Freitagvormittag, die Regierung hat weitere Maßnahmen wegen der Corona-Krise angekündigt. In einen Supermarkt in Wien-Liesing spielt sich folgende Szene ab: ein Kunde türmt Lebensmittel in seinem Einkaufswagen auf, so als wolle er eine Schutzmauer aus Spaghetti, Dosenthunfisch und Leberaufstrich bauen. Gerade nimmt er die letzte Packung Nudeln aus dem Regal, bevor ein zweiter Mann mit fast leerem Einkaufswagen zugreifen kann.
Der Mann mit dem leeren Wagen greift sich daraufhin eine Packung vom Lebensmittelturm aus dem Wagen des anderen. Die Umstehenden halten den Atem an, es ist wie bei einer Partie Jenga mit bunten Kartonverpackungen. Für einen kurzen Moment glauben wir, dass der Turm in sich zusammenbrechen und die beiden Streitenden unter sich begraben wird. Stattdessen schlägt der eine Mann dem anderen ins Gesicht. Eine Prügelei bricht aus, über eine Packung Spaghetti n.5.
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Corona hält uns den Spiegel vor, wie wir mit den immer noch minimalen Einschränkungen in unserem Alltag umgehen – minimal im Vergleich zu dem, was viele andere Menschen ganz ohne Corona durchmachen müssen. Vielleicht können wir diese Krise als Chance nutzen, um mehr Verständnis aufzubringen. Wir verlieren schon wegen einem Tag jede Fassung, an dem die Mitarbeiter der Supermärkte nicht mit dem Nachschlichten nachkommen. Das könnte jenen einen Denkanstoß geben, die normalerweise vorm Computer sitzen und belustigte Kommentare über Flüchtlinge posten, die sich doch bitte nicht so aufführen sollen wegen dem bisschen Krieg in ihrer Heimat.
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Liebe Supermarktketten: bitte gewährt jedem eurer Mitarbeiter, der jetzt gerade Dienst versieht, nach dem Ende der Pandemie zwei Wochen bezahlten Sonderurlaub. Mit all den zusätzlich verkauften Sugogläsern und Dosensuppen sollte das doch drinnen sein. Liebe Ärzte und Krankenpfleger, ihr seid Helden und Heldinnen. Und ihr liebe Wiener, die das Glück haben, nicht direkt an der Front eingeteilt zu sein: teilt die Nudeln mit euren Nachbarn, helft euren Mitmenschen, bleibt poetisch, ruhig, und ansonsten zuhause.
An einem eiskalten Dezembermorgen liegt eine beruhigende Still über dem Innenhof des Wiener WUK. Hier, wo im Sommer unter großem Trubel Fußballweltmeisterschaften geschaut werden, Konzerte stattfinden oder Fahrräder verkauft werden, liegt die majestätische Anlage an diesem Tag heute ganz sich selbst überlassen da.
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Als Wiener bringt man bei jedem Besuch zahlreiche eindrückliche Erinnerungen an das WUK mit, die in uns allen ein ganz individuelles, einzigartiges Bild von der Kulturinstitution am äußersten Ende der Währinger Straße zeichnen. Von lauen Sommerabenden, die langsam im Dunst der weißen Spritzer dahinschwinden, über lange Nächte bei einem der vielen Feste im Bühnenraum, hat das WUK tiefe Spuren in unser aller Jugenden hinterlassen.
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Heute bin ich hier, um das WUK zu retten. So dramatisch das klingt und so klein mein persönlicher Anteil bei der Sache tatsächlich ist, bleibt das Faktum, dass eine der vielfältigsten Kulturorganisationen der Stadt unter Geldproblemen leidet. Denn das WUK ist alt, sehr alt sogar, über hundertsechzig Jahre um genau zu sein. Diese haben nicht nur in uns, sondern auch an dem Gebäude selbst Spuren hinterlassen. Die Bierbrauerei Ottakringer hat deshalb zum Trinken für das WUK aufgerufen und dazu das Kultur-Reparatur-Seidl ins Leben gerufen. Von jedem gekauften Sechsertragerl fließt ein Euro in die Fassaden, Technik und Mauern des WUK. Wer nächstes Wochenende nach einem guten Grund sucht sich zu betrinken, hat diesen hiermit gefunden.
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Astrid Exner, die Leiterin der Kommunikation des WUK, nimmt mich in Empfang. Sie hat einen Generalschlüssel mitgebracht, mit dem man in fast jeden Raum des Gebäudes hineingelangt. Gemeinsam schreiten wir durch die weitläufigen Korridore, in denen ich mich ohne ihre Führung sofort verlaufen würde. Es wirkt wie ein altes Ritterschloss, und tatsächlich verbirgt sich hinter jeder Tür ein kleiner Schatz. Einmal treten wir in eine Werkstatt, in welcher an allen Wänden und der Decke alte Fahrräder, Werkzeuge und Ersatzteile hängen. Für lächerliche vier Euro können die Wiener diesen Raum benutzen, um ihre Drahtesel wieder fit zu machen. Heute ist niemand da, außer dem Geist von hunderten Fahrrädern, die in diesem Raum ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.
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Ein anderes Mal stehen wir plötzlich in einer Holzwerkstatt, in der eifrig gefräst, zugeschnitten und lackiert wird. „Ein Künstler aus Holland ist gerade in der Stadt, der kann hier an seinen Installationen feilen“, erklärt mir ein Mitarbeiter. Generell scheint im WUK an jedem Eck ein Kunstschaffender zu stehen, der gerade an einem neuen Kunstwerk arbeitet. Auf die Frage, ob man mir hier dabei helfen könnte, meine Ikea Kästen zusammen zu bauen, ernte ich nur ein vielsagendes Lächeln.
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Wir schreiten weiter durch Ateliers, in denen die wundersamsten Produkte hängen. Während einige Trakte voller Leben sind, möchte man bei anderen am liebsten sofort ein Reparaturseidl köpfen, um sie wieder in Schuss zu bekommen. Mit einem Mal stehe ich vor einem furchteinflößenden Gerät, von dem ich erfahre, dass es sich um die Maschine zum Knochenschreddern aus dem Film „Der Knochenmann“ handelt. Sie ist nur eine von vielen Requisiten und Menschen, die es in die Filme, Ausstellungen oder Theater des Landes geschafft haben.
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Schließlich stehen wir in einer Keramikwerkstatt, dem Reich von Justine Wohlmuth. „Seitdem es das iPhone gibt, essen die Leute wieder bevorzugt von Keramiktellern“, erzählt sie uns über den Boom, den ihr Handwerk durch die Technik "designed in California" erfahren hat. „Die Leute fotografieren gerne ihr Essen – und ein langweiliger Teller aus dem Möbelhaus gibt da einfach keinen originellen Hintergrund ab.“ Während viele Bereiche des WUK der breiten Öffentlichkeit offen stehen, ist die Keramikwerkstatt professionellen Handwerkern vorbehalten. Es ist kein Raum für gestresste Manager, die einmal im Jahr etwas anderes unter ihren Fingern fühlen wollen, als ihre Computertastatur. Dafür kann man die zahlreich ausgestellten Werkstücke auf diversen Märkten kaufen, um sein Essen im richtigen Licht erscheinen zu lassen.
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Doch das WUK ist nicht nur ein Ort der Kunst, sondern auch der Begegnung und Erziehung. Hinter einer großen Metalltür liegen blaue Turnmatten neben an der Wand montierten Klettergerüsten. Zwei junge Burschen kommen uns entgegen gestürmt. Der eine beißt in sein Pausenbrot während er sich vergewissert, ob wir eh hier sein dürfen. Im WUK schaut man aufeinander, jeder nimmt eine Rolle in einem großen Ganzen ein, das in seiner Summe eines der bunt schlagendsten Herzen der Stadt ergibt.
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Zum Abschluss erklimmen wir den Gipfel des Gebäudes und stehen auf einer gewaltigen Terrasse am Dach der gewaltigen Anlage. Obwohl es ein grauer Wintertag ist, sieht man die Silhouette des Kahlenbergs am Horizont, während unter uns gerade der Wochenmarkt aufgebaut wird, bei dem Lebensmittel vom rollenden Bio-Laden gekauft werden können. "Das ganze soziokulturelle Zentrum WUK ist ein Freiraum, in dem man durchatmen kann. Und ein bisschen ist es auch ein gallisches Dorf", meint Astrid Exner zu mir, bevor wir uns vom eiskalten Wind in die Flucht geschlagen wieder an den langen Abstieg zum Erdboden machen.
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Ottakringer spendet für jedes gekaufte Sechsertragerl des Reparatur-Seidls einen Euro an das WUK. 200.000 Menschen besuchen das WUK jedes Jahr, um eine der vielfältigen Veranstaltungen zu besuchen, die hier unter einem großen Dach stattfinden. Rund 150 Hausgruppen, Initiativen und Einzelpersonen arbeiten in den sieben selbstverwalteten Bereichen Tanz/Theater/Performance, Musik, Bildende Kunst, Werkstätten, Gesellschaftspolitik, Kinder/Jugend und Interkulturell.
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Dieser Text konnte dank freundlicher Unterstützung von Ottakringer realisiert werden.
Eine Frau mit Kopftuch steht an der Supermarktkasse irgendwo in Wiens Peripherie. Während sie ihre Waren aufs Band legt, drängt sich eine blonde Dame vor mit den Worten “Sei froh, dass du überhaupt hier leben darfst.”
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Diese Szene habe ich gestern mit der Bildunterschrift „Wie kann so eine schöne Stadt so hässlich sein?“ auf den Wiener Alltagspoeten geposted. Was folgte, kann man wohl als Shitstorm bezeichnen. Wobei sich die Menge derer, die es gut fanden, dass auf solch grausigen Alltagsrassismus hingewiesen wird, und die Zahl der anderen, laut derer man so etwas keine Plattform geben sollte, ziemlich die Waage hielt.
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Meiner Meinung nach kann man beide Ansichten vertreten und argumentieren. Ich nehme den Applaus darüber, dass ich meine Reichweite dafür genutzt habe, um auf solche Missstände hinzuweisen genauso an wie die Kritik, dass man so etwas keine Bühne bieten sollte. Denjenigen die mir vorwerfen, so ein Spruch hätte auf den Alltagspoeten nichts zu suchen, stimme ich zu – aber so eine Aussage sollte überhaupt nirgendwo Platz haben. Dennoch finden Szenen wie diese in ähnlicher Form jeden Tag in Wien statt. Für mich stellt sich deshalb nicht die Frage, ob es meine Aufgabe als Betreiber der Wiener Alltagspoeten ist, auf Rassismus in Wien hinzuweisen. Es ist vielmehr unser aller Aufgabe über Dinge zu sprechen, die nicht in Ordnung sind. nWien ist eben nicht bloß Poesie, Schmäh und Laissez Faire, nicht nur gemütliches Philosophieren im Kaffeehaus, sondern auch furchtbarer Alltagsrassismus an der Supermarktkassa, auf der Straße, und im Beisl.
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„Wir hören Wien zu“ ist das Motto meiner Wiener Alltagspoeten, und ich wollte auch in diesem Moment nicht weghören. Schließlich gibt es in Wien Rassisten, auch wenn sie uns auf Facebook nicht ausgespielt werden. Wir schieben die Schuld für unser Leben in der Bubble gerne auf die Algorithmen sozialen Netzwerke, aber vielleicht erfüllen die Plattformen aus dem Sillicon Valley vielmehr unseren ureigenen Wunsch nach Isolation inmitten einer Schar Gleichdenkender.
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Zum jetzigen Stand wurden über 600 Kommentare unter mein Posting auf Instagram und Facebook abgegeben, dazu kamen ein paar dutzend Privatnachrichten. Es geht mir mit diesem Text nicht darum zu argumentieren, ob es nun richtig oder falsch ist, so eine Situation zu veröffentlichen – ich verstehe die Argumentationen beider Lager und beide haben Recht genauso wie sie Unrecht haben. Wir sollten ohnehin damit aufhören, unser schlechtes Gewissen dadurch ruhig zu stellen, indem wir uns in den sozialen Netzwerken lautstark echauffieren, nur um uns den ständig gleich klingenden Applaus unserer Blase abzuholen und uns trüglicherweise so zu fühlen, als hätten wir mit unserer Brandrede gegen den Rassismus/Klimawandel/Unrecht der Welt dadurch irgendetwas verbessert.
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Stattdessen wünsche ich mir, dass beim nächsten Mal, wenn wir in der Realität mit einer Situation konfrontiert sind, in der eine Minderheit, ein Älterer, Jüngerer, Schwärzerer, Asiatischerer, Weiblicherer, Männlicherer oder Schwächerer diskriminiert, attackiert oder sonst wie schlecht behandelt wird, dass wir dann, direkt vor Ort, in echt, in der Welt da draußen, genauso viele Kommentare abgeben. Dass wir die Privatnachrichten an Ort und Stelle verbal mitteilen, indem wir unser Handy weglegen und unseren Mund aufmachen. Wir alle, die wir innerhalb der virtuellen Klimaschutz/Stoffbeutel/Gleichheits-Bubble oft sehr laut sind, sind nämlich in der Realität da draußen oft sehr, sehr leise.
Tierarzt Doktor Ovidiu Roschu beugt sich über die Stute, die vor ihm auf dem Boden der endlosen Weite des rumänischen Donaudeltas liegt. Hier mitten im Nirgendwo, fernab von Straßen, Geschäften und der europäischen Zivilisation führt die Tierschutzorganisation VIER PFOTEN ein Geburtenkontrollprogramm für die Wildpferde des Donaudeltas durch. Am Horizont können wir die Bäume des über 2800 Hektar großen Letea-Waldes erspähen, einem der letzten, vom Menschen fast unberührten Naturparadiese Europas.
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Die Anreise von Wien aus dauert genauso lange wie ein Flug an die amerikanische Westküste: Nach der Landung in Bukarest kämpfen wir uns zunächst über den verstopften Autobahnring, in dem die Fahrzeuge im Kolonnenverkehr um die Hauptstadt kreisen. Anschließend geht es vier Stunden lang durch die flache Landschaft Südrumäniens, über leere Landstraßen, an denen junge Mädchen den Vorbeifahrenden in Plastiksäcke verpackte Nüsse entgegenstrecken.
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Endlich angelangt in der Hafenstadt Tulcea trennen uns nur noch wenige Kilometer bis zu unserem Ziel, doch jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, stellen diese ein letztes, unüberwindliches Hindernis dar. Wir müssen bis zum Sonnenaufgang warten, erst dann dürfen die Boote die eineinhalbstündige Überfahrt nach Letea antreten. Obwohl die Fischer problemlos auch ohne Tageslicht navigieren könnten, drohen ihnen horrende Strafen, falls sie sich in der Nacht auf den Weg machen.
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Am nächsten Morgen besteigen wir ein kleines Motorboot, das unter der Last unseres Gepäcks bedrohlich zu schaukeln beginnt. Während die Ufer des Donaudelta links und rechts an uns vorbeiziehen, rückt die Zivilisation mit jeder Minute ein Stück weiter weg. Als wir in Letea anlegen und den ersten Schritt auf den Anlegesteg des Dorfes wagen haben wir bereits vergessen, dass wir uns noch auf dieser Welt befinden. Hier gibt es keine Hotels, keine Supermärkte, keine Geschäfte, ja nicht einmal Straßen, sondern nur die endlose Weite Rumäniens und der Ukraine, die einen bloßen Steinwurf weit entfernt liegt. Dieser Teil des Landes ist nicht an das öffentliche Straßennetz angeschlossen, es oblag den Einheimischen in jahrzehntelanger Beständigkeit mit ihren gegen den Rost ankämpfenden Autos Fahrspuren in den Staub der kargen, zwischen der Donau und dem schwarzen Meer eingegrenzten Landschaft zu graben.
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Auf den ersten Blick erscheint es völlig widersinnig, hier mitten im Nirgendwo ein Geburtenkontrollprogramm für Wildpferde durchzuführen. Doch die Idylle trügt, denn die Existenz der Tiere wäre im Jahr 2011 fast beendet worden. Der Letea Wald ist ein Unesco Biosphärenschutzgebiet, was die Pferde jedoch wenig beeindruckt: sie nutzen die streng geschützte Flora und Fauna des Waldes als Futterquelle und beschädigen dadurch die wertvollste touristische Einnahmequelle der Region. Auf Anweisung der Politik begannen die Einheimischen schließlich, die Pferde zusammenzutreiben und für den Transport zum Schlachthof bereit zu machen. Im letzten Moment verhinderte VIER PFOTEN ihre Auslöschung, indem man anbot, die gefangenen Pferde zu übernehmen. Als weitere Maßnahme wurde ein Geburtenkontrollprogramm in der Region gestartet, um die Pferdepopulation im Zaum zuhalten. Außerdem wurde mit EU Geldern ein Zaun um den Letea Wald gespannt – jedoch vergaß man, die sich zu diesem Zeitpunkt im Wald aufhaltenden Pferde vorher rauszuholen.
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Wir verbringen die Nacht bei Toni, einem geschäftstüchtigen Einheimischen, der als einer der ersten im Dorf das touristische Potential seiner Heimat erkannt hat und in seinem Bauernhaus Gästezimmer anbietet. Seit diesem Jahr betreibt er zusätzlich einen kleinen Laden, in dem Gemüse aus der Region, Wasser und vom Festland hergebrachte Kartoffelchips verkauft werden. Abends sitzen die Einheimischen auf dem Holztisch vor dem Geschäft und starren auf die Besucher aus der fremden Welt. In der Unterkunft gibt es zwar Strom und gelegentlich warmes Wasser, aber kein Internet. Auf einem brandneuen Flat-Screen Bilder laufen beim Frühstück Bilder der Protestzüge in Hongkong, während wir den von Tonis Frau zubereiteten frittierten Fisch verspeisen.
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Am nächsten Morgen machen wir uns auf der Ladefläche eines schweren Trucks schließlich auf in Richtung der German Fields, die den Letea-Wald umgeben und auf denen sich die Pferde bevorzugt aufhalten. Normalerweise werden auf Fahrzeugen wie diesen Touristen durch die Gegend gekarrt, heute ist unser Team um den in Bukarest lebenden Tierarzt Ovidiu Roschu hier, um die wilden Pferde von Letea zu sterilisieren. Unterstützt wird er durch Helga Kausel, die in ihrem Beruf als Tierärztin um die ganze Welt reist. „Pferde sind die einzigen Tiere, die wir behandeln, die nicht mehr leben würden, wenn sie nicht domestiziert worden wären“, erklärt sie mit dem Verweis auf die komplizierte Physionomie von Pferden. Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass auf den Touren von Doktor Roschu verletzte Tiere behandelt werden müssen. Wer in der Wildnis unterwegs ist, weiß nie, was einen erwartet.
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Heute dauert es nicht lange, bis wir die erste Herde finden. Für die Pferde ist es ohnehin unmöglich sich zu verstecken, da es so weit das Auge reicht weder Hügel noch Bäume gibt, sondern nur dünnes Gestrüpp. Vor 30.000 Jahren trug der Boden über den wir heute fahren noch das Gewicht des Schwarzen Meeres auf sich, durch das Salzwasser wurde die Erde für die nächsten Jahrtausende unfruchtbar gemacht. Die wenigen Pflanzen haben das Aussehen violetter und rötlicher Korallen, die man hier ganz ohne Tauchschein bewundern kann, da sie offen unter der brennenden Spätsommersonne des Deltas liegen.
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Doktor Roschu hat mittlerweile sein Betäubungsgewehr geladen. Er legt an, zielt und trifft die Stute, die erschrocken davonläuft, nur um wenige Minuten später zu Boden zu gehen. Anschließend wird das Kontrazeptivum verabreicht, welches sie für das nächste Jahr unfruchtbar werden lässt, ein Opfer, das gebracht werden muss, um das Überleben ihrer Spezies zu sichern. Die Prozedur dauert fast eine Stunde, anschließend wird das Tier markiert und in einer Excel Tabelle eingetragen, bis es weitergeht. So vergehen Stunden, in denen in aufwendiger Prozedur ein Tier nach dem anderen behandelt wird. Die immer gleiche Arbeit in der sich nie ändernden Landschaft der German Fields lässt einen jedes Zeitgefühl vergessen. Zu Mittag wird kurz Pause gemacht und das von Tonis Frau vorgekochte Mittagessen, gebackener Fisch, verspeist. „Jetzt wo es warm ist haben wir kein Problem“, erklärt Doktor Roschu. „Im Winter, wenn der Wind ungebremst durch die Weite des Landes pfeift, ist es schlimm. Wir können dann oft überhaupt nur anreisen, weil von Sulina aus große Eisbrecher hierher fahren, die durch die gefrorene Donau durchkommen.“
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Irgendwann wird es aber doch Abend, und unsere rumänischen Kollegen wollen uns noch etwas Besonderes zum Abschluss zeigen. Wir klettern eine sandige, muschelbedeckte Düne hoch, die geradewegs von der Küste des schwarzen Meeres zu stammen scheint. Irgendwann, in weiteren 30.000 Jahren vielleicht, wird das Salz aus dem Boden der German Fields gewaschen sein und die ganze Ebene, endlich befreit von der Last der Unfruchtbarkeit, erblühen. Zurück in Tonis Unterkunft wird zum Abendessen Fisch serviert. Der rumänische Projektleiter hält nach dem zweiten Tuica, einem nach Spiritus riechenden rumänischen Schnaps, einen halbstündigen Monolog über die Korruptheit der Regierung und die Herzlosigkeit des modernen Fußballs. Eigentlich war eine Feier in der örtlichen „Bar“ geplant, doch die Band hat abgesagt, vielleicht war ihnen die Überfahrt ans Ende der Welt zu beschwerlich.
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Am nächsten Tag fahren wir zum letzten Mal über die staubige Hauptstraße Leteas, unter den schweigenden Blicken der Einheimischen, denen die heißen Sommer, aber vor allem die langen Winter, in denen es hier nichts gibt als unendliche Kälte, die Mundwinkel nach unten ragend eingefroren haben. Noch einmal geht es vorbei an den schilfbedeckten Häusern, bei denen jedes zweite eine vergessene Ruine zu sein scheint. Wollte man all das hier zerstören, würde man ein Yogazentrum für gestresste Großstädter eröffnen. Auf der Bootsfahrt zurück wird nicht viel gesprochen, während die Datenverbindungen unserer Handys langsam wieder anspringen und wir die ersten echten Häuser am Hafen von Tulcea erkennen, einer Kleinstadt, die uns nach drei Tagen in Letea vorkommt wie das Zentrum der Welt.
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Ich durfte für VIER PFOTEN einen Podcast über die Reise nach Letea moderieren, den ihr euch hier anhören könnt.
Vor mehr als dreitausend Jahren verdunkelte sich der Himmel über der Ägäis hinter einem undurchdringlichen Vorhang dicker Wolken. Wellen türmten hoch wie Wolkenkratzer, um anschließend mit der Wucht von dreihundert Stundenkilometern auf das pechschwarz gefärbte Meer einzustürzen. Es heißt, dass durch den Ausbruch der Vulkaninsel Thera nicht nur ein Großteil der Fläche Santorins in den Fluten versank, sodass seither nur mehr die Kreisrunde „Caldera“ an die Oberfläche ragt, sondern auch gleich die minoische und ägyptische Kultur mit in die Fluten gerissen wurde.
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Heute ist es keine Naturgewalt mehr, die Schrecken und Zerstörung bringt. Feuer und Gestein wurden von den im Minutentakt landenden Flugzeugen abgelöst, die auf dem kargen, gerade einmal fünfzehn Quadratmeter großen Felsbrocken mitten auf der ägäischen See aufschlagen. Tödlicher als jede noch so heiße Lava strömen die Menschenmassen aus den Inneren der metallenen Gefährte auf den Gipfel der Insel, der das letzte Hindernis zwischen ihnen und dem legendären Santoriner Sonnenuntergang darstellt. In Griechenland versinken die Himmelskörper zwar an jeder Ecke des Landes in malerischer Pracht, doch irgendjemand hat diesen hier als den schönsten seiner Art gekürt, weshalb sich nun allabendlich eine Völkerwanderung durch die engen Gässchen von Oia schiebt.
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Immer wieder gerät die Prozession ins Stocken, da an den wenigen vorhandenen Aussichtspunkten für Selfies posiert wird. Es bedarf einiges an Geschick seitens der Fotografen, um ihre Modelle als einsam und unbekümmert vor dem Abgrund des tief blauen Meeres sinnierend zu inszenieren, während die Kolonne hinter ihnen ungeduldig mit den Handykameras scharrt. An diesem Abend gibt es einige enttäuschte Gesichter, denn eine dicke Wolkendecke versteckt die Sonne und trübt die Erwartungen, welche die Besucher genährt aus schwedischen, japanischen und kanadischen Reiseprospekten mitgebracht hatten. Der Sonne jedenfalls ist es egal, ob sie im Meer oder unter den Wolken untergeht, ihr Schicksal ist so oder so allabendlich unausweichlich.
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Nach Einbruch der Nacht setzt die Flucht aus den Bergdörfern Oia und Fira ein, wenn Hunderte, ja im Sommer sogar Tausende, gleichzeitig vom Berg hinunter in ihre Hotels wollen. Auf der kurvigen Gebirgsstraße hupen die rostigen Autos der Einheimischen sinnlos gegen die etwas neuer aussehenden Mietwagen der Besucher an. Die riesigen Linienbusse sind bereits zur Vorsaison überfüllt, obwohl sie in mitteleuropäischer Pünktlichkeit jede halbe Stunde abfahren. Es herrscht hier kein falscher Geiz vor, die Gastgeber hätten schon längst weitere Fahrzeuge bestellt, um den jedes Jahr größer werdenden Massen Herr zu werden, doch mehr dieser tonnenschweren Reisegefährte passen nicht auf die zerfurchte Insel. Das Fassungsvermögen ist längst gesprengt, die Griechen haben aufgegeben, Ordnung in das Chaos zu bringen, so als würden sie sagen, mit uns hat das alles nichts mehr zu tun.
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Irgendwann passiert, was passieren muss: Einer der Reisebusse schert ruckartig links aus und rammt eine riesige Beule in das winzige Auto neben sich. Der Busfahrer schimpft auf den Lenker des Wagens ein, obwohl er selbst es war, der auf der engen Fahrbahn einen Augenblick lang unachtsam war. Aufgeregt strömen die Touristen aus dem Bus, um Fotos vom geschrotteten Wagen zu machen, der Unfall bringt Abwechslung zwischen den immer gleichen Klippenbildern. Dabei wäre es dieses eine Mal tatsächlich gerechtfertigt, die Linsen ihrer Handys auf sich selbst zu richten, auf sie, welche die wahre Zerstörung anrichten: Durch den Massentourismus kommt die Insel mit den Müllbergen nicht mehr zurecht, der Abfall wird nun in die ehemaligen Bimssteinbrüche gekippt, wodurch archäologische Spuren und fossile Pflanzen für immer zerstört wurden. Die Trinkwasserversorgung ist schon vor Jahren zusammengebrochen, als das Süßwasserreservoir durch die immer intensiver werdende Anzapfung beschädigt und mit Salzwasser vermischt wurde. Im Jahr 2007 versank eines der vielen die Insel ansteuernden Kreuzfahrtschiffe im Meer, es liegt bis heute ungeborgen dort.
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Unten an der Küste angekommen ist es etwas ruhiger, Familien schieben ihre Kinderwägen an den endlos nebeneinander aufgereihten Lokalen der Uferpromenade entlang. Am von der Vulkanasche für alle Ewigkeit schwarz eingefärbten Strand von Kamera wehen die Schirme über den Strandliegen. Im Zentrum der Ansiedlung steht ein Irish Pub, in dem Fußballspiele der holländischen Liga übertragen werden, während die Briten Pints und Cheeseburger bestellen.
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Santorin ist ein internationaler Erfolg, hier treffen Welten aufeinander: Die Amerikaner kommentieren lautstark, wie viel Geschichte und Kultur auf der Straße liegt, obwohl es eigentlich nur Häuser und Felsen zu sehen gibt. Die Asiaten geben sich aufgeregt angesichts der neuen Welt, sie haben schließlich das Reisen gerade erst entdeckt, und wenn nur ein paar Prozent mehr Inder in den nächsten Jahrzehnten in die Billigflieger gen Westen steigen, dann müssen die Griechen ein zweites Santorin aus dem Meer stampfen. Die Europäer dagegen stiefeln gelangweilt an den Souvenirshops vorbei, die sie schon in Mallorca leergeräumt haben, man merkt den Bewohnern der alten Welt eine tiefe Müdigkeit an, die ihrer bereits zu lang andauernden Existenz geschuldet ist.
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Was sich nicht leugnen lässt: schön ist er wirklich, der Sonnenuntergang über Santorin. Doch das ist er an unzähligen anderen Orten des Landes, ja der ganzen Welt, auch, und dort hat man ihn zumeist für sich allein. Doch vielleicht ist es so, dass wir die wahre Schönheit erst dann erkennen und wertschätzen können, wenn wir uns mit Hunderten anderen um sie streiten müssen.
Als Wiener hat man das Privileg, in der lebenswertesten Stadt der Welt zu wohnen. Das hat aber einen entscheidenden Nachteil: man wird diesen Ort niemals als Tourist besuchen können. Das Sisi Museum kennt man als Einheimischer genauso nur vom Hörensagen wie die Spanische Hofreitschule. Um einmal in den Genuss eines Wochenendes in Österreichs Hauptstadt zu kommen, gibt es demnach nur eine Möglichkeit: man muss im Hotel einchecken und Tourist spielen.
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Mit dem Linienflug „U4“ beginnt also mein Städtetrip nach Wien. Über die App der Wiener Linien ist zwar keine Sitzplatzreservierung möglich, dafür dauert die Fahrt auch nur zwölf Minuten. Bei der Landstraße steigt eine chinesische Touristen zu, die ebenso viele Stunden im Flieger verbringen musste, um nun auch endlich in der Stadt der Habsburger sein zu dürfen. Am Karlsplatz steige ich aus, in der angeschlossenen Untergrundpassage scheint das pulsierende Herz der Stadt zu schlagen. Vor wenigen Jahren noch haben sich hier die Obdachlosen an kalten Winternächten in ihre Schlafsäcken gekauert, heute holen sich die Touristen Lattes von Starbucks. Von hier ist es nur ein kurzer Fußweg ins gerade neu eröffnete und trotzdem altehrwürdigen Erzherzog Rainer Hotel. Beim Check In zeigt sich das Personal zuvorkommend und hilfsbereit, keine Spur vom Wiener Grant, vielleicht ist man als Tourist immun dagegen. In den aufliegenden Prospekte der Stadt Wien wird das Tafelsilber vermarktet: Paläste, Kirchen, Museen, offenbar gibt es in dieser Stadt nichts, das jünger ist als ein paar Jahrhunderte.
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Dem zum Trotz befindet sich gleich neben meinem Hotel, etwas versteckt zwar, ein hipper Kaffeeladen, in dem junge Menschen mit modernen Maschinen fair gehandelte Bohnen zu köstlichen Heißgetränken verarbeiten.
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Wenige hundert Meter stadteinwärts endet das Freihausviertel und der erste Bezirk rollt seine große Bühne vor mir aus wie einen roten Teppich. Ein Verwandter von Wolfgang Amadeus Mozart möchte mir Opernkarten für heute Abend verkaufen, auf Englisch, offenbar spiele ich den Touristen genauso gut wie mein Gegenüber die Rolle des großen Komponisten. Während der nächsten Meter muss ich öfters innehalten, zu verschwenderisch erscheint die Ansammlung historischer Pracht. Wien ist keine griechische Insel, die einen mit überirdischer Naturschönheit erschlägt, hier mussten erst Menschen Stein und Ziegel aufeinanderschichten, um einen Platz in der Weltgeschichte zu erlangen. Während ich in solchen Momenten normalerweise auf mein Handy schauen würde, schenke ich dem architektonischen Wunderwerk diesmal die gebührende Bewunderung. Alles sieht hier tatsächlich so aus, wie in den Prospekten des Stadtmarketings: Wo man auch hinseht steht irgendeine Kirche, ein Museum oder hat scheinbar achtlos jemand ein pompöses Gebäude hingeworfen, wenn es einen Instagram Filter mit dem Titel „Historisch“ gäbe dann wäre er hier angeschalten. Bei einem Wohnhaus bin ich mir unsicher, ob darin wirklich Menschen leben, oder ob es sich nicht doch um einen versteckten Palast handelt.
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An jeder Ecke werden Torten, Mehlspeisen und in Fett herausgebackenes Fleisch verkauft. Neben deftigem Essen scheinen die Österreicher besessen zu sein von Mozart und Kängurus. Der Stephansdom war in meiner Kindheit einmal die pompöseste Kirche der Erde, nach unzähligen Reisen in Länder, in denen es auch schöne Kirchen gibt, kann ich das Ganze heute besser in Perspektive setzen. Ich biege einmal rechts ab und dann wieder links, plötzlich sind die Touristenmassen weg und ich verirre mich in den engen Gässchen, es ist fast zu schön um wahr zu sein.
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An meinem ersten Abend in Wien sitze ich mit einer Flasche Wein im Museumsquartier. Aufgrund der lauen Temperaturen könnte man meinen, an einer römischen Piazza zu sitzen, die Stimmung ist jung, ausgelassen und laut. Nur wenige Meter weiter in einer Seitenstraße treibt ein verzweifelter Wirt seine Gäste um Punkt dreiundzwanzig Uhr aus dem Gastgarten, weil die Nachbarn sonst wegen Lärmbelästigung die Polizei rufen.
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Tag zwei
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Unter den strengen Blicken des Erzherzog Rainer schupft das Personal im Hotel die Frühschicht, während der zur Stoßzeit über hundert Gäste gleichzeitig verköstigt werden wollen. Eine asiatische Touristin schichtet einen Turm aus Speck auf ihren Teller, neben den sie vorsichtig noch ein paar Würstchen platziert, auch in Fernost hat man mittlerweile die Fleischeslust entdeckt. Ich komme mit dem Kellner ins Gespräch, obwohl es an nichts fehlt meint er, das Service könnte noch besser sein. „Ausreichend“ ist offenbar das höchste aller Urteile, zu dem der Wiener fähig ist. Perfektion existiert nicht, und man strebt auch nicht nach ihr, denn das wäre viel zu anstrengend.
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Mit der Ubahn geht es auf die Mariahilfer Straße, auf der ein Deja-Vu wartet, denn man könnte auch auf einer Einkaufsstraße in Dublin stehen. Ab und zu fährt ein Auto im Schritttempo vorbei, deren Fahrer unsicher zu sein scheint, ob man hier durchfahren darf oder nicht. In einer Querstraße findet an diesem Tag das Neubaugassenfest statt. Im Angebot stehen orientalische Stickware, organische Lebensmittel und Handyhüllen. Eine Band aus Wien singt auf einer kleinen Bühne französische Lieder. Bratenduft steigt von einem dutzend Hühnern auf, die sich langsam in dem Ofen einer Fleischerei drehen. Vor ihr sitzt eine Gruppe von Männern an einem mit leeren Bierdosen beladenen Tisch, während nur zwei Meter daneben eine junge Dame einen Fruchtsmoothie bestellt. In Wien liegen die Welten nahe beieinander, auch wenn sie sich gegenseitig kaum berühren.
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Es gibt von allem ein bisschen etwas, man befindet sich auf einer ständigen Gratwanderung: Ist Wien nun cool, weil es den siebten Bezirk gibt, oder doch altbacken, weil die Straßen auch in Neubau am Sonntag leergefegt sind? Unberührt von dieser Frage kippt der Koch am indischen Stand ein paar Meter weiter gerade einen großen Sack Tiefkühlgemüse in einen gewaltigen Wok, dazu rührt er einen halben Liter Clever Tomatensauce aus dem Tetra-Pak. Es dauert nur wenige Sekunden, bis das gefrorene Gemüse sich mit dem heißen Rest des Essens vermischt hat, sodass man schon bald keinen Unterschied in dessen Herkunft ausmachen kann und alles zu einem großen Ganzen wird, so als ob der Inder eine Metapher auf die Stadt selbst singen möchte.
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Um das Tiefkühlcurry zu verdauen braucht es eine Melange im traditionsreichen Café Jelinek, das an diesem herbstlichen Frühlingstag im Mai noch einmal den Kachelofen angeworfen hat. Menschen lesen Zeitungen und schreiben Bücher, am Nebentisch sitzt eine Familie aus Deutschland, die ihre in Wien studierende Tochter besucht. Der Vater redet über Jesus und darüber, dass er ihm den Weg weist und er nicht versteht, warum nicht die ganze Welt dem Ruf der Apostel folgt. Seine Tochter schreit ihn an, es funktioniere doch nicht einmal im Kleinen, in ihrer eigenen Familie, dass man sich versteht und zusammenhält, wie solle das dann auf einer weltweiten Bühne hinhauen? Sie stürmt auf und läuft aus dem Kaffeehaus, der Kellner nimmt es mit stoischer Ruhe hin und serviert dem zurückgelassenen Vater zum Trost eine Portion Apfelstrudel.
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„Ich hab auch schon den König von Thailand bedient – aber eins sag ich Ihnen, der hat auch nur zwei Hände und zwei Füße wie jeder andere“, erklärt Wolfgang Stöger, Kellnerlegende aus der Schule des Hotel Bristol. Mittlerweile serviert er Schnitzel in der Wiener Wirtschaft, doch für ihn ist es egal, wo er arbeitet, und wem er geklopftes Fleisch serviert, den Wiener Schmäh kann man nicht abdrehen. Nach dem Abendessen geht es auf den Gürtel, wo der hippere Teil der Wiener Jugend im Chelsea zu Indie-Klassikern tanzt, die zwar nicht mehr ganz aktuell sind, doch was sind schon ein zwei Jahrzehnte in einer Stadt wie Wien? Das denken sich auch die anwesenden Herren, die den Damen altersmäßig weit überlegen sind. Irgendwann sind alle betrunken von den Wieselburgern aus der Flasche, und man grölt zu „Wonderwall“ mit. Die Nachtubahn bringt mich nachhause, neben mir knutscht ein junger Bub mit einem Mädchen. Plötzlich steht er auf, rennt zum Ausgang und dreht sich einmal noch kurz um, „schön wars mit dir“, ruft er der Zurückgelassenen zu, bevor er in der Wiener Nacht verschwunden ist, während das zurückgelassene Mädchen zu weinen beginnt.
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Wien ist Liebe auf den ersten Blick, und dann wieder auf den dritten oder vierten. Es ist garstig und unwirsch, warmherzig und voller Schmäh, angeberisch schön und sträflich vernachlässigt. Es ist in einem endlosen Moment die imposanteste Stadt der Welt, nur um ein paar Augenblicke später wieder in der eigenen Melancholie unterzugehen.
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Vielen Dank an das Erzherzog Rainer Hotel für die Einladung, durch welche diese Geschichte zustande kam!
“Des is aber wenig Trinkgeld für so an Haufen Klumpat”, kommentiert der Mann an der Garderobe die gerade erhaltene „freie Spende“ eines Besuchers. Missmutig und nach einem nur ihm verständlichen System verteilt er den vor sich liegenden Kleiderhaufen auf die Kleiderhaken hinter sich. Eilig legt der Besitzer der Jacken noch zwei Euro nach, was seinem Gegenüber ein zufriedenes Grummeln entlockt – der Kapitalismus hat die Anarchie der Arena in die Flucht geschlagen. Auch sonst hat sich viel getan in den letzten Jahrzehnten: die ehemals schäbige Halle wurde umgebaut, im Hof werden neben Käsekrainern mittlerweile auch Crepes serviert. Die in früheren Tagen vorm Eingang herumlungernden Punks, die ihre Dosenbiere lieber von der nahen Tankstelle statt aus der Arena geholt haben, sind verschwunden.
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In einer Zeit, in der jeder Künstler ist und Menschen auf Instagram zu Berühmtheiten werden, ohne irgendetwas besonders gut zu können, darf auch ein tatsächlicher Star einmal etwas tun, was man ihm eigentlich nicht zutrauen würde.
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Wer sich vor der Show noch einen Drink genehmigen möchte, tut das im anliegenden Arena-Beisl, in dem auch schon lange keine Revolutionen mehr geplant, sondern gemütlich zusammen gesessen und Craft Beer getrunken wird. Viel Umsatz macht die Bar an diesem Abend aber nicht, denn David Duchovny spielt nebenan in der ausverkauften Halle auf der Gitarre – wobei er sich an diesem Abend ganz dem Singen widmet und die Instrumente jenen überlässt, die mehr Erfahrung damit haben. Man muss schon zwei Mal hinhören um es zu glauben, doch der Schauspieler legt tatsächlich im mittleren Alter noch eine Gesangskarriere nach. In einer Zeit, in der jeder ein Künstler ist und Menschen auf Instagram zu Berühmtheiten werden, ohne irgendetwas besonders gut zu können, darf auch ein tatsächlicher Star einmal etwas tun, was man ihm eigentlich nicht zutrauen würde.
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Es ist diese Verletzbarkeit, die Duchovnys Ausstrahlung ausmacht, sein gesenkter Blick, der stets über den Rand des Abgrundes zu schielen scheint, wie um zu sagen, dass alles wirklich schlimm, aber am Ende doch nebensächlich ist.
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„Mein Stiefgroßvater war Wiener, er hat Bücher wie „Der alte Mann und das Meer“ ins Jiddische übersetzt“, erzählt er dem Publikum an diesem kalten Wiener Spätwinterabend, fünfundzwanzig Jahre nachdem er als Agent Mulder in Hollywood nach Außerirdischen gesucht hat. Während seine Rolle als Agent Mulder eigentlich schon als Lebenswerk gereicht hätte, machte er sich fünfzehn Jahre später mit „Californication“ vom Helden der Jugend zum Vorbild einer ganzen Generation verlorener Tagträumer. Als gleichzeitig gefeierter wie gescheiterter Schriftsteller durchstreift er ziellos Los Angeles auf der Suche nach sich selbst, der Inspiration für einen neuen Roman, oder zumindest jemandem, der ihm einen Drink serviert. In "Californication" tut er das, was er am besten kann: er spielt sich selbst, und das ist auch die Agenda für den heutigen Abend. Er weiß um die Verehrung, die ihm entgegenschlägt, ganz egal wo er steht und was er tut. Gleichzeitig hielten ihn Depression, Alkohol- und Sexsucht stets auf dem Boden der Realität. Es ist diese Verletzbarkeit, die seine Ausstrahlung ausmacht, sein gesenkter Blick, der stets über den Rand des Abgrundes zu schielen scheint, wie um zu sagen, dass alles wirklich schlimm, aber am Ende doch nebensächlich ist. Duchovny schafft es, gleichzeitig Frauenheld, lustloser Taugenichts und der Typ von nebenan zu sein, mit dem man gerne ein Bier trinken und eine Nacht lang über Charles Bukowski reden würde.
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Irgendwie warten alle darauf, dass der Hauptact David Duchovny auf die Bühne kommt, obwohl der Musiker David Duchovny ja schon seit einer Stunde spielt.
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Das Geschlechterverhältnis im Publikum ist ausgewogen: die Frauen wollen mit ihm schlafen, und ihre ebenfalls anwesenden Männer hätten nichts dagegen, weil sie ihn selbst viel zu toll finden. Auf den Stufen neben dem Tontechniker steht ein junges Paar, sie sind extra aus der Steiermark für das Gastspiel angereist. Sie flüstert ihm ins Ohr, dass es das beste Konzert sei, auf dem sie je war, um gleich danach wieder lauthals mitzusingen. Ihre Textsicherheit sticht heraus, ein Teil der Anwesenden hat Duchovnys Lieder auf der Herfahrt mit der Ubahn wohl schnell zum ersten Mal auf Spotify gestreamt. Man ist primär wegen Agent Mulder und Hank Moody gekommen, der Musiker David Duchovny ist noch nicht allen bekannt. So scrollt ein junger Mann auf seinem Smartphone über die Wikipedia-Seite Duchovnys, offenbar ist er nicht sicher, ob es wirklich der große Schauspielstar ist, der da vor ihm auf der Bühne steht. Die Frau neben ihm tippt eine SMS in ihr Handy mit dem Text: „Bin grad in der Arena beim Akte X Typen“. Irgendwie warten alle darauf, dass der Hauptact David Duchovny auf die Bühne kommt, obwohl der Musiker David Duchovny ja schon seit einer Stunde spielt. Immer wieder riecht es nach halbverdauter Wurst, einer der Herren im Umkreis hat wohl zu gierig beim Käsekrainer Buffet zugeschlagen.
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Während der Schauspieler David Duchovny bedeutungsvolle Worte nachsprechen kann wie kaum ein anderer, fällt ihm das Singen dieser Zeilen etwas schwerer, was aber weder ihn noch irgendjemanden sonst im Publikum stört.
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Nach den ersten Liedern sind wir alle angekommen, jeder hat ein Foto seines Helden gemacht, das Lichtermeer der Smartphones ist erloschen und endlich dürfen wir selbst zuhören. Duchovny stimmt „Heroes“ an und kommentiert anschließend, dass er dieses Lied gerne selbst geschrieben hätte. Er weiß, dass er kein David Bowie ist, selbst wenn er ihn in T-Shirt und Jeans ausgezeichnet interpretieren kann, so wie einst das von Selbstzweifeln geplagte schriftstellerische One-Hit-Wonder Hank Moody. Er singt von der Liebe, dem Scheitern und darüber, dass es keine ersten Male mehr im Leben gibt, sobald man älter wird, und so viel erfahren hat wie er. Während der Schauspieler David Duchovny bedeutungsvolle Worte nachsprechen kann wie kaum ein anderer, fällt ihm das Singen dieser etwas schwerer, was aber weder ihn noch irgendjemanden sonst im Publikum stört. Es ist eine sympathische Atmosphäre, die weniger ein Konzert zu sein scheint, sondern mehr ein Meet and Greet ist, bei dem alle auf ihre Kosten kommen, und bei dem anschließend noch schnell ein paar Lieder zusammen gesungen werden.
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Alles wird gut
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nDer Mann von der Garderobe steht mittlerweile neben der Bar und trinkt ein Bier, während er zum Takt der Musik mitwippt. Duchovny wird am nächsten Tag auf Instagram posten, dass Wien eine seiner Lieblingsshows überhaupt war. Und für uns ist klar, dass David Duchovny immer ein Held sein wird, ganz egal, in welcher Rolle er das nächste Mal erscheinen wird.
An einem Freitagmorgen steht am Fuße eines riesigen Flugzeuges ein winzig aussehender Mann. In wenigen Minuten wird er in den Himmel aufsteigen, um ans andere Ende der Welt zu fliegen. Dort wohnt seine Schwester, die sich soeben einen neuen Hund angeschafft hat, den sie ihrem Bruder vorstellen möchte. Er wird sich kaum achtundvierzig Stunden an seiner Wochenenddestination aufhalten, um anschließend fast genauso lange 10.000 Kilometer über dem Boden schwebend die Rückreise in seine Heimat anzutreten. Falls die drei dazu notwendigen Linienflüge keine Verspätungen haben, wird der Mann bereits am Montag wieder zurück im heimatlichen Büro sitzen. Die Welt weiß von seinem Ausflug, weil er in einem sozialen Netzwerk darüber berichtet, wenn auch nicht sehr ausführlich, denn sein Kurztrip ist ihm nur wenige Zeilen wert. Er reist viel, ein Flug über zehn Zeitzonen hinweg ist für ihn kaum erwähnenswerter, als die morgendliche Fahrt nach Wien für einen Pendler aus Niederösterreich.
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Es heißt, unsere Generation hält die letzte Chance in ihren Händen, den Planeten zu retten. Diese ungeheure Verantwortung stürzt uns in einen tiefen inneren Konflikt, in Rahmen dessen sich zwei einander bis aufs Blut verfeindete Mächte gegenüber stehen: Unser persönlicher Hedonismus kämpft gegen das Überleben der eigenen Spezies.
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Eine Frau kommentiert sein Posting damit, dass er wohl keine Flugangst haben könne, ansonsten würde er sich das nicht antun. Ungefragt erhält er Tipps zum besten Cafe Latte der Stadt, wo man gut brunchen kann sowie Vorschläge für Tagesausflüge fürs nächste Mal, wenn er mehr Zeit hat. Niemand erwähnt CO2, die Ozonschicht oder den Klimawandel. Wir sind zwar dazu bereit, von Fachleuten verfasste Artikel, Kommentare und Studien zu dem Thema zu teilen – auf unser persönliches Leben aber wollen wir das Ganze nicht umlegen. Es ist wie bei der schweren Krankheit eines Familienmitgliedes: Der Tod übersteigt unser Fassungsvermögen, weshalb wir nicht über ihn reden. In seiner Nähe verwandeln wir uns zurück in ein kleines Kind, das sich im Angesicht der Bedrohung die Hände vor die Augen wirft, um die Welt ungeschehen zu machen.
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Beinahe fühlt es sich an, als würden wir die Welt tatsächlich retten, indem wir eine Aluminium Dose in der richtigen Tonne entsorgen, obwohl wir sie dadurch in Wahrheit ja nur ein klein bisschen weniger kaputt machen.
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Es heißt, dass unsere Generation die letzte Chance in ihren Händen hält, den Planeten zu retten. Diese ungeheure Verantwortung stürzt uns in einen tiefen inneren Konflikt, in Rahmen dessen sich zwei einander bis aufs Blut verfeindete Mächte gegenüber stehen: Unser persönlicher Hedonismus kämpft gegen das Überleben der eigenen Spezies. Fast scheint es so zu sein, dass die Schlacht schon entschieden ist, dass ihr Sieger uns aber großzügig im Rahmen kleinerer Nebenscharmützel die Illusion lässt, wir könnten das Ruder noch herumreißen. Deshalb schleppen wir Stofftaschen in den Supermarkt, kaufen Rindfleisch aus biologischer Produktion und verwenden beim Geschirrspüler das dreistündige Ökoprogramm. Beinahe fühlt es sich an, als würden wir die Welt tatsächlich retten, indem wir eine Aluminium Dose in der richtigen Tonne entsorgen, obwohl wir sie dadurch in Wahrheit ja nur ein klein bisschen weniger kaputt machen.
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Begeistert teilten wir vor einigen Monaten die aufwendig produzierten Videos über einen holländischen Teenager, der eine Maschine entworfen hatte, mit der das Plastik aus den Weltmeeren gefiltert wird. Die Maschine ist mittlerweile tatsächlich gebaut worden, doch das Plastik schwimmt einfach unter ihr hindurch.
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Es ist wie mit allen Problemen, die derart breitgetreten werden: Obwohl ständig darüber geredet wird, nehmen wir das Thema gar nicht mehr wahr, so wie die Bewohner Schwechats vielleicht irgendwann den sie alltäglich einhüllenden Geruch der Raffinerie ausblenden. Ständig predigt jemand, es sei fünf vor Zwölf, dass man jetzt handeln müsse oder es sei zu spät. Aber sollte in Wahrheit nicht ohnehin schon alles vorbei sein? Hat das Klagen nicht schon vor zehn Jahren begonnen, hieß es nicht damals bereits, man hätte nur mehr wenig Zeit? Fast wünscht man sich, dass endlich Gewissheit herrscht, dass sich irgendjemand hinstellt und uns erlöst mit dem finalen Urteil „Jawohl, heute ist der Tag, an dem es zu spät ist, ganz egal, was wir von nun an tun.“ Der nahende Tod verbreitet schließlich mehr Schrecken als der tatsächliche, genauso wie es schlimmer ist, schwaches Wlan zu haben, als gar keines.
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Wenn die Kohlekraftwerke runtergefahren werden, muss wieder mehr Atomenergie aus den Steckdosen kommen, denn so viele Windräder können im Burgenland gar nicht aufgestellt werden, dass sich das ausgeht.
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Im Radio diskutieren ein paar Studenten über die Problematik des Themas. Alles sei immer so negativ, meint ein junger Herr, stattdessen sollte lieber mit positiver Motivation gearbeitet werden. Es wird doch ohnehin schon viel getan, und die Erderwärmung hat schließlich auch gute Seiten, zumindest für den Einzelnen. So herrschen in Österreich plötzlich nicht mehr acht Monate Winter, sondern nur noch sechs. Weiße Weihnachten kennt man in Wien zwar nur noch aus den Tiroler Schneekanonen vom letzten Skiurlaub, aber Schnee hat in der Großstadt sowieso noch nie jemand gebraucht – auch wenn Frau Holle den Kampf gegen die Gletscherschmelze zumindest in diesem Jahr gewonnen zu haben scheint. Außerdem gibt es noch eine letzte Hoffnung, und für die müssten wir uns praktischerweise nicht einmal einschränken: Der technologische Fortschritt, der uns ja erst in diese Misere gebracht hat, soll das reparieren, was er selbst zerstört hat. Begeistert teilten wir vor einigen Monaten die aufwendig produzierten Videos über einen holländischen Teenager, der eine Maschine entworfen haben soll, mit der das Plastik aus den Weltmeeren gefiltert werden kann. Die Maschine ist mittlerweile tatsächlich gebaut worden, doch man hört wenig von ihr, denn das Plastik schwimmt einfach unter der Maschine hindurch. Ein gnädiger Facebook-Algorithmus verbirgt das Scheitern vor unseren hoffnungsvollen Augen. Die sind ohnehin schon weitergewandert, denn bald soll es Staubsauger geben, die das CO2 aus der Atmosphäre saugen – und die wurden zumindest von Erwachsenen erfunden.
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Wie kaum ein anderes Thema schafft es der Klimawandel, Betroffenheit auszulösen, trotzdem sind wir alle diesen Winter in Thailand. Man möchte die Welt schließlich noch ein letztes Mal sehen, bevor es sie nicht mehr gibt.
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Wir sind uns alle einig, dass etwas getan werden muss – nur selbst möchten wir nichts dazu beitragen. Auch von dem eigenen Bekanntenkreis erwarten wir keine Stornierung des wohlverdienten Karibikurlaubes. In der Verantwortung steht im Zweifelsfall sowieso die Politik, denn die hat immer an allem schuld. Wenn einfach alle Kohlekraftwerke abgedreht werden würden, dann fielen die paar Millionen Urlaubsflüge im Jahr gar nicht mehr ins Gewicht. Doch die Politik ist kein abstraktes, überirdisches Wesen, sondern ein menschliches aus Fleisch und Blut, das selbst wenn es ein Interesse an dem Thema zeigt vor dem Dilemma steht, nicht alles haben zu können: Wenn die Kohlekraftwerke runtergefahren werden, muss wieder mehr Atomenergie aus den Steckdosen kommen, denn so viele Windräder können im Burgenland gar nicht aufgestellt werden, dass sich das ausgeht – und selbst wenn, würden die Anrainer gegen die Verschandelung der pannonischen Tiefebene protestieren. Zumindest für eines ist der Klimawandel gut: Er schweißt die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in einer kollektiven Schuld zusammen. Es sind nicht mehr nur die naiven Rechten oder die radikalen Linken verantwortlich – wobei eine Fahrt von Simmering nach Bibione kürzer dauert als ein Flug von Mariahilf nach Vietnam.
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In der Mittagspause wird darüber gesprochen, wohin die nächste Reise gehen soll. Chile sei aufregend, genauso wie Südafrika, man hat zwar nur mehr zwei Wochen Urlaub, aber die Flüge sind gerade so günstig. Man könnte natürlich auch im Waldviertel überwintern, wo der Railjet ohne Jetlag hinfährt, aber dort ist es einfach zu kalt. Solange die ÖBB einen nicht in die Tropen bringt, muss also doch wieder beim Billigflieger gebucht werden. Wie kaum ein anderes Thema schafft es der Klimawandel, Betroffenheit auszulösen, trotzdem sind wir alle diesen Winter in Thailand. Man möchte die Welt schließlich noch ein letztes Mal sehen, bevor es sie nicht mehr gibt.
Das alte Jahr liegt auch hier, an der Peripherie Wiens, in seinen letzten Atemzügen, genauso wie man selbst, während man keuchend der abfahrbereiten Ubahn hinterher läuft. In letzter Sekunde schafft man es hineinzuspringen, bevor sich die Türen für immer schließen. Gleich darauf würde zwar der nächste Zug in Richtung Zentrum einfahren, doch das zählt genauso wenig wie die Tatsache, dass nach dem Ende eines alten Jahres immer auch ein neues beginnt. So muss in den letzten zwei verbleibenden Stunden alles erledigt, alles wiedergutgemacht, und alles erlebt werden, wozu ein ganzes Jahr lang keine Gelegenheit war.
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Am Ziel angekommen macht sich endgültig Unruhe breit. Die Stimmung ist lauwarm anstatt, waaait for it: legendary! wie es in den Sitcoms vorgeschrieben wird, deren Drehbücher wir nachleben.
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Einem jungen Mann war dieser Druck zu viel, er sitzt über seinem eigenen Erbrochenen, stützt das Gesicht in die Hände und verschließt die Augen vor dem, was er da angerichtet hat, vielleicht auch vor dem, was noch kommt. Um ihn herum weichen die Leute zurück, weggetrieben vom unsichtbaren Geruch der ausgestoßenen Exkremente. Von einzelnen früh Gefallenen wie ihm abgesehen ist die Stimmung ausgelassen im Inneren des Wagons, für die meisten besteht noch Hoffnung. Alle dreihundertfünfundsechzig Tage beschließen auch die Wiener, ihre Geziertheit fallen zu lassen und sich auf die Suche nach der einen Silvesternacht zu machen, die sie ewig nicht vergessen werden. Partyhüte sind aufgesetzt, billiger Sekt wird direkt aus der Flasche getrunken, die Fahrt ist kurz und die Getränke bereits lauwarm. Wie auf ein stilles Kommando hin entleert sich der Zug im Herzen der für einmal pulsierenden Stadt. Alles um einen herum ist in aufgeregter Bewegung, jeder hat ein Ziel, an das er schnellstmöglich gelangen muss, bevor die Uhr abläuft. Man selbst eilt schnellen Schrittes zur Wohnung eines Freundes, der ständigen Verführung anderer Feiernder trotzend, die selbstbewusst zu wissen scheinen, wo die endgültige Party des Jahres steigt. Zweifel machen sich breit, ob die eigene Wahl die richtige war. Am Ziel angekommen bestätigt sich die dunke Vorahnung: Die Stimmung ist lauwarm anstatt, waaait for it: legendary! wie es in den Sitcoms vorgeschrieben wird, deren Drehbücher wir nachleben. Angekommen bei der Feier sind die anwesenden Freunde bereits alt geworden in den letzten Silvestern, auch wenn sie sich entschlossen an den Ottakringer Dosen ihrer Jugend festhalten. Einer erzählt von seinen Kindern, erschrocken dreht man sich weg, als er tatsächlich sein Handy herausholt, um Fotos vom Nachwuchs in die milde lächelnde Runde zu halten. Zum Glück läutet in diesem Moment das eigene Telefon, die Rettung wartet in Form einer mysteriösen unbekannten Nummer, es ist die letzte ungeplante Variable des digitalen Lebens. Am Ende der Leitung fragt jemand, wo man bleibt, doch wer ist da eigentlich dran? Im Hintergrund hört es sich aufregend an, zumindest besser als im hier und jetzt.
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Das neue Ziel ist ein Lokal am Gürtel, man kennt es gut von vielen beliebigen samstäglichen Nächten, doch heute ist Montag und Silvester, alles ist anders, alles wird besser.n
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Man verabschiedet sich mit einer schnellen Ausrede und springt in ein Taxi. Der Fahrer kommt aus Afrika, er ist gelassen, vielleicht weil er kein Wiener ist, vielleicht aber auch, weil er arbeiten muss und dadurch keine Chance hat, etwas zu erleben oder zu verpassen. Geduldig fährt er dem Ruf der Telefonstimme nach, das Ziel ist ein Lokal am Gürtel. Man kennt es gut von beliebigen samstäglichen Nächten, doch heute ist Montag und Silvester, alles ist anders, alles wird besser. Immer noch weiß man nicht, wer einen angerufen und herbestellt hat, man sitzt alleine an der Bar und kann weder vor noch zurück, denn dafür reicht die Zeit nicht aus. Zumindest bei den anwesenden Fremden passt der Alkoholisierungsgrad, die Männer grölen und die Frauen jubeln, es ist dieser Moment in einer Nacht, in dem viele Menschen den richtigen Pegel erreicht und sich an einem Ort versammelt haben, um irgendwann miteinander zu schlafen, zu feiern, oder zumindest zu trinken. Man findet keinen Anschluss und hat zu allem Übel selbst aufs Trinken vergessen, weshalb man jetzt schnell versucht aufzuholen. Nach dem vierten Wodka fangen alle plötzlich an zu schreien und von zehn herunter zu zählen, man braucht tatsächlich einen Moment bis man realisiert, dass einem nur noch wenige Sekunden übrig bleiben.
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Gemeinsam mit den anderen läuft man auf die Straße, wo der Himmel über einem explodiert in allen Farben der Welt, es ist, als würde Krieg herrschen, und gleichzeitig der neue Tag anbrechen.
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Aus den Lokalen strömen unbekannte Menschen auf die Straße, wo der Himmel über einem in allen Farben der Welt explodiert, es ist, als würde Krieg herrschen, und gleichzeitig der nächste Tag anbrechen. Das Atmen fällt schwer, die Feinstaubbelastung ist derart hoch, dass es gar keinen Sinn mehr macht, nicht zu rauchen, es wird Tage dauern, bis die Luft sich von diesem Kater erholt hat, doch auch die Erde muss für diese eine besondere Nacht ihr Opfer bringen. Ein junges Mädchen weint, während sie sich an einer Zigarette festklammert, mit der anderen Hand telefoniert sie mit ihrem Freund, der gerade mit ihr schlussmacht, es ist ein Kalender überschreitendes Beziehungsende, sie trägt das erste gebrochene Herz des neuen Jahres. Auf einem Balkon über der Erde tanzt ein neu geformtes Paar den Donauwalzer zu abgehackten Tönen aus dem Lautsprecher eines alten, aus Afghanistan geflüchteten Mobiltelefons, während ein paar hundert Meter entfernt im Wiener AKH ein Neujahrsbaby geboren wird. Unzählige Schicksale entfalten sich rings um einen, man selbst steht mittendrin und ist dennoch unsichtbar.
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Ein ganzes langes Jahr liegt vor uns, so viel Zeit etwas zu erleben, es kümmert uns wenig, dass wir nun von jeglicher Dringlichkeit befreit wieder in die alte Behäbigkeit zurückfallen werden.
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Ein Mädchen steht alleine auf der verlassenen Straße, sie hält eine langsam verglühende Sprühkerze in beiden Händen. Das Feuer liegt in den letzten Zügen, das Pulver Wiens ist verschossen und Erleichterung macht sich breit bei den Feiernden, eine unendlich schwere Last fällt ab, denn das neue Jahr ist endlich angebrochen. Alle Fehler der Vergangenheit sind verziehen, in diesem Moment kümmert es uns wenig, dass wir nun von jeglicher Dringlichkeit befreit wieder in die alte Behäbigkeit zurückfallen werden. Leben kann man schließlich auch später noch, es ist noch so viel Zeit, zumindest bis zum nächsten Silvester, wenn wieder ein Jahr vorüber geht.
Das Erste, was einem auffällt, ist die Stille. Wer aus dem weihnachtlich-wahnsinnig gewordenen Wien ins besinnliche Waldviertel flieht, der kann sich selbst zum ersten Mal seit Wochen wieder beim Atmen zuhören. Normalerweise legt dieser Landstrich erst im Hochsommer seinen großen Auftritt hin: Wenn Wien unter einer Jahr für Jahr anwachsende Zahl von Hitzetagen brennt, dienen die kühlen Nächte der Region als offizieller Werbeslogan. Zwei Monate lang ist das Waldviertel Fluchtdestination für schweißgebadete Großstädter. Anfang September, wenn die Tage kürzer werden und die Nächte langsam wieder endlos, versinkt dieser Flecken Niederösterreichs in einen zehnnmonatigen Winterschlaf und verschwindet von der Landkarte. Denn wer im Winter, wenn das Wetter auch in Wien grauenhaft kalt, grau und nass ist, einen Aufenthalt in Zwettl plant, muss scheinbar eine gehörige Portion Wahnsinn mitbringen. Doch auch wenn die Hauptstadt der Region seit 1929, lange bevor das Wort Klimawandel existierte, mit -36,6 Grad Celsius den offiziellen Rekord für die niedrigste, jemals in Österreich gemessene Temperatur hält, herrscht hier eine ehrlichere Kälte als in Wien: Während sie einem in Wien, aufgepeitscht durch Wind und Feuchte, in alle Knochen fährt, hält sie hier oben im scheinbar letzten Winkel des Landes Respektabstand. Genau wie die Bewohner dieser ziellos weitläufigen Landschaft ist sie zwar anwesend, scheint einen jedoch kaum zu berühren. Wie die zumindest vereinzelten Wiener Kennzeichen vor der Oase des Hotel Schwarzalm beweisen, ist es also nicht nur die Kühle des Sommers, welche die Wiener hierherlockt, auch im Winter fliehen die Großstädter hierher – obwohl einige von ihnen den himmlischen Spabereich nur für einen Besuch beim üppigen Frühstücksbuffet verlassen. Wenn vielleicht auch kein Sehnsuchtsort, so ist das Waldviertel für die Wiener doch zumindest ein Rückzugsplatz, an dem man sich vor der Welt verstecken kann.
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Zwettl stellt mit seinen 10.000 Einwohnern das Zentrum der Region dar. Ein Spaziergang durch die verschneiten Straßen der Stadt zeigt schnell, dass sie genauso unprätentiös daherkommt, wie das Waldviertel als Ganzes. Während sich in Wien jede Balustrade unter unnötigem Prunk und Verzierungen beugt, wird hier einfach nur Ziegel auf Ziegel geschlichtet. Einzelne Schmuckstücke wie die Dreifaltigkeitsstatue oder der Hundertwasserbrunnen wirken fast fehl am Platz, sogar der Eingang zur Stadtkirche versteckt sich hinter einem Durchgang.
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„Adolf“, ruft eine ältere Dame ihrem Mann nach, der ihr auf der schneenassen Straße enteilt – nein, dies ist keine erfundene „Spiegel“ Reportage. Neugierig folgt man den beiden ins Innere der Konditorei Schön, wo die Zeitreise weitergeht, zumindest was die Einrichtung betrifft, die seit der Eröffnung nicht ausgewechselt worden sein kann. Ein älterer Herr debattiert mit der Kellnerin übers Wetter und darüber, dass sich dieses Jahr weiße Weihnachten ausgehen könnte, während es draußen die Stadt einschneit. Ein anderer Gast erklärt der Frau am Nachbartisch, dass er hier nur Illustrierte liest, weil die großen Zeitungen nicht auf die schmalen Tische passen.
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Ohne Adolf zieht man weiter ins Beisl nebenan, wo sich die Stimmung deutlich ausgelassener zeigt, die ganze Stadt scheint hier versammelt zu sein, um das erste Skirennen der Saison zu verfolgen. Es riecht so, als wären fünfzig offene Bierfässer im Raum aufgestellt, man fragt sich, ob man irrtümlich in die Zwettler Brauerei abgebogen ist. Um 11.48 heulen plötzlich wie aus dem Nichts die Stadtsirenen auf, was jedoch keiner der Gäste zu registrieren scheint. Wer in Niederösterreich aufgewachsen ist weiß, dass gerade kein Atomkraftwerk in die Luft geflogen ist, sondern es sich nur um den allwöchentlichen Funktionalitätstest der Lautsprecher handelt. Auch wenn im scheinbar hintersten Winkel des Landes jegliche Katastrophe fern zu sein scheint, ist die tschechische Grenze doch nicht weit.
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Viel größer dagegen ist die Distanz zur Heimat der Besitzerin des Smile Chinarestaurants am Stadtrand: Vor fünf Jahren folgte sie ihrem Mann und zog aus dem Süden des Reiches der Mitte ins Waldviertel, was ein ähnlicher Kulturschock sein muss, wie wenn man seinen Wohnsitz vom Mars auf die Erde verlegt. Dennoch scheint sie sich bereits bestens integriert zu haben: Sie schwärmt von der Ruhe, die man hier hat und der wunderschönen Natur, alleine diese Aussagen werden ihr hoffentlich die Rot-Weiß-Rot Card sichern. Nur die Winter seien schon hart, fügt sie hinzu. Ein Einheimischer habe ihr bei der Ankunft gesagt, dass es im Waldviertel nur zwei Temperaturen gäbe: kalt, oder sehr kalt.
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Zur Abendstunde steht ein Besuch der Brauerei an, dem inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt. Eine überraschend große Gruppe versammelt sich im Shop der Anlage, die Dame begrüßt die Anwesenden. Ob sie selbst jedes Mal alle Biere verkosten würde, fragt einer der jungen Männer, was mit lautem Gelächter quittiert wird, auch unsere Anführerin lächelt freundlich mit, obwohl sie die Witze bereits von den vorhergegangen 53 Rundgängen des Jahres kennt. Einer der anwesenden Wiener meint, er würde gerne jede Woche kommen, wenn es nicht so weit weg wäre, denn in Wien bekommt man das gute Zwettler Bier ja leider kaum wo. Obwohl hier in einer der wenigen verbleibenden Privatbrauereien Österreichs vielleicht tatsächlich eines der wohlschmeckendsten Biere des Landes hergestellt wird, machen die Waldviertler, wie aus allem anderen auch, kein großes Aufsehen darum. Ein herbes, aber nicht bitteres Bier, lautet das Motto der Brauerei, es sollte auf die ganze Stadt ausgeweitet werden. Nicht nur die Brauereiangestellte ist sichtlich stolz auf das Getränk made in Waldviertel, auch die überwiegend aus der Region stammenden Anwesenden nicken anerkennend. Auf Englisch wird kein Programm angeboten, erfährt man auf Nachfrage, Zwettl und sein Bier sind für die Einheimischen reserviert. Während in die ums Eck liegende Wachau schiffsweise amerikanische Touristen über die Donau angekarrt werden, müssen die Österreicher im Waldviertel unter sich bleiben.
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Zum Abendessen geht es ins Wirtshaus im Demutsgraben. Die alte Gaststube scheint hier seit Jahrhunderten unberührt, der Wirt ist ein Original, wie man es nur an einem Ort wie diesem finden kann – auch wenn der rüstige Herr nicht von hier, sondern aus Tirol stammt. Ein Gast aus Wien ist extra noch geblieben und nimmt den Nachhauseweg bei Eis und Dunkelheit in Kauf, nur um noch einmal die berühmten Erdapfelknödel zu verkosten. Der Wirt nimmt dieses Kompliment sowie die Bestellung kommentarlos zur Kenntniss, was sollte er auch antworten. Schließlich sind seine Hausmannskost genauso wie das Waldviertel selbst eine raue Schönheit, bei der sich niemand jemals die Mühe gemacht hat, sie glatt zu polieren. Wer sie dennoch erkennen kann, den lässt sie nicht mehr los, und den wird auch die Kälte des Winters nicht von einem Besuch abschrecken, und umgeben von Bäumen, Schnee und Stille wird sie ohnehin wieder zu einem schützenden Umhang vor dem bösen Rest der Welt.