April scheint der Wiener Auer-Welsbach-Park in den Sommerferien zu liegen. Auf der großen Wiese wirft eine Gruppe Studenten einen Frisbee von einem zum anderen. Mütter schieben ihre Kinderwägen nebeneinander her, während sie sich über Bewältigungsstrategien für den beschäftigungslosen Nachwuchs austauschen. Ein Polizeiauto fährt im Schritttempo über den Kiesweg, der den Park von Osten nach Westen durchschneidet. Die Blicke aus dem Inneren des Fahrzeuges schweifen über die gut gefüllte Anlage, doch die Beamten schreiten nicht ein. Wer möchte schon entscheiden, wo das Verbot anfängt, und die Freiheit aufhört?

    Doch so kann es nicht weitergehen, führt er aus, denn wenn alle nur mehr das kaufen, was sie wirklich brauchen, kann unsere Wirtschaft nicht weiter bestehen.

    Ich setze mich auf eine Bank, penibel darauf bedacht, den Sicherheitsabstand zu einem älteren Herren einzuhalten, der zwei Bänke weiter mit nacktem Oberkörper die Wärme genießt. Er verschließt die Augen, vor der grellen Sonne, aber auch vor der tödlichen Gefahr, der er sich durch seine bloße Anwesenheit im öffentlichen Raum aussetzt. Weil man sich seit Corona einfach so auch mit Fremden unterhält, kommen wir ins Gespräch. Wir sprechen darüber, dass während Krankenpfleger in den Spitälern um menschliche Leben kämpfen, Supermarktmitarbeiter leergekaufte Regale nachschlichten oder Apotheker Extraschichten schieben, wir Nicht-System-Erhalter hier im Park die Stunden verstreichen lassen. Er erzählt mir von seinem Enkel, der jetzt mehr Geld als vor der Krise hat, weil es im Supermarkt keine Fernseher, Videospiele oder neue Boxen für sein Auto gibt. Doch so kann es nicht weitergehen, führt er aus, denn wenn alle nur mehr das kaufen, was sie wirklich brauchen, kann unsere Wirtschaft nicht weiter bestehen.

    Das Geld müsse wohl irgendwo einfach gedruckt werden, damit wir weiterhin hier im Park sitzen können in der Gewissheit, dass das alles nicht das Ende bedeutet, sondern nur eine vielleicht einmalige Unterbrechung in unserem Leben.

    Ohnehin versteht er nicht, wie das alles noch funktioniert und rechnet mir vor, dass 560.000 Menschen in Österreich arbeitslos sind. 2,5 Millionen beziehen Pensionszahlungen. 1,3 Millionen sind Schüler, die vom physischen Unterricht befreit sind, genauso wie 375.000 Studenten nicht an ihre Universitäten können. Das Land steht auf Pause, meint der alte Herr, doch obwohl scheinbar niemand mehr da ist, der die ausfließenden Staatskassen auffüllt, stellt die Regierung ein 37 Milliarden schweres Hilfspaket auf die Beine. Er fragt mich, wie sich das ausgeht, und woher dieses Geld kommt. Es müsse wohl irgendwo einfach gedruckt werden, damit wir weiterhin hier im Park sitzen können in der Gewissheit, dass das alles nicht das Ende bedeutet, sondern nur eine vielleicht einmalige Unterbrechung in unserem Leben.

    Er hört den Vögeln zu wie sie singen, und den Straßenkehrern, wie sie in fremden Sprachen wehmütig von ihren nun hinter verschlossenen Grenzen liegenden Heimatländern schwärmen.

    Da ich keine Antworten auf seine Fragen habe, möchte ich vom ihm wissen, ob er Angst hat, sich anzustecken, wenn er sich hier draußen aufhält. Er lächelt mich an und antwortet, dass er letztes Jahr eine Chemotherapie durchgemacht hat, die ihn fast das Leben gekostet hat. Seither kommt er jeden Tag hierher in diesen Park. Er sieht den Leuten beim Spazierengehen und den Bäumen beim Wachsen zu. Er hört den Vögeln zu wie sie singen, und den Straßenkehrern, wie sie in fremden Sprachen wehmütig von ihren nun hinter verschlossenen Grenzen liegenden Heimatländern schwärmen. Seit dem Krebs hat er keine Angst mehr, erzählt er mir, denn wenn man einmal das Schlimmste hinter sich hat weiß man, dass es auch wieder besser wird. „Mei Krebs kann sich dann mit dem Corona ausschnapsen, wer das Licht odraht“, erklärt er mir in breitem Wienerisch und fügt abschließend hinzu, dass einen der Tod auch in der eigenen Wohnung findet.

  • Endlich verpassen wir nichts mehr

    Endlich verpassen wir nichts mehr

    An dem eisernen Eingangstor zum Schlosspark Schönbrunn hängt ein Schild mit der Aufschrift „wegen Corona vorübergehend geschlossen“. Gerade eben hat mir ein Freund ein Foto vom Augarten geschickt. Dieser ist ebenso versperrt, doch im zweiten Bezirk regt sich Widerstand schneller als in Hietzing: „Sperrts auf es Heisl“ fordert dort jemand auf einem an der Pforte angebrachten Plakat, während sich die Bewohner hier im Westen der Stadt noch fügen. Hietzing und die Leopoldstadt trennen Welten.

    Mein Nachbar kommt mir entgegen, ich bin unschlüssig was nun zu tun ist, und ob wir uns unterhalten dürfen. Man könnte einfach weitergehen, so tun, als hätte man den anderen nicht gesehen. Es wäre dies ein völlig akzeptables Verhalten im Wien vor Corona – doch nun ist alles anders: Die isolierte Stadt sehnt sich nach Austausch und Zuwendung, und auch wir begrüßen uns freundlich.

    Aufgeregt ergreifen wir die unerwartete Gelegenheit, mit einem anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Unsere Fähigkeit Smalltalk zu führen scheint leicht eingerostet, es ist eine ungewohnte Situation, außerdem kennen wir uns kaum. Obwohl er in der Wohnung gegenüber lebt, haben wir in den vergangen Jahren kaum mehr Worte gewechselt als ein gelegentliches „Hallo“ im Stiegenhaus. Heute erfahre ich, dass er alleine wohnt und seine Freitagabende normalerweise feiernd in Bars verbringt, um dann am Samstagvormittag verkatert im Bett zu liegen. An diesem Wochenende hingegen steht er vor der Wahl zwischen einem Serienmarathon auf Netflix, oder einem auf Amazon Prime. Gerade vorhin hat er in seinen Kalender geblickt, sein nächster Termin ist in zweienthalb Wochen. Sogar auf Tinder sei mittlerweile tote Hose – ohne die Möglichkeit eines realen Treffens sei der Reiz des virtuellen Chattens dahin.

    In der Zeitung liest er von Eltern, die keine freie Minute mehr haben, weil sie ihre plötzlich beschäftigungslos gewordenen Kinder betreuen müssen. Er dagegen ist Kellner, von der Arbeit freigestellt und hat in seiner Verzweiflung die Tage zu füllen sogar mit Yoga begonnen. Früher hatte er oft den Eindruck, seine Freunde mit Kindern würden etwas verpassen, wenn sie ihre Wochenenden mit Windeln wechseln statt mit brunchen gehen verbrachten. Doch nun, wo die Brunchlokale und Bars geschlossen sind, gibt es nichts mehr, was man verpassen könnte.

    Wenn wenigstens Schönbrunn geöffnet wäre, echauffieren wir uns, erleichtert darüber, ein gemeinsames Problem gefunden zu haben. Es ist eine Angelegenheit, die derzeit die ganze Stadt zusammenschweißt: Wenn wir doch nur diese wunderbaren Bundesgärten wieder aufsperren könnten, dann wäre das alles halb so schlimm. Bevor wir uns verabschieden blicken wir einen Augenblick lang gemeinsam sehnsüchtig durch die Gitterstäbe, so als wäre jenseits von ihnen die Antwort auf dieses Schlamassel zu finden, so als würde hinter diesem versperrten eisernen Tor eine Welt ohne Corona liegen.

  • Endlich verpassen wir nichts mehr

    Endlich verpassen wir nichts mehr

    An dem eisernen Eingangstor zum Schlosspark Schönbrunn hängt ein Schild mit der Aufschrift „wegen Corona vorübergehend geschlossen“. Gerade eben hat mir ein Freund ein Foto vom Augarten geschickt. Dieser ist ebenso versperrt, doch im zweiten Bezirk regt sich Widerstand schneller als in Hietzing: „Sperrts auf es Heisl“ fordert dort jemand auf einem an der Pforte angebrachten Plakat, während sich die Bewohner hier im Westen der Stadt noch fügen. Hietzing und die Leopoldstadt trennen Welten.

    Mein Nachbar kommt mir entgegen, ich bin unschlüssig was nun zu tun ist, und ob wir uns unterhalten dürfen. Man könnte einfach weitergehen, so tun, als hätte man den anderen nicht gesehen. Es wäre dies ein völlig akzeptables Verhalten im Wien vor Corona – doch nun ist alles anders: Die isolierte Stadt sehnt sich nach Austausch und Zuwendung, und auch wir begrüßen uns freundlich.

    Aufgeregt ergreifen wir die unerwartete Gelegenheit, mit einem anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Unsere Fähigkeit Smalltalk zu führen scheint leicht eingerostet, es ist eine ungewohnte Situation, außerdem kennen wir uns kaum. Obwohl er in der Wohnung gegenüber lebt, haben wir in den vergangen Jahren kaum mehr Worte gewechselt als ein gelegentliches „Hallo“ im Stiegenhaus. Heute erfahre ich, dass er alleine wohnt und seine Freitagabende normalerweise feiernd in Bars verbringt, um dann am Samstagvormittag verkatert im Bett zu liegen. An diesem Wochenende hingegen steht er vor der Wahl zwischen einem Serienmarathon auf Netflix, oder einem auf Amazon Prime. Gerade vorhin hat er in seinen Kalender geblickt, sein nächster Termin ist in zweienthalb Wochen. Sogar auf Tinder sei mittlerweile tote Hose – ohne die Möglichkeit eines realen Treffens sei der Reiz des virtuellen Chattens dahin.

    In der Zeitung liest er von Eltern, die keine freie Minute mehr haben, weil sie ihre plötzlich beschäftigungslos gewordenen Kinder betreuen müssen. Er dagegen ist Kellner, von der Arbeit freigestellt und hat in seiner Verzweiflung die Tage zu füllen sogar mit Yoga begonnen. Früher hatte er oft den Eindruck, seine Freunde mit Kindern würden etwas verpassen, wenn sie ihre Wochenenden mit Windeln wechseln statt mit brunchen gehen verbrachten. Doch nun, wo die Brunchlokale und Bars geschlossen sind, gibt es nichts mehr, was man verpassen könnte.

    Wenn wenigstens Schönbrunn geöffnet wäre, echauffieren wir uns, erleichtert darüber, ein gemeinsames Problem gefunden zu haben. Es ist eine Angelegenheit, die derzeit die ganze Stadt zusammenschweißt: Wenn wir doch nur diese wunderbaren Bundesgärten wieder aufsperren könnten, dann wäre das alles halb so schlimm. Bevor wir uns verabschieden blicken wir einen Augenblick lang gemeinsam sehnsüchtig durch die Gitterstäbe, so als wäre jenseits von ihnen die Antwort auf dieses Schlamassel zu finden, so als würde hinter diesem versperrten eisernen Tor eine Welt ohne Corona liegen.

  • Wenn der Wienfluss wieder leuchtet

    Wenn der Wienfluss wieder leuchtet

    Hoch über dem Wienfluss verliert ein ruhig dahingleitendes Flugzeug im Landeanflug innerhalb weniger Sekunden hunderte Meter an Höhe. Wer hier unter einer der Haupteinflugschneisen der Stadt lebt, bemerkt die normalerweise im Minutentakt einfliegenden Maschinen nicht mehr. An diesem Tag bleibe ich stehen und blicke in einen strahlenden Himmel, den der Pilot heute nur mit der Sonne teilen muss. Nach ihm kommt keiner mehr, und auch vor ihm war stundenlang nichts.

    Nicht nur zehntausend Meter über dem Erdboden, sondern auch unten auf den Straßen Wiens ist Ruhe eingekehrt. Selbst in dieser die Stille vergötternden Stadt hat diese eine bisher ungekannte Dimension erreicht. Gleichzeitig mit dem Abschwingen des Klanges legt sich eine dämpfende Tatenlosigkeit über das eigene Handeln.

    Noch vor wenigen Wochen war nichts unmöglich: Innerhalb von vierundzwanzig Stunden schien fast jeder Punkt der Erde erreichbar. Wir aßen in Paris Croissants zum Frühstück und schlürften zum Abendessen Nudelsuppen in Bangkok. Wir begannen den Tag mit einer alten Liebschaft in Wien, um ihn mit einer auf dem Handy kennengelernten Affaire in Rio de Janeiro zu beenden. Nun ist alles anders: Es gibt keine Flugzeuge mehr, in die wir steigen können. In der häuslichen Isolation lassen sich keine Affairen küssen. Übers Wochenende nach New York sausen, um dort dieselben Dinge einzukaufen, die wir sonst auch auf der Mariahilfer Straße bekommen, ist unmöglich geworden. Doch anstatt vor Langeweile zu verzweifeln, wird diese Beraubung aller Optionen zur Befreiung.

    Minutenlang starrt mein Sohn eine Blume am Wegrand an. Plötzliche verstehe ich, was er an ihr so spannend findet. Oder daran, begeistert einen Stein nach dem anderen ins Wasser des Wienflusses zu werfen. Wo ich früher nur einen schäbigen Kanal wahrnahm, entdecke ich heute mehr, als bei meiner letzten Asienrundreise: Pflanzen, Bäume, Gräser und Tiere, die ihre Köpfe nach einem langen Winter empor recken. Die erstaunt eine Luft einatmen, die ganz anders riecht, nämlich einfach nur nach Luft, auch sie hat sich ihrer Ballaststoffe entledigt. Der wenige Meter schmale Strom ist nicht der schönste Fleck Wiens – aber er ist der schönste Fleck in meiner plötzlich eng begrenzten Welt. All die Sehnsuchtsorte, all die breiteren, schöneren, blaueren Flüsse und Meere da draußen existieren nicht mehr. Heute, morgen, und nächste Woche gibt es nichts weiter zu tun, als hierher zu kommen, und jeder für sich ein paar Schritte zu gehen.

    Nach langem kommt mir ein Spaziergänger entgegen, und das in Wien Undenkbare geschieht: obwohl wir uns nicht kennen, lächeln wir einander freundlich an. Während ich umdrehe und wieder nachhause gehe frage ich mich, ob das nun die neue Welt ist. Ob uns jemand da oben, kurz vorm Weltuntergang, noch einmal eine allerletzte Chance geben wollte, es besser zu machen. Wir alle, lasst es uns besser machen.

  • Wenn der Wienfluss wieder leuchtet

    Wenn der Wienfluss wieder leuchtet

    Hoch über dem Wienfluss verliert ein ruhig dahingleitendes Flugzeug im Landeanflug innerhalb weniger Sekunden hunderte Meter an Höhe. Wer hier unter einer der Haupteinflugschneisen der Stadt lebt, bemerkt die normalerweise im Minutentakt einfliegenden Maschinen nicht mehr. An diesem Tag bleibe ich stehen und blicke in einen strahlenden Himmel, den der Pilot heute nur mit der Sonne teilen muss. Nach ihm kommt keiner mehr, und auch vor ihm war stundenlang nichts.

    Nicht nur zehntausend Meter über dem Erdboden, sondern auch unten auf den Straßen Wiens ist Ruhe eingekehrt. Selbst in dieser die Stille vergötternden Stadt hat diese eine bisher ungekannte Dimension erreicht. Gleichzeitig mit dem Abschwingen des Klanges legt sich eine dämpfende Tatenlosigkeit über das eigene Handeln.

    Noch vor wenigen Wochen war nichts unmöglich: Innerhalb von vierundzwanzig Stunden schien fast jeder Punkt der Erde erreichbar. Wir aßen in Paris Croissants zum Frühstück und schlürften zum Abendessen Nudelsuppen in Bangkok. Wir begannen den Tag mit einer alten Liebschaft in Wien, um ihn mit einer auf dem Handy kennengelernten Affaire in Rio de Janeiro zu beenden. Nun ist alles anders: Es gibt keine Flugzeuge mehr, in die wir steigen können. In der häuslichen Isolation lassen sich keine Affairen küssen. Übers Wochenende nach New York sausen, um dort dieselben Dinge einzukaufen, die wir sonst auch auf der Mariahilfer Straße bekommen, ist unmöglich geworden. Doch anstatt vor Langeweile zu verzweifeln, wird diese Beraubung aller Optionen zur Befreiung.

    Minutenlang starrt mein Sohn eine Blume am Wegrand an. Plötzliche verstehe ich, was er an ihr so spannend findet. Oder daran, begeistert einen Stein nach dem anderen ins Wasser des Wienflusses zu werfen. Wo ich früher nur einen schäbigen Kanal wahrnahm, entdecke ich heute mehr, als bei meiner letzten Asienrundreise: Pflanzen, Bäume, Gräser und Tiere, die ihre Köpfe nach einem langen Winter empor recken. Die erstaunt eine Luft einatmen, die ganz anders riecht, nämlich einfach nur nach Luft, auch sie hat sich ihrer Ballaststoffe entledigt. Der wenige Meter schmale Strom ist nicht der schönste Fleck Wiens – aber er ist der schönste Fleck in meiner plötzlich eng begrenzten Welt. All die Sehnsuchtsorte, all die breiteren, schöneren, blaueren Flüsse und Meere da draußen existieren nicht mehr. Heute, morgen, und nächste Woche gibt es nichts weiter zu tun, als hierher zu kommen, und jeder für sich ein paar Schritte zu gehen.

    Nach langem kommt mir ein Spaziergänger entgegen, und das in Wien Undenkbare geschieht: obwohl wir uns nicht kennen, lächeln wir einander freundlich an. Während ich umdrehe und wieder nachhause gehe frage ich mich, ob das nun die neue Welt ist. Ob uns jemand da oben, kurz vorm Weltuntergang, noch einmal eine allerletzte Chance geben wollte, es besser zu machen. Wir alle, lasst es uns besser machen.