Kategorie: Blog

  • Moon River im Westend

    Moon River im Westend

    Eine Dame mittleren Alters hustet, als ob sie den Staub des gesamten Gürtels eingeatmet hätte, der sich nur zwei Meter neben ihr hinter dem dicken Lärmschutzglas vorbeischlängelt. Der Mann an ihrer Seite klopft sich lachend auf die Schenkel und zieht sie zu sich herüber. „Heast, Liesl, trink an Sliwowitz, dann gehts wieder“, schreit er der direkt neben ihm, vom Hustenanfall gekrümmt auf der Bank liegenden Frau ins Ohr.

    „Heast, Liesl, trink an Sliwowitz, dann gehts wieder“

    Der japanische Klavierspieler setzt ungerührt mit Moon River fort – er würde auch nicht aufhören zu spielen, wenn neben ihm die Titanic untergehen würde. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass er zur Zeit dieses Unglücks auch schon am Flügel des Café Westend gesessen und Leuten beim Husten zugesehen hat. Dabei hat er wenige Minuten zuvor noch stoisch am Nebentisch ein Butterkipferl verspeist, begleitet von einem großen Braunen, bevor er sich erhoben, die Brösel vom schwarzen Anzug geklopft und auf dem Schemel neben dem großen Flügel Platz genommen hat. Früher hätte mir das Lied gut gefallen, doch heute berührt es mich nicht mehr. Wenn Musik unwichtig wird, weiß man, dass man erwachsen geworden ist.

    Grau und von der Zeit vergessen, markiert dieses Kaffeehaus nicht nur das Ende der Mariahilfer Straße, es ist auch das Ende Wiens, denn dahinter liegt das Grenzgebiet und der fünfzehnte Bezirk. Alles, was sich jenseits von hier befindet, scheint sowieso verloren. Ein Tourist, der erschöpft von einer langen Anreise aus dem Zug ins erstbeste Lokal in Bahnhofsnähe taumelt, mag entsetzt sein vom Westend und seiner Schäbigkeit. Vielleicht lässt er sich aber auch fallen, bestellt gerührt von der Zeitlosigkeit dieses Orts eine Melange, eine Facette der Welt genießend, die es eigentlich gar nicht mehr geben kann. Hier ist der Frack des Kellners keine Show, sondern Normalität, auch wenn es in der Welt der Besucher dieses Cafés keine Kleiderordnung gibt.

    Hier ist der Frack des Kellners keine Show, sondern Normalität, auch wenn es in der Welt der Besucher dieses Cafés keine Kleiderordnung gibt.

    Als Wiener geht man erst ins Westend, wenn die Sonne untergegangen und der Rausch vom Vortag ausgeschlafen ist. Zwischen Bierflaschen und Rotweingläsern trauen sich dann die Rastlosen der Stadt hervor. Sie treffen sich zum Kartenspielen, um den Frust eines ganzen Lebens runterzuspülen oder um, getrieben von Schnaps und Einsamkeit, einen Bestseller zu schreiben. Egal, wer und wozu man gekommen ist, das nächste Achterl wird für jeden gleich eingeschenkt.

    Die Dame hat sich mittlerweile von dem Hustenanfall erholt, ihr Mann hilft ihr in den Mantel und sie machen sich bereit zu gehen. Ich blicke ihnen nach, bis sie die Dunkelheit des Gürtels vor der Tür verschluckt und sie im Lärm der vorbeifahrenden Autos untergehen. Eine Kellnerin fragt mich, ob das leere Häferl am Nebentisch mir gehört. Ich schüttle langsam den Kopf und zeige auf den Klavierspieler, der zuvor daraus getrunken hat. Sie lächelt mich zum ersten Mal an diesem Abend an, sagt etwas, das ich nicht verstehe, und geht davon, während das leere Häferl unberührt stehen bleibt und auf den nächsten Kellner der Nacht wartet.

    Eine von 17 Geschichten aus dem neuen Buch „Der Wiener Alltagspoet fährt U6

  • Moon River im Westend

    Moon River im Westend

    Eine Dame mittleren Alters hustet, als ob sie den Staub des gesamten Gürtels eingeatmet hätte, der sich nur zwei Meter neben ihr hinter dem dicken Lärmschutzglas vorbeischlängelt. Der Mann an ihrer Seite klopft sich lachend auf die Schenkel und zieht sie zu sich herüber. „Heast, Liesl, trink an Sliwowitz, dann gehts wieder“, schreit er der direkt neben ihm, vom Hustenanfall gekrümmt auf der Bank liegenden Frau ins Ohr.

    „Heast, Liesl, trink an Sliwowitz, dann gehts wieder“

    Der japanische Klavierspieler setzt ungerührt mit Moon River fort – er würde auch nicht aufhören zu spielen, wenn neben ihm die Titanic untergehen würde. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass er zur Zeit dieses Unglücks auch schon am Flügel des Café Westend gesessen und Leuten beim Husten zugesehen hat. Dabei hat er wenige Minuten zuvor noch stoisch am Nebentisch ein Butterkipferl verspeist, begleitet von einem großen Braunen, bevor er sich erhoben, die Brösel vom schwarzen Anzug geklopft und auf dem Schemel neben dem großen Flügel Platz genommen hat. Früher hätte mir das Lied gut gefallen, doch heute berührt es mich nicht mehr. Wenn Musik unwichtig wird, weiß man, dass man erwachsen geworden ist.

    Grau und von der Zeit vergessen, markiert dieses Kaffeehaus nicht nur das Ende der Mariahilfer Straße, es ist auch das Ende Wiens, denn dahinter liegt das Grenzgebiet und der fünfzehnte Bezirk. Alles, was sich jenseits von hier befindet, scheint sowieso verloren. Ein Tourist, der erschöpft von einer langen Anreise aus dem Zug ins erstbeste Lokal in Bahnhofsnähe taumelt, mag entsetzt sein vom Westend und seiner Schäbigkeit. Vielleicht lässt er sich aber auch fallen, bestellt gerührt von der Zeitlosigkeit dieses Orts eine Melange, eine Facette der Welt genießend, die es eigentlich gar nicht mehr geben kann. Hier ist der Frack des Kellners keine Show, sondern Normalität, auch wenn es in der Welt der Besucher dieses Cafés keine Kleiderordnung gibt.

    Hier ist der Frack des Kellners keine Show, sondern Normalität, auch wenn es in der Welt der Besucher dieses Cafés keine Kleiderordnung gibt.

    Als Wiener geht man erst ins Westend, wenn die Sonne untergegangen und der Rausch vom Vortag ausgeschlafen ist. Zwischen Bierflaschen und Rotweingläsern trauen sich dann die Rastlosen der Stadt hervor. Sie treffen sich zum Kartenspielen, um den Frust eines ganzen Lebens runterzuspülen oder um, getrieben von Schnaps und Einsamkeit, einen Bestseller zu schreiben. Egal, wer und wozu man gekommen ist, das nächste Achterl wird für jeden gleich eingeschenkt.

    Die Dame hat sich mittlerweile von dem Hustenanfall erholt, ihr Mann hilft ihr in den Mantel und sie machen sich bereit zu gehen. Ich blicke ihnen nach, bis sie die Dunkelheit des Gürtels vor der Tür verschluckt und sie im Lärm der vorbeifahrenden Autos untergehen. Eine Kellnerin fragt mich, ob das leere Häferl am Nebentisch mir gehört. Ich schüttle langsam den Kopf und zeige auf den Klavierspieler, der zuvor daraus getrunken hat. Sie lächelt mich zum ersten Mal an diesem Abend an, sagt etwas, das ich nicht verstehe, und geht davon, während das leere Häferl unberührt stehen bleibt und auf den nächsten Kellner der Nacht wartet.

    Eine von 17 Geschichten aus dem neuen Buch „Der Wiener Alltagspoet fährt U6

  • Im Chelsea geht die Nacht zu Ende

    Es gibt eine unausgesprochene Regel unter Feiernden, nach der jede Wiener Nacht im Chelsea enden muss. Wer den Fehler begeht, hier nicht erst deutlich nach Mitternacht zu erscheinen, sitzt oft allein vor der rauchenden Kellnerin. Doch wie kein anderes Lokal kann das Chelsea innerhalb von dreißig Minuten zwei Gänge raufschalten. Rom mag die ewige Stadt sein, doch das Chelsea ist das ewige Gürtellokal. Wenn die Schwelle des Vorglühens lang überschritten ist, doch der Absturz noch erfolgreich hinausgeschoben werden kann, schlägt seine Stunde. Heute haben wir alles richtig geplant, die Ankunftszeit und den Grad der Betrunkenheit. Meine Begleitung ist ein Student aus Amerika, er ist fassungslos über die Playlist des DJs, die ausschließlich aus Indie- und Britpop-Hits besteht, die in seiner Heimat nur mehr auf Oldie-Sendern zu hören sind. Ich beuge mich rüber und rufe ihm über die Lautstärke von Champagne Supernova zu, dass diese Songs in den Stein des Chelsea-Gemäuers gemeißelt wurden, vor Jahren, womöglich Jahrzehnten, und so lange ist auch der Mann hinter den Turntables schon derselbe.

    Rom mag die ewige Stadt sein, doch das Chelsea ist das ewige Gürtellokal.

    Stoisch steht er auf seiner Kanzel und wechselt Wochenende für Wochenende die immer gleichen CDs, mit Hymnen, die in Kalifornien oder Bristol geschrieben wurden, Städte, die er womöglich nie besucht hat, deren Rhythmen sich dennoch in die grauen Haare seines Bartes eingegraben haben. Alles bleibt hier gleich, und genau deshalb lässt sich sofort der Schalter umlegen. Jeder folgt einem unsichtbaren Drehbuch, geschrieben in tausenden Wiener Nächten: eine Runde Wieselburger bestellen; auf der Tanzfläche mithüpfen, auf der alle, wirklich alle Menschen schwer betrunken sind, ja sein müssen. Fällt der Promillebereich auch nur um wenige Bruchteile, würde die Selbstreflexion zuschlagen, man würde anfangen, darüber nachzudenken, dass man eigentlich zu alt, zu jung, zu hip oder zu sehr Österreicher ist, um für einmal alle Hemmungen abzulegen, zu feiern und sich gehen zu lassen. Denn das Wiener Nachtleben ist eine launige Diva, meistens zu vornehm, um sich wirklich gehen zu lassen, aber wenn sie sich doch zu einem Tänzchen auffordern lässt, dann brennt es lichterloh.

    Denn das Wiener Nachtleben ist eine launige Diva, meistens zu vornehm, um sich wirklich gehen zu lassen, aber wenn sie sich doch zu einem Tänzchen auffordern lässt, dann brennt es lichterloh.

    Ein Mädchen lächelt mich an und fragt mich, ob ich alle Liedtexte auswendig kenne, ich muss minutenlang lautstark mitgegrölt haben. Ohne eine Antwort abzuwarten, stellt sie mir ihre Freundin vor, die zu schüchtern war, mich anzusprechen. Weil ich sie kaum verstehe, gehen wir hinaus vor die Tür, wo sie sich eine Zigarette anzündet und mir anschließend die Packung hinhält. Kurz zögere ich, doch dann sehe ich das erste Licht des Tages über dem Gürtel aufgehen und die eiskalte Nacht vertreiben. Mit einem Ruck ziehe ich eine Zigarette heraus, lasse mir Feuer geben und warte mit ihr auf den Sonnenaufgang.

    Eine von 17 Geschichten aus dem neuen Buch „Der Wiener Alltagspoet fährt U6

  • Im Chelsea geht die Nacht zu Ende

    Im Chelsea geht die Nacht zu Ende

    Es gibt eine unausgesprochene Regel unter Feiernden, nach der jede Wiener Nacht im Chelsea enden muss. Wer den Fehler begeht, hier nicht erst deutlich nach Mitternacht zu erscheinen, sitzt oft allein vor der rauchenden Kellnerin. Doch wie kein anderes Lokal kann das Chelsea innerhalb von dreißig Minuten zwei Gänge raufschalten. Rom mag die ewige Stadt sein, doch das Chelsea ist das ewige Gürtellokal. Wenn die Schwelle des Vorglühens lang überschritten ist, doch der Absturz noch erfolgreich hinausgeschoben werden kann, schlägt seine Stunde. Heute haben wir alles richtig geplant, die Ankunftszeit und den Grad der Betrunkenheit. Meine Begleitung ist ein Student aus Amerika, er ist fassungslos über die Playlist des DJs, die ausschließlich aus Indie- und Britpop-Hits besteht, die in seiner Heimat nur mehr auf Oldie-Sendern zu hören sind. Ich beuge mich rüber und rufe ihm über die Lautstärke von Champagne Supernova zu, dass diese Songs in den Stein des Chelsea-Gemäuers gemeißelt wurden, vor Jahren, womöglich Jahrzehnten, und so lange ist auch der Mann hinter den Turntables schon derselbe.

    Rom mag die ewige Stadt sein, doch das Chelsea ist das ewige Gürtellokal.

    Stoisch steht er auf seiner Kanzel und wechselt Wochenende für Wochenende die immer gleichen CDs, mit Hymnen, die in Kalifornien oder Bristol geschrieben wurden, Städte, die er womöglich nie besucht hat, deren Rhythmen sich dennoch in die grauen Haare seines Bartes eingegraben haben. Alles bleibt hier gleich, und genau deshalb lässt sich sofort der Schalter umlegen. Jeder folgt einem unsichtbaren Drehbuch, geschrieben in tausenden Wiener Nächten: eine Runde Wieselburger bestellen; auf der Tanzfläche mithüpfen, auf der alle, wirklich alle Menschen schwer betrunken sind, ja sein müssen. Fällt der Promillebereich auch nur um wenige Bruchteile, würde die Selbstreflexion zuschlagen, man würde anfangen, darüber nachzudenken, dass man eigentlich zu alt, zu jung, zu hip oder zu sehr Österreicher ist, um für einmal alle Hemmungen abzulegen, zu feiern und sich gehen zu lassen. Denn das Wiener Nachtleben ist eine launige Diva, meistens zu vornehm, um sich wirklich gehen zu lassen, aber wenn sie sich doch zu einem Tänzchen auffordern lässt, dann brennt es lichterloh.

    Denn das Wiener Nachtleben ist eine launige Diva, meistens zu vornehm, um sich wirklich gehen zu lassen, aber wenn sie sich doch zu einem Tänzchen auffordern lässt, dann brennt es lichterloh.

    Ein Mädchen lächelt mich an und fragt mich, ob ich alle Liedtexte auswendig kenne, ich muss minutenlang lautstark mitgegrölt haben. Ohne eine Antwort abzuwarten, stellt sie mir ihre Freundin vor, die zu schüchtern war, mich anzusprechen. Weil ich sie kaum verstehe, gehen wir hinaus vor die Tür, wo sie sich eine Zigarette anzündet und mir anschließend die Packung hinhält. Kurz zögere ich, doch dann sehe ich das erste Licht des Tages über dem Gürtel aufgehen und die eiskalte Nacht vertreiben. Mit einem Ruck ziehe ich eine Zigarette heraus, lasse mir Feuer geben und warte mit ihr auf den Sonnenaufgang.

    Eine von 17 Geschichten aus dem neuen Buch „Der Wiener Alltagspoet fährt U6

  • Gürtel-Sightseeing-Tipps

    Wer in die U-Bahn steigt, hat zumeist ein klares Fahrtziel vor Augen. Doch manchmal lohnt es sich, schon vorher auszusteigen. An einer Station, bei der man bisher nur durchgefahren ist. Um dann vielleicht einen der Lieblingsplätze des Wiener Alltagspoeten entlang der U6 zu entdecken.

    Aus dem Buch „Der Wiener Alltagspoet fährt U6

    1. Neue Donau: Wenn sich die hitzegeplagte Stadt hier im Sommer zum Baden einfindet, werden interkulturelle Grenzen überwunden wie kaum anderswo – in der Badehose sind alle gleich. Wer es ruhiger möchte, flüchtet über die Brücke auf die Donauinsel, im legendären Eissalon Da Ponte gibt es Melange und Kuchen für 5,20 Euro.

    2. Handelskai: Beim Beislbesuch verkommt das Essenft zur Nebensache. Im Gasthaus Kopp schmecken Schmäh und Schnitzel aber gleichermaßen großartig. Übrigens: Kein Lokal war bisher häufiger Schauplatz auf den Wiener Alltagspoeten.

    3. Nußdorfer Straße: Ein echter Alltagspoet bleibt bei der Getränkeauswahl zwar eher bei Bodenständigem, aber wenn es doch einmal ein Whiskey Sour sein soll, dann mixt diese keiner so schmackhaft wie die Cocktail-Künstler aus dem The Sign.

    4. Alser Straße: Wenn man Wien in einem Markt zusammenfassen müsste, dann wäre es der Brunnenmarkt. Nebenbei kann man hier auch wirklich gut einkaufen. Wer über die Alser Straße anreist, kann zur Einstimmung und als kulturellen Gegensatz einen Kaffee am Yppenplatz genießen.

    5. Josefstädter Straße: Der Gürtel ist Wiens Kebabmeile, doch das Essen vieler dieser Läden lässt sich nur nach einer durchzechten Nacht ertragen. Auf nüchternen Magen empfiehlt sich die Einkehr beim Mangalet, oder sonst auch zwei Stationen weiter beim Dönermeister oder dem Berliner Döner.

    6. Thaliastraße: Livemusik im Café Carina anhören, anschließend im Chelsea zur nie wechselnden Playlist tanzen und zum bitteren Ende (aber nicht vor vier Uhr früh) die Straßenseite ins Concerto wechseln, in dem die dicken Kellermauern vergessen lassen, dass schon lange die Sonne aufgegangen ist.

    7. Burggasse: Das Dach der Hauptbücherei ermöglicht den endlosesten Fernblick entlang der U6. Entweder oben ins Restaurant setzen oder mit ein paar Flaschen Bier auf den Stufen die Aussicht genießen.

    8. Westbahnhof: Sonntags gehörte der alte Westbahnhof den Sandlern und Vertriebenen. Mit dem Umbau zur Bahnhof City wurde zwar jegliche Atmosphäre zerstört, dafür kann man auch am Tag des Herrn Bio- Handsemmeln fürs Frühstück erwerben.

    9. Gumpendorfer Straße: Den lärmenden Gürtel hinter sich lassend flüchtet man von hier ins Café Jelinek, ein Altwiener Kaffeehaus wie aus dem Poeten-Lehrbuch. Inklusive Kachelofen, Zeitungen, alten Sitzpolstern, ausgezeichnetem Kuchen und etwas, das es in Wiener Kaffeehäusern nur selten gibt: wirklich guten Kaffee.

  • Gürtel-Sightseeing-Tipps

    Gürtel-Sightseeing-Tipps

    Wer in die U-Bahn steigt, hat zumeist ein klares Fahrtziel vor Augen. Doch manchmal lohnt es sich, schon vorher auszusteigen. An einer Station, bei der man bisher nur durchgefahren ist. Um dann vielleicht einen der Lieblingsplätze des Wiener Alltagspoeten entlang der U6 zu entdecken.

    Aus dem Buch „Der Wiener Alltagspoet fährt U6

    1. Neue Donau: Wenn sich die hitzegeplagte Stadt hier im Sommer zum Baden einfindet, werden interkulturelle Grenzen überwunden wie kaum anderswo – in der Badehose sind alle gleich. Wer es ruhiger möchte, flüchtet über die Brücke auf die Donauinsel, im legendären Eissalon Da Ponte gibt es Melange und Kuchen für 5,20 Euro.

    2. Handelskai: Beim Beislbesuch verkommt das Essenft zur Nebensache. Im Gasthaus Kopp schmecken Schmäh und Schnitzel aber gleichermaßen großartig. Übrigens: Kein Lokal war bisher häufiger Schauplatz auf den Wiener Alltagspoeten.

    3. Nußdorfer Straße: Ein echter Alltagspoet bleibt bei der Getränkeauswahl zwar eher bei Bodenständigem, aber wenn es doch einmal ein Whiskey Sour sein soll, dann mixt diese keiner so schmackhaft wie die Cocktail-Künstler aus dem The Sign.

    4. Währinger Straße: Das WUK kennt man als Konzertort, aber viele wissen nicht, dass dort auch Keramik gebrannt, Fahrräder repariert und verkauft werden, sowie im Sommer Fußball übertragen wird. Für ein Getränk im schönsten Innenhof an der U6 braucht es aber eigentlich keinen dieser Anlässe.

    5. Alser Straße: Wenn man Wien in einem Markt zusammenfassen müsste, dann wäre es der Brunnenmarkt. Nebenbei kann man hier auch wirklich gut einkaufen. Wer über die Alser Straße anreist, kann zur Einstimmung und als kulturellen Gegensatz einen Kaffee am Yppenplatz genießen.

    6. Josefstädter Straße: Der Gürtel ist Wiens Kebabmeile, doch das Essen vieler dieser Läden lässt sich nur nach einer durchzechten Nacht ertragen. Auf nüchternen Magen empfiehlt sich die Einkehr beim Mangalet, oder sonst auch zwei Stationen weiter beim Dönermeister oder dem Berliner Döner.

    7. Thaliastraße: Livemusik im Café Carina anhören, anschließend im Chelsea zur nie wechselnden Playlist tanzen und zum bitteren Ende (aber nicht vor vier Uhr früh) die Straßenseite ins Concerto wechseln, in dem die dicken Kellermauern vergessen lassen, dass schon lange die Sonne aufgegangen ist.

    8. Burggasse: Das Dach der Hauptbücherei ermöglicht den endlosesten Fernblick entlang der U6. Entweder oben ins Restaurant setzen oder mit ein paar Flaschen Bier auf den Stufen die Aussicht genießen.

    9. Westbahnhof: Sonntags gehörte der alte Westbahnhof den Sandlern und Vertriebenen. Mit dem Umbau zur Bahnhof City wurde zwar jegliche Atmosphäre zerstört, dafür kann man auch am Tag des Herrn Bio- Handsemmeln fürs Frühstück erwerben.

    10. Gumpendorfer Straße: Den lärmenden Gürtel hinter sich lassend flüchtet man von hier ins Café Jelinek, ein Altwiener Kaffeehaus wie aus dem Poeten-Lehrbuch. Inklusive Kachelofen, Zeitungen, alten Sitzpolstern, ausgezeichnetem Kuchen und etwas, das es in Wiener Kaffeehäusern nur selten gibt: wirklich guten Kaffee.

  • Wenn der Bonustrack zu Ende geht

     

    (C) ORF/Ingo Pertramer

    Ich muss 19 oder 20 Jahre alt gewesen sein, als ich an einem heißen Sommersonntag zum ersten Mal in meinem Leben das Funkhaus in der Argentinierstraße betrat. Mit etwa 30 anderen jungen, oder zumindest hoffnungsvollen, Menschen war ich zum Assessment Center von FM4 geladen, mit dem der Radiosender jedes Jahr eine Handvoll Praktikanten castete. Geleitet wurde der Tag von Martin Blumenau. Ich erinnere mich noch an seine einführenden Worte, in denen er vor allem von seinem Tshirt erzählte, ich glaube, von der Band Portishead. Jedes Jahr trug er an dem Bewerbungstag laut seinen Ausführungen genau dieses Kleidungsstück, bisher hatte es wohl stets Glück gebracht. Um es vorwegzunehmen: Mir half sein Talisman an diesem Tag nicht. Ich scheiterte bereits im ersten Durchlauf, der aus einem Multiple Choice Test sowie zweier jeweils einminütiger Präsentationen bestand. Er überreichte mir noch wie allen anderen einen Gutschein für ein Essen in der Kantine, aber nach der Mittagspause musste ich Abschied nehmen, ich war mit Bomben und Granaten durchgefallen. Im Anschluss schrieb ich Martin Blumenau eine Email, in der ich die Reißbrettmethode des Assessment Centers kritisierte, in der im Schnelldurchlauf nach der Zukunft des Radiosenders gesucht wurde. Er beantwortete mein Schreiben in seiner ihm eigenen Art: indem er mich beschimpfte.

    Es sollte der einzige direkte persönliche Kontakt mit ihm bleiben, und trotz der Niederlage blieb ich weiterhin Stammhörer. In einer Zeit vor Streaming, Spotify und Podcasts versammelte ich fast jeden Mittwoch um Punkt Mitternacht meinen Freundeskreis vor dem Radio, um seinen Worten im Bonustrack zu lauschen. Und um Whiskey zu trinken, grauenhaften Ballantines, den mein Vater kistenweise von seinen Patienten geschenkt bekommen hatte. Wie viele andere amüsierten wir uns über Blumenaus Konfrontationen mit seinen Hörern. Doch wirklich atemlos saßen wir vor dem Gerät, wenn ein junger Mensch anrief, bei dem man das Gefühl hatte, sein Leben hinge am seidenen Faden der Telefonleitung. In diesen Momenten, in denen der um Jahrzehnte ältere Blumenau es schaffte, sich in die Lebenswelt eines sechzehnjährigen Verzweifelten hineinzuversetzen, war er am größten – auch wenn er für das Gegenteil bekannt wurde.

    Es war dies die Hochzeit einer Radiostation, deren Gründungspersonen (mein Podcast mit Clemens Haipel zum Nachhören) auch heute noch zu den interessantesten Persönlichkeiten in der österreichischen Medienlandschaft zählt. Martin Blumenaus Fehlen hatte sich schon lange vor seinem Ableben angedeutet, auch auf seinem eigenen Sender, auf dem das neu gecastete Personal sich schwertat, die großen Fußstapfen auszufüllen. Zu oft fehlte dieses Kratzen, das Widerständige und man war so froh, wenn man aufdrehte, und ganz zufällig doch wieder einmal Blumenaus Sendung erwischte. Sie schien mittlerweile fast aus der Zeit gefallen, mit seiner Bereitschaft, Sendezeit zu füllen, ohne sich die eigenen Worte selbst vorzuschreiben. Ich weiß jetzt schon, dass ich auch in Zukunft wenn ich das Radio aufdrehe immer noch diese leise Hoffnung haben werde, dass er nicht doch mal wieder eine Sendung macht und ich genau zum richtigen Zeitpunkt einschalte.

    Kurz vor meinem 21. Geburtstag trafen einige meiner Freunde Martin Blumenau zufällig vor dem Flex. Sie baten ihn darum, mir als Geschenk eine kurze Nachricht (damals noch auf Papier!) zu verfassen. Den Zettel habe ich leider irgendwann verloren, aber ich weiß noch, was darauf stand: “Du bist super, Andreas.” Leider gibt es heute keine Zettel mehr, und dich auch nicht, aber ich möchte dir sagen, lieber Martin Blumenau, du bist auch super.

     

  • Wenn der Bonustrack zu Ende geht

    Wenn der Bonustrack zu Ende geht

    (C) ORF/Ingo Pertramer

    Ich muss 19 oder 20 Jahre alt gewesen sein, als ich an einem heißen Sommersonntag zum ersten Mal in meinem Leben das Funkhaus in der Argentinierstraße betrat. Mit etwa 30 anderen jungen, oder zumindest hoffnungsvollen, Menschen war ich zum Assessment Center von FM4 geladen, mit dem der Radiosender jedes Jahr eine Handvoll Praktikanten castete. Geleitet wurde der Tag von Martin Blumenau. Ich erinnere mich noch an seine einführenden Worte, in denen er vor allem von seinem Tshirt erzählte, ich glaube, von der Band Portishead. Jedes Jahr trug er an dem Bewerbungstag laut seinen Ausführungen genau dieses Kleidungsstück, bisher hatte es wohl stets Glück gebracht. Um es vorwegzunehmen: Mir half sein Talisman an diesem Tag nicht. Ich scheiterte bereits im ersten Durchlauf, der aus einem Multiple Choice Test sowie zweier jeweils einminütiger Präsentationen bestand. Er überreichte mir noch wie allen anderen einen Gutschein für ein Essen in der Kantine, aber nach der Mittagspause musste ich Abschied nehmen, ich war mit Bomben und Granaten durchgefallen. Im Anschluss schrieb ich Martin Blumenau eine Email, in der ich die Reißbrettmethode des Assessment Centers kritisierte, in der im Schnelldurchlauf nach der Zukunft des Radiosenders gesucht wurde. Er beantwortete mein Schreiben in seiner ihm eigenen Art: indem er mich beschimpfte.

    Es sollte der einzige direkte persönliche Kontakt mit ihm bleiben, und trotz der Niederlage blieb ich weiterhin Stammhörer. In einer Zeit vor Streaming, Spotify und Podcasts versammelte ich fast jeden Mittwoch um Punkt Mitternacht meinen Freundeskreis vor dem Radio, um seinen Worten im Bonustrack zu lauschen. Und um Whiskey zu trinken, grauenhaften Ballantines, den mein Vater kistenweise von seinen Patienten geschenkt bekommen hatte. Wie viele andere amüsierten wir uns über Blumenaus Konfrontationen mit seinen Hörern. Doch wirklich atemlos saßen wir vor dem Gerät, wenn ein junger Mensch anrief, bei dem man das Gefühl hatte, sein Leben hinge am seidenen Faden der Telefonleitung. In diesen Momenten, in denen der um Jahrzehnte ältere Blumenau es schaffte, sich in die Lebenswelt eines sechzehnjährigen Verzweifelten hineinzuversetzen, war er am größten – auch wenn er für das Gegenteil bekannt wurde.

    Es war dies die Hochzeit einer Radiostation, deren Gründungspersonen (mein Podcast mit Clemens Haipel zum Nachhören) auch heute noch zu den interessantesten Persönlichkeiten in der österreichischen Medienlandschaft zählt. Martin Blumenaus Fehlen hatte sich schon lange vor seinem Ableben angedeutet, auch auf seinem eigenen Sender, auf dem das neu gecastete Personal sich schwertat, die großen Fußstapfen auszufüllen. Zu oft fehlte dieses Kratzen, das Widerständige und man war so froh, wenn man aufdrehte, und ganz zufällig doch wieder einmal Blumenaus Sendung erwischte. Sie schien mittlerweile fast aus der Zeit gefallen, mit seiner Bereitschaft, Sendezeit zu füllen, ohne sich die eigenen Worte selbst vorzuschreiben. Ich weiß jetzt schon, dass ich auch in Zukunft wenn ich das Radio aufdrehe immer noch diese leise Hoffnung haben werde, dass er nicht doch mal wieder eine Sendung macht und ich genau zum richtigen Zeitpunkt einschalte.

    Kurz vor meinem 21. Geburtstag trafen einige meiner Freunde Martin Blumenau zufällig vor dem Flex. Sie baten ihn darum, mir als Geschenk eine kurze Nachricht (damals noch auf Papier!) zu verfassen. Den Zettel habe ich leider irgendwann verloren, aber ich weiß noch, was darauf stand: “Du bist super, Andreas.” Leider gibt es heute keine Zettel mehr, und dich auch nicht, aber ich möchte dir sagen, lieber Martin Blumenau, du bist auch super.

  • Der Tag, an dem der Terror kam und der Grant ging

    Der Tag, an dem der Terror kam und der Grant ging

    Jeder Wiener hat sie: diese eine Geschichte über das „Bermuda Dreieck“. Erzählungen, ja vielmehr Legenden, die in feuchtfröhlichen Runden immer wieder heraus gekramt werden. Meine ist diese: im zarten Alter von fünfzehn Jahren habe ich hier auf einem, vom verschütteten Bier klebrigen Tisch stehend, einer Kellnerin einen Heiratsantrag gemacht. Fünfzehn Minuten später übergab ich mich in einem U-Bahn Wagon (es tut mir immer noch leid, Wiener Linien).

    Heute scheinen solch unbeschwerte Tage der Jugend noch weiter entfernt, als sie es ohnehin sind. Vor den Lokalen sind Blumen aufgebahrt, Markierungen der Tatorte sind auf den Boden gesprayed. Die vier Einschusslöcher einer Glastür sehen aus wie eine Filmkulisse. Vor dieser versucht eine Frau eine Kerze anzuzünden, doch der Wind bläst sie immer wieder aus, bis ein Passant zu ihr geht und seine Hände schützend über die Flamme hält.

    Wo sonst das Leben pulsiert, liegt heute eine Stille über der Seitenstettengasse. In Wien ist die Ruhe ein heiliges Gut. Sie wird verordnet, eingemahnt und gepredigt. Sie ist das Erste, was neue Wiener annehmen müssen, wenn sie hier ankommen. Schnitzel essen ist keine Pflicht, Falco muss nicht jeder mögen – aber bei den Ruhezeiten gibt es keine Kompromisse. Dessen ungeachtet gibt es auch in Wien Orte, an denen diese Regel außer Kraft gesetzt wird. Der nahegelegene Schwedenplatz ist so einer: es ist der räudigste Fleck der gesamten Innenstadt, und genau deshalb ist er so wunderschön. Hier darf jeder im Sommer sein Eis auspatzen und im Winter die Sauce der Nudelbox auf den eisernen Sitzgelegenheiten verteilen. Hier ist Wien nicht Schönbrunn, wo man keinen Grashalm umknicken darf und keine Hofburg, wo man mit jedem Schritt jahrhundertealte Geschichte unter den schmutzigen Schuhen tritt. Dieses Viertel ist zum Leben da, und zum Laut sein. Doch seit drei Tagen herrscht hier Stille. Es ist nicht das bloße Fehlen von Geräuschen, es ist vielmehr ein Zustand, der grundlegend falsch ist, der beklommen macht, einen die Tränen in die Augen treibt. Wenn hier im Herzen Wiens der Ton abgedreht wird, dann schlägt die ganze Stadt leiser.

    Es liegt in unserer menschlichen Natur, dass wir auch die schlimmsten Ereignisse verarbeiten können. Dass wir Kriege, Seuchen und Katastrophen wegstecken, aufstehen und weitermachen. Als einzige Spezies des Planeten sind wir uns unserer Endlichkeit bewusst, wir haben sie zwar nicht akzeptiert, aber doch zumindest verdrängt. So haben wir als Menschheit im Laufe der Jahrhunderte viel Unfassbares durchstehen können. 2020 schien einen sowieso nichts mehr erschüttern zu können, in diesem Jahr, in dem Corona über eine Million Leben gefordert hat. Aber wenn ein Virus tötet, liegt das in dessen ureigener Natur. Wenn ein Mensch vollkommen grundlos und willkürlich andere Menschen umbringt, ist es gegen eben diese. Bei allem Schrecken, den das Coronavirus verbreitet, ist es doch etwas, das wir irgendwie verstehen und als Teil des Lebens akzeptieren können. Bei einem Menschen, der mit einem Sturmgewehr im Herzen Wiens wahllos um sich schießt, endet die Grenze unseres Fassungsvermögens.

    Nach dem schlimmsten Tag Wiens, dem Tag des Attentats, folgt der wundersamste: Eine Stadt, die sich durch das Grantig-Sein definiert, die gerne ihre Ellbogen ausfährt, kniet nieder und zeigt ihr wahres Ich. Menschen helfen einander. Öffnen die Türen ihrer Wohnungen für Wildfremde. Sitzen bis spät in die Nacht zusammen und beschützen einander. Fahren andere ohne Bezahlung durch die Stadt, damit jeder sicher nachhause kommt. Feiern Lebensretter, die einer Religion angehören, wegen der sie normalerweise schief angeschaut werden. Ein Jahrhunderte alter Mantel aus schlechter Laune wird innerhalb eines einzigen Tages abgestreift und man fragt, sich ob Wien jemals anders war als heute.

    Vor einer der Trauerstätten steht eine Gruppe von Polizisten. Sie kämpfen sichtbar mit den Tränen, genauso wie eine Frau mit Kopftuch neben ihnen. Abseits des Viertels kehrt am Tag drei nach Wiens schlimmsten Stunden langsam wieder Normalität ein. Politiker zeigen mit dem Finger aufeinander. Einige der Lebensretter weisen Scharten in ihren Biografien auf. In den Supermärkten ruft man zwar noch nicht grantig nach der zweiten Kassa, wird aber langsam ungeduldig. In einer Woche werden Politiker in diesem Land den Anschlag als Rechtfertigung missbrauchen, noch härter gegen Menschen in Not vorzugehen. Dabei wäre genau jetzt der Zeitpunkt um zu versuchen zu verstehen, was mit einem Zwanzigjährigen passieren muss, damit er so weit kommt, sich eine automatische Waffe zu besorgen und damit auf Menschen zu schießen, die ihm nie etwas getan haben, die er noch nicht einmal gekannt hat.

    Wir alle können daran arbeiten, dass es besser wird. Indem wir nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern weiter vereint stehen und zeigen, dass Wiener die wunderbarsten, selbstlosesten und hilfsbereitesten Menschen der Welt sein können. Lasst uns gemeinsam grantig sein, anstatt jeder für sich.

  • Der Tag, an dem der Terror kam und der Grant ging

    Der Tag, an dem der Terror kam und der Grant ging

    Jeder Wiener hat sie: diese eine Geschichte über das „Bermuda Dreieck“. Erzählungen, ja vielmehr Legenden, die in feuchtfröhlichen Runden immer wieder heraus gekramt werden. Meine ist diese: im zarten Alter von fünfzehn Jahren habe ich hier auf einem, vom verschütteten Bier klebrigen Tisch stehend, einer Kellnerin einen Heiratsantrag gemacht. Fünfzehn Minuten später übergab ich mich in einem U-Bahn Wagon (es tut mir immer noch leid, Wiener Linien).

    Heute scheinen solch unbeschwerte Tage der Jugend noch weiter entfernt, als sie es ohnehin sind. Vor den Lokalen sind Blumen aufgebahrt, Markierungen der Tatorte sind auf den Boden gesprayed. Die vier Einschusslöcher einer Glastür sehen aus wie eine Filmkulisse. Vor dieser versucht eine Frau eine Kerze anzuzünden, doch der Wind bläst sie immer wieder aus, bis ein Passant zu ihr geht und seine Hände schützend über die Flamme hält.

    Wo sonst das Leben pulsiert, liegt heute eine Stille über der Seitenstettengasse. In Wien ist die Ruhe ein heiliges Gut. Sie wird verordnet, eingemahnt und gepredigt. Sie ist das Erste, was neue Wiener annehmen müssen, wenn sie hier ankommen. Schnitzel essen ist keine Pflicht, Falco muss nicht jeder mögen – aber bei den Ruhezeiten gibt es keine Kompromisse. Dessen ungeachtet gibt es auch in Wien Orte, an denen diese Regel außer Kraft gesetzt wird. Der nahegelegene Schwedenplatz ist so einer: es ist der räudigste Fleck der gesamten Innenstadt, und genau deshalb ist er so wunderschön. Hier darf jeder im Sommer sein Eis auspatzen und im Winter die Sauce der Nudelbox auf den eisernen Sitzgelegenheiten verteilen. Hier ist Wien nicht Schönbrunn, wo man keinen Grashalm umknicken darf und keine Hofburg, wo man mit jedem Schritt jahrhundertealte Geschichte unter den schmutzigen Schuhen tritt. Dieses Viertel ist zum Leben da, und zum Laut sein. Doch seit drei Tagen herrscht hier Stille. Es ist nicht das bloße Fehlen von Geräuschen, es ist vielmehr ein Zustand, der grundlegend falsch ist, der beklommen macht, einen die Tränen in die Augen treibt. Wenn hier im Herzen Wiens der Ton abgedreht wird, dann schlägt die ganze Stadt leiser.

    Es liegt in unserer menschlichen Natur, dass wir auch die schlimmsten Ereignisse verarbeiten können. Dass wir Kriege, Seuchen und Katastrophen wegstecken, aufstehen und weitermachen. Als einzige Spezies des Planeten sind wir uns unserer Endlichkeit bewusst, wir haben sie zwar nicht akzeptiert, aber doch zumindest verdrängt. So haben wir als Menschheit im Laufe der Jahrhunderte viel Unfassbares durchstehen können. 2020 schien einen sowieso nichts mehr erschüttern zu können, in diesem Jahr, in dem Corona über eine Million Leben gefordert hat. Aber wenn ein Virus tötet, liegt das in dessen ureigener Natur. Wenn ein Mensch vollkommen grundlos und willkürlich andere Menschen umbringt, ist es gegen eben diese. Bei allem Schrecken, den das Coronavirus verbreitet, ist es doch etwas, das wir irgendwie verstehen und als Teil des Lebens akzeptieren können. Bei einem Menschen, der mit einem Sturmgewehr im Herzen Wiens wahllos um sich schießt, endet die Grenze unseres Fassungsvermögens.

    Nach dem schlimmsten Tag Wiens, dem Tag des Attentats, folgt der wundersamste: Eine Stadt, die sich durch das Grantig-Sein definiert, die gerne ihre Ellbogen ausfährt, kniet nieder und zeigt ihr wahres Ich. Menschen helfen einander. Öffnen die Türen ihrer Wohnungen für Wildfremde. Sitzen bis spät in die Nacht zusammen und beschützen einander. Fahren andere ohne Bezahlung durch die Stadt, damit jeder sicher nachhause kommt. Feiern Lebensretter, die einer Religion angehören, wegen der sie normalerweise schief angeschaut werden. Ein Jahrhunderte alter Mantel aus schlechter Laune wird innerhalb eines einzigen Tages abgestreift und man fragt, sich ob Wien jemals anders war als heute.

    Vor einer der Trauerstätten steht eine Gruppe von Polizisten. Sie kämpfen sichtbar mit den Tränen, genauso wie eine Frau mit Kopftuch neben ihnen. Abseits des Viertels kehrt am Tag drei nach Wiens schlimmsten Stunden langsam wieder Normalität ein. Politiker zeigen mit dem Finger aufeinander. Einige der Lebensretter weisen Scharten in ihren Biografien auf. In den Supermärkten ruft man zwar noch nicht grantig nach der zweiten Kassa, wird aber langsam ungeduldig. In einer Woche werden Politiker in diesem Land den Anschlag als Rechtfertigung missbrauchen, noch härter gegen Menschen in Not vorzugehen. Dabei wäre genau jetzt der Zeitpunkt um zu versuchen zu verstehen, was mit einem Zwanzigjährigen passieren muss, damit er so weit kommt, sich eine automatische Waffe zu besorgen und damit auf Menschen zu schießen, die ihm nie etwas getan haben, die er noch nicht einmal gekannt hat.

    Wir alle können daran arbeiten, dass es besser wird. Indem wir nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern weiter vereint stehen und zeigen, dass Wiener die wunderbarsten, selbstlosesten und hilfsbereitesten Menschen der Welt sein können. Lasst uns gemeinsam grantig sein, anstatt jeder für sich.